Das Nederlands Dans Theater 2 beim Bregenzer Frühling (Foto: Udo MIttelberger)
Peter Füssl · 16. Apr 2024 · CD-Tipp

Magnus Lindgren & John Beasley: „Butterfly Effect“

Der schwedische Flötist, Saxophonist und Klarinettist Magnus Lindgren und der amerikanische Pianist John Beasley sind den Jazz-Fans in den letzten Jahren eher mit größeren Formationen aufgefallen. Zuletzt natürlich 2021, als sie gemeinsam mit der SWR Big Band und zehn Streicherinnen anlässlich des 100. Geburtstags von Charlie Parker das phänomenale, für vier Grammys nominierte und schließlich auch mit einem ausgezeichnete Album „Bird Lives“ eingespielt haben. Davor veröffentlichte Beasely mit seinem MONK’estra schon drei hochgelobte Alben mit hinreißenden Thelonious Monk-Arrangements, und Lindgren wirkte bei großformatigen Produktionen zum 100. Geburtstag von Charles Mingus und zum 30. Todestag von Miles Davis – beide in der ACT-Reihe Jazz at Berlin Philharmonic erschienen – mit. Umso überraschender kommt nun dieses hervorragende Duo-Album, das eindrucksvoll beweist, dass die beiden auch im kleinen Format zu glänzen vermögen.

Fünf der elf Eigenkompositionen haben sie gemeinsam geschrieben, vier stammen aus der Feder des Pianisten und zwei aus jener Lindgrens, aber das gesamte Album wirkt ohnehin wie aus einem Guss. Selbst die einzige Fremdkomposition, der Beatles-Klassiker „Come Together“ – mit rumpelndem Piano mächtig rockend und einer quirligen Querflöte, in die zum Teil auch hineingesungen wird – fügt sich nahtlos ins musikalische Gefüge. Und dieses erweist sich durchgehend als enorm kraftvoll, spannungsgeladen und virtuos. Bereits im Opener, dem Titelsong „Butterfly Effect“ wird klar, wie anspornend die phantasievolle Interaktion auf die beiden gewirkt haben muss und wie einfallsreich und selbstverständlich sie sich in der Jazz-Geschichte zu bedienen wissen. Vor allem der 63-jährige John Beasley verdankt seinen reichhaltigen Erfahrungsschatz den Kooperationen mit unterschiedlichsten Stars – von Freddie Hubbard, Miles Davis und Dianne Reeves über James Brown, Chaka Khan, Al Jarreau und Queen Latifah bis zu Ry Cooder, Steely Dan und den Spice Girls. Sein energiegeladenes Pianospiel wirkt vorwiegend hardbop-orientiert und in seinen Soli verblüfft er nicht nur mit seiner Fingerfertigkeit, sondern auch mit durchaus gewagten Harmonien. Der besonders von der europäischen Klassik, dem skandinavischen Jazz, sowie Pop und Soul beeinflusste Magnus Lindgren sorgt auf dem Tenorsaxophon für emotionale Höhepunkte und erinnert mit seinem lässigen und variantenreichen, mitunter sogar rockigen Querflötenspiel, dass eines seiner besten Alben „Stockholm Underground“ (2017) heißt und als glänzende Hommage an Herbie Manns legendären Flöten-Jazz-Klassiker „Memphis Underground“ (1969) zu verstehen ist. Rhythmisch tricky wandern Lindgren & Beasley durch „Shifting Dunes“, legen unglaublich viel Herzblut in das himmlische „Celestial“ oder fliegen auf einer mit unglaublich viel Luft geblasenen Flöte schwerelos durchs All („Infinity“) – bis zum Closer, dem stimmungsvoll verhallten und dennoch unterschwellig spannungsgeladenen Klanggemälde „Galaha“. Die hohe Kunst des Duo-Spiels in einer besonders abwechslungsreichen Variante!

(ACT)

Dieser Artikel ist bereits in der Print-Ausgabe der KULTUR April 2024 erschienen.

Konzert-Tipp: 1.6. Porgy & Bess, Wien