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27.11.2012 |  Thorsten Bayer

„Toxic“ – eine ungewöhnliche Lesung mit begeisternder Live-Musik im Stadttheater Lindau

Das Buch trägt schon einen denkbar schrägen Titel: „10 Tipps, das Morden zu beenden und mit dem Abwasch zu beginnen“. Autor ist Hallgrímur Helgason aus Island, dem Gastland der diesjährigen Frankfurter Buchmesse. Den herrlich schwarzen Humor des Textes transportiert der Schauspieler und Musiker Uwe Ochsenknecht am Montagabend im Stadttheater Lindau gekonnt. Der eigentliche Star des Abends aber ist die Band, die extra für dieses Programm zusammengestellt wurde und sich folgerichtig „The Toxic Truth“ nennt.

Dieses Quintett, laut Homepage des Veranstalters eine „Rockjazz-Formation“, besteht aus H.P. Ockert (Trompete und Effekte), Klaus Webel am Keