Chris Haring/Liquid Loft beim tanz ist Festival am Spielboden Dornbirn (Foto: Stefan Hauer)
Fritz Jurmann · 10. Mär 2016 · Musik

Existenzielle Hingabe an die Musik – Die Bregenzer Geigerin Editha Fetz musizierte 30 Jahre lang im Concentus Musicus von Nikolaus Harnoncourt (+)

Die Musikwelt trauert um den österreichischen Dirigenten Nikolaus Harnoncourt, der am 5. März 86-jährig in seinem Haus in St. Georgen im Attergau verstorben ist – genau drei Monate, nachdem er sich in einem handgeschriebenen Brief an die Öffentlichkeit aus Gesundheitsgründen von seiner aktiven künstlerischen Tätigkeit zurückgezogen hat. So ungewöhnlich und beispiellos wie dieser Abgang war auch seine Stellung im internationalen Musikleben als revolutionärer Erneuerer der Alten Musik und später jeder Art von Musik, als „Erfinder“ der Originalklangbewegung mit authentischer Musizierpraxis auf alten Instrumenten. „Die Musik jeder Epoche kann mit den Klangmitteln ihrer Zeit am lebendigsten dargestellt werden“, lautete das Credo des aus luxemburgisch-lothringischem Hochadel stammenden Musikers.

Harnoncourt hat auch in Vorarlberg Spuren hinterlassen. Zunächst, in den fünfziger Jahren, noch recht unauffällige als Cellist in den Reihen der Wiener Symphoniker  bei Konzerten der Bregenzer Festspiele noch in der alten Sporthalle am See. Weit deutlicher war die Prägung, die Harnoncourt von 1986 bis 1992 der damals in Feldkirch angesiedelten Schubertiade verpasst hat, wo er sich erstmals auch mit Klassik und Romantik auseinandersetzte. Mit international aufsehenerregenden Interpretationen von Beethovens „Fidelio“, der „Missa solemnis“ und einem Zyklus von Beethoven- und Schubert-Symphonien hob er die damalige symphonische Klangwelt mit einem Schlag aus den Angeln. „Es war, als hätte man von Feldkirch eine Milchglasscheibe entfernt, die bislang die Sicht auf die Klarheit dieser Musik verstellte“, attestierte mir damals der Musikkritiker Peter Cossé ins ORF-Mikrofon.

Drei Vorarlberger im Concentus Musicus


Schließlich gab es auch eine starke menschliche Verbindung zu Harnoncourts eigenem Originalklangensemble, dem 1953 zusammen mit seiner Frau Alice gegründeten, bis zuletzt intakten und erfolgreichen Concentus Musicus, und zwar in der Person dreier Musiker aus Vorarlberg, die langjährig in dieser Formation musizieren: die beiden Geigerinnen Andrea Bischof aus Klaus und Editha Fetz aus Lochau und dem Feldkircher Trompeter Herbert Walser-Breuß. Aus Anlass des Todes von Harnoncourt hat Editha Fetz (50) ihre Erinnerungen an die 30 Jahre ihrer Zusammenarbeit mit diesem ganz besonderen Musiker und Menschen formuliert.

Als Tochter des international bekannten Organisten, Cembalisten und Ensembleleiters Günther Fetz kam sie schon früh mit der Alten Musik und der von Harnoncourt propagierten historischen Spielpraxis in Berührung. Nach ihrer Ausbildung bei Prof. Roland Baldini, Prof.Thomas Füri und Prof. Boris Kuschnir spielte sie zunächst bei den „Österreichischen Bachsolisten“ ihres Vaters, später auch im Orchester der Zürcher Oper, im Freiburger Barockorchester und im SOV und leitet seit 1994 eine Ausbildungsklasse für Violine und Kammermusik am Landeskonservatorium Feldkirch. 2011-2013 hatte sie einen Lehrauftrag für Violine an der Musikhochschule Trossingen inne.

Noch während ihres Studiums in Wien kam Editha Fetz 1986, bereits als Zwanzigjährige, zum Concentus Musicus. Mit ihrer Nicola-Amati-Geige von 1669, die sie früh geschenkt bekam, hatte sie auch das erforderliche historische Instrument zur Hand, bei Bedarf samt Bogen mit Darmsaiten, und fügte sich damit nahtlos in das kostbare Instrumentarium des Ensembles ein. Sie wirkte seither regelmäßig bei großen geistlichen und weltlichen Konzert- und Opernprojekten in Wien, Salzburg, Luzern, Styriarte Graz und vielen internationalen Festivals mit.

Angesteckt vom Alte-Musik-Virus


Fritz Jurmann: Wie wurdest du als junge Musikerin in diesem längst international etablierten Ensemble aufgenommen?

