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26.04.2021 |  Kurt Bereuter

Buchvorstellung: Briefe an Angelika Kauffmann

Zugegebenermaßen klingt es etwas skurril, wenn man auf einen Brief antworten soll, den man in Gedanken nach 218 Jahren auf dem Dachboden findet. Allerdings wurde er von einer Frau geschrieben, die es schon damals geschafft hatte, in einer männerdominierten Welt erfolgreich zu sein: Angelica Kauffmann (1741–1807). Über Angelica Kauffmann muss man nicht viel schreiben, denn sie ist noch heute eine der Größen, der im Bregenzerwald mit einem eigenen Museum verdienstvoll gehuldigt wird. War doch ihr Vater ein Schwarzenberger Maler, der in Italien und England einigermaßen erfolgreich war und seine Tochter nach Kräften förderte und sie schon damals berühmt machte. Sogar den großen Goethe lernte sie kennen und er soll ihr huldigungsvoll die fertiggestellte Fassung von „Iphigenie“ vorgelesen haben. Nicht zuletzt haben sich Vater wie Tochter in der Pfarrkirche Schwarzenberg verewigt, auch wenn sie in Rom ihre ewige Ruhestätte fand. Und genau von dieser Tochter wird ein fiktiver Brief an ihren Vetter gefunden, der nun – nach mehr als 200 Jahren beantwortet werden will.

Die Ideengeberin und Umsetzerin

Die Idee zu einem solchen Experiment entstand in mehreren Etappen im Kopf der Gerda Schnetzer-Sutterlüty, die sich im Förderverein „Freunde-Angelika-Kauffmann-Museum“ engagiert und daneben auch lokalpolitisch tätig ist. Sie ist EU-Gemeinderätin und Vizebürgermeisterin der Gemeinde Sulz und stammt aus Egg-Großdorf. Mit diesem Experiment wollte sie dann auch beides in ein Bild stellen: die erfolgreiche Malerin und die politischen Dimensionen von damals und heute. Den kulturpolitischen Rahmen bildet die Europäische Union mit ihrem Anspruch eine persönliche Verbindung von Mensch und Politik zu generieren. Und darum heißt der Titel auch „Zeilen in die europäische Vergangenheit“ und soll zur Beschäftigung mit der heutigen Lebenszeit in der EU, sowie dem alltäglichen Wirken dieser in der Gegenwart, anregen. Für Gerda Schnetzer-Sutterlüty war es auch ein Experiment, wie Politik transportiert werden kann. In diesem Falle eben über eine kulturelle, künstlerische Art zuhause bei den Menschen an ihren Schreib- oder Küchentischen. Zu jedem Brief hat die Herausgeberin als Randspalte Kommentare verfasst, die auf die politischen Inhalte, Anliegen oder auch Problemfelder der EU-Politik Bezug nehmen. Da das Buch sowohl vom Land Vorarlberg als auch vom Bundeskanzleramt finanziell unterstützt wurde, wurden diese Kommentare auch von beiden Stellen vorab gelesen, gecheckt und teilweise ergänzt oder adaptiert. Die Idee als solches gab es in ähnlicher Form schon als „Briefe in die chinesische Vergangenheit“ von Herbert Rosendorfer, allerdings mit einem Zeitsprung von 1000 Jahren und einem Ortswechsel des Schreibers vom China in das moderne München. Aber es bleibt für die Herausgeberin eine spannende und reizvolle Idee von Kultur- und Politikvermittlung, die gerne kopiert werden darf.

Und dann kamen die Briefe an

Für Gerda Schnetzer-Sutterlüty war es eine Zeitreise in die Vergangenheit und teilweise auch in Gedankenwelten von Menschen, die der Malerin antworteten. Der fiktive Brief von Angelica Kauffmann wurde von Walter Fink geschrieben und an alle gleichermaßen versendet – mit Wachssiegel versteht sich. Obwohl sie nie glücklichere Zeiten erlebt habe, als im geliebten Rom, fehle ihr die Heimat, die dort sei, wo der Vetter ist. Und dann lässt Walter Fink Angelika Kauffmann fragen, wie es wohl in 200 Jahren im Bregenzerwald sein wird? Da sie selber schon 63 Jahre alt sei, seien ihr die Strapazen in die Heimat durch die vielen Grenzen zu mühsam. Zitat: „Und sollten sich einmal, wie in Frankreich ja schon geschehen, die Völker gegen die Adeligen erheben, dann werden auch meine Bilder nicht überleben. Wo werden dann die Königreiche von heute sein, wie wird Europa aussehen, werden noch wie heute Kaiser und Könige herrschen oder wird der ‚alte‘ Kontinent überrollt werden von neuen Mächten? Ich will mir das nicht vorstellen und hoffe auf den aufgeklärten, der Antike entstammenden Geist Europas.“
37 Menschen von ganz jung bis ganz alt haben geantwortet und es ist ein illustres Grüppchen von Schreibenden geworden: von den zwei fünf- und sechsjährigen Kindern bis zum Alt-LH Martin Purtscher.  Briefe von Vielschreibenden genauso wie von Menschen, die noch nie Eingang in ein Buch gefunden hatten. Je nach Zugang und persönlichem Empfinden sind die Briefe dann auch sehr unterschiedlich. Vom Huldigen über das Kritische bis zum Trivialen. Angestoßen durch den Brief findet sich oft das Thema der Gleichberechtigung der Geschlechter in den Briefen der Schreiberinnen und der technische Fortschritt ist omnipräsent, aber auch der Glaube an ein vereintes Europa in Form der Europäischen Union.   

Und was ist das Ergebnis außer einem schön gestalteten Buch?

Für die Buchherausgeberin sind wohl das Buch und eine Präsentation nach Corona im Angelika-Kauffmann-Museum das greifbare Ergebnis. Darüber hinaus sieht sie es aber auch als eine Art von Kulturvermittlung und politische Bildung in Bezug auf ein geeintes Europa. Politik hat zu jeder Zeit etwas mit dem Alltag von Menschen zu tun und betrifft die jeweilige Lebenszeit. Für die für damalige Verhältnisse weitgereiste Schwarzenbergerin, wie für die, die den Brief schon in Zeiten der Corona-Epidemie als Nichtreisende beantworteten. Dass auch Angelika Kauffmann und das Museum sowie der Förderverein davon profitieren sollen, versteht sich von selbst. Landtagspräsident Harald Sonderegger schreibt in seinem Vorwort: „Insgesamt bringt uns diese Sammlung von Briefen auf praktische und anschauliche Weise das Europa der Gegenwart näher. Einer Gegenwart, die die damalige Kosmopolitin Kauffmann … kaum hätte erahnen oder erhoffen können.“ Wenn dieses Buch dazu einen Beitrag leistet, hat sich das Experiment gelohnt, ansonsten sei es der Autorin und Angelika Kauffmann zu wünschen, dass es dazu beiträgt, eine Tochter unserer Heimat und in einem weiteren Sinne den Gedanken der Europäischen Union zu würdigen. 

Gerda Schnetzer-Sutterlüty (Hg.): Briefe an Angelika Kauffmann. Zeilen in die europäische Vergangenheit, Hohenems: Bucher Verlag 2021, Hardcover, 168 Seiten, ISBN 978-3-99018-579-7, € 22

 

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