Kota – Lebensansichten eines Huhns
Silvia Thurner · 25. Sep 2024 · Musik

Mit Kreativität zu einer eigenen Klangsprache

Ein erfreuliches Vorarlberg-Debüt mit inspirierten Musiker:innen

Vor vier Jahren fand ein Kollektiv von jungen Musiker:innen zusammen, um gemeinsam im Streichorchester zu musizieren. Die Lebensmittelpunkte der Mitglieder wurden zum Ensemblenamen inn.wien ensemble und das gemeinsame Ziel lautet: Die klassische Musikausübung weiterdenken, neue musikalische Ideen entwickeln und Kooperationen suchen. Einen guten Partner fand das Streicherkollektiv im Wiener Jazztrio Drehwerk. Das (vorläufige) Ergebnis des kreativen Zusammenwirkens wurde im Theater Kosmos bei der Präsentation der ersten LP mit einem inspirierenden Konzert gefeiert. Voller Freude spielten die Musiker:innen in Streichorchesterbesetzung zusammen mit E-Piano, Kontrabass und Drums und präsentierten Eigenkompositionen, die direkt auf die außergewöhnliche Besetzung zugeschnitten waren.

Ein paar Mitglieder des inn.wien ensembles waren schon öfter im Theater Kosmos zu Gast. Sie sind nämlich auch Mitglieder der Camerata Musica Reno rund um Tobias Grabher. Die Lust am gemeinsamen Gestalten war den Ensemblemitgliedern ins Gesicht geschrieben und so war die Atmosphäre im Theater Kosmos von Beginn an locker und freundschaftlich. In einem guten Kontakt miteinander wirkten alle zusammen und zugleich musizierte jede:r Einzelne mit viel Eigenverantwortung.
Die Mitglieder des Jazztrios Drehwerk, Anna Reisigl, (Kontrabass), Felix Heiß (E-Piano) und Max Schrott (Drums) flankierten das Ensemble und steuerten die Kompositionen bei. Dabei gewährten sie dem Streichorchester viel Raum. Über weite Strecken hinweg entfalteten die Streicher:innen die melodischen Hauptthemen, während das Jazztrio die rhythmische Ebene ausformte. Mit Spieltechniken wie Pizzicati oder Tremoli verliehen sie den Klangfeldern unterschiedliche Texturen und boten damit Abwechslung und einige Spannungsmomente. Höhepunkte bildeten die Soli einzelner Musiker:innen, die ihre individuellen Charaktere widerspiegelten.
Viel Aufmerksamkeit lenkte Felix Heiß am E-Piano auf sich. Auch seine Kompositionen ließen aufhorchen. In Erinnerung blieb beispielsweise „Opus 2“, in dem über Patterns des Kontrabasses diffuse Streicherklänge Spannung aufbauten und sich dabei die musikalische Form allmählich entwickelte. Innere Bewegungsverläufe fächerten zusätzlich den Klang auf und die Jazzphrasierungen der Sologeige verliehen der Musik einen entspannten Touch. „Feed your mind“ zeichnete sich durch ,rockige‘ Elemente aus, die durch die straffen Striche der hohen Streicher verstärkt wurden. 
Die Werke der Kontrabassistin Anna Reisigl illustrierten unter anderem ihre Liebe zu den tiefen Registern. Die „Overture“ wurde mit atmosphärisch flirrenden Gesten eingeleitet, die Celli entfalteten ein reizvolles Thema und das E-Piano brachte sich mit einem anregenden Klaviersolo ein. Reizvoll entwickelte sich auch das Werk „Surroundings“, das mit minimalistisch verwobenen Tonlinien begann, schöne Streicherkantilenen beinhaltete und ein inspirierendes, rhythmisches Feeling verbreitete. Speziell für das inn.wien ensemble schuf Anna Reisigl das Werk „Über Vertrauen“. Beginnend mit einer gezackten Linie kam in diesem episodenhaft angelegten Stück ein alpiner Sound zum Ausdruck, der auch an amerikanische Folkmusic denken ließ.
Der Perkussionist Max Schrott präsentierte mit seinen Werken weitere Impulse. Die Rhythmik als treibende Kraft wirkte in „Agulhas“ sowie in „Benguela“ gut. Zugleich kristallisierte sich auch eine romantische Note heraus, die besonders in „Frail Nine“ zur Geltung kam. 
Von der Violinistin im inn.wien ensemble, Marlene Penninger, wurde das Werk „Etoiles“ uraufgeführt. In einem schönen Bogen sowie reizvollen harmonischen Wendungen entfaltete sich die Liedmelodie, die vom erdigen Klanggrund der tiefen Register getragen wurde.
Alle Werke lebten von einem mitteilsamen Erzählfluss. Als Ganzes betrachtet, würden die Kompositionen jedoch meinem Empfinden nach im Hinblick auf die harmonische Anlage mehr Wagemut vertragen. Auf ihren Instrumenten sind die Musiker:innen sehr versiert, sodass ihnen die Komponierenden auch ausgefallene spieltechnische Raffinessen zumuten können. Das niveauvolle Musizieren und die ehrliche Begeisterung sowie eine sympathische Bescheidenheit zeichneten die Performance aus. Auf die weitere Entwicklung und das Zusammenwirken des inn.wien ensembles sowie des Jazztrios Drehwerk dürfen wir uns freuen.

Tipp
Debüt-Album „LOST INSIDE“, inn.wien ensemble und Drehwerk, LP, 2024
www.inn.wien