Editha Fetz: Die Kollegen waren alle sehr nett, ich kannte den Konzertmeister Erich Höbarth von Meisterkursen. Ich hatte das Glück, dass mich schon drei Jahre intensive Konzerttätigkeit mit Andrea Bischof verbanden die schon vor mir im Concentus spielte. Der Stil war mir von den hervorragenden Musikern der Österreichischen Bachsolisten vertraut, die sich intensiv mit Aufführungspraxis, Artikulation, Phrasierung, Tongebung und der ganzen Spielweise auseinandergesetzt hatten.

Jurmann: Wie war nun konkret der Umgang mit dem großen Meister Nikolaus Harnoncourt, was hat er von seinen Musikern gefordert?

Fetz: Ihm war es sehr wichtig, dass jeder einzelne Musiker verstand, was er als Interpret mit seinem Konzept wollte. Als ehemaligem Orchestermusiker war ihm das ganz wichtig. Er hat mit großer Geduld und Hingabe die vielschichtigen Hintergründe der Werke unheimlich anschaulich erläutert und erklärt, was ihn zu seinen Interpretationen veranlasst. Aber es waren nicht nur die erwähnten Hintergründe, sondern alles wurde von seiner außergewöhnlichen Musikalität getragen. Auch unser Stimmenmaterial wurde vom Ehepaar Harnoncourt sehr genau vorbereitet und eingerichtet. Fast auf jeder Note waren Zeichen die vor allem auch der Rhetorik und dem Ausdruck dienen sollten.

Jurmann: War das nicht sehr kompliziert, das alles beim Spielfluss zu berücksichtigen?

Fetz: Das war vor allem in den ersten Proben meist schon eine große Herausforderung, aber das Ergebnis rechtfertigte die Bemühungen auf eindrucksvolle Weise.

Wie demokratisch war Harnoncourt?


Jurmann: War er bei den Proben in musikalischen Dingen der allein Bestimmende oder hat er auch andere Meinungen akzeptiert?

Fetz: Also er war eigentlich sehr froh, wenn seine Musiker mitgedacht haben. In den Pausen war er unaufhörlich in Gespräche vertieft. Jeder konnte mit Fragen zu ihm kommen und etwas einbringen, er war sehr kommunikativ, freundlich und offen. Aber letztlich wurde schon so gespielt wie er es wollte.

Jurmann: Wichtig war Harnoncourt sicher sein Humor, der zum Teil auch zum Sarkasmus wurde?

Fetz: Seine berühmt gewordene Bildersprache war so treffend und anschaulich, da sind wir oft fast am Boden gelegen vor Lachen … Eine Sängerin im Schönbergchor war auch Germanistin und hatte seine musikalischen Bilder mitgeschrieben und in einem Buch veröffentlicht. Er vermittelte uns zu jeder Phrase ein Bild, meist unfassbar phantasievoll und skuril, was dazu führte, dass wir Musiker viel lebendiger und ausdrucksstärker spielten. Beispielsweise „das muss klingen wie der Kuss eines Nashorns“. Seine Mimik und Körpersprache drückten ebenfalls unglaublich viel aus.

Jurmann: Staatsoperndirektor Meyer hat zum Tod von Harnoncourt gesagt: „Er hat allen die Ohren geöffnet um zu erkennen, was eigentlich hinter der Musik steckt. Kannst du das unterschreiben?

Fetz: Ja, auf jeden Fall. Harnoncourt gelang es seine Zuhörer zu einem aktiven und neuen Hören zu bewegen.

Die Summe seines Schaffens


Jurmann: Wenn man jetzt eine Summe seines Schaffens in der Musikforschung und -erneuerung ziehen sollte, wie würde das aus deiner Sicht aussehen?

Fetz: Er hat die Aufführungspraxis verändert wie niemand sonst und zwar sowohl in der Barockmusik, der Klassik und Romantik, bis zur Moderne. Die Auswirkungen seiner Arbeit sind gewaltig. Seine Forschungen korrespondieren ideal mit einer großen natürlichen Musikalität.

Jurmann: Wie wichtig war Harnoncourt für Dich als Musikerin?

Fetz: Er war für mich in meinem Leben die wichtigste Musikerpersönlichkeit, die mich vor allen anderen geprägt hat. Ich hab bei meinen Engagements in der Oper Zürich auch tolle Dirigenten wie Welser-Möst oder Chailly erlebt, aber diese Art von Musikvermittlung ist mir bei niemandem sonst begegnet. Er hat es auch geschafft, bei einer Probe mit großer Besetzung jeden Beteiligten so zu faszinieren, dass er nach zehn Minuten bereit war, das Letzte zu geben. Es war alles existenziell, jeder Ton! Etwas anderes ging bei ihm nicht durch, bis zu seiner letzten Produktion vorigen Sommer mit einer hoch spirituellen „Missa solemnis“ von Beethoven in Graz und Salzburg, die zu einer Sternstunde wurde.

Jurmann: Wie wird es nach Harnoncourts Tod mit dem Concentus weitergehen?

Fetz: In der nächsten Saison sind Kammermusikkonzerte in kleiner Besetzung im Brahmssaal im Musikverein in Wien geplant. Über die weiteren Planungen kann man jetzt noch nicht sprechen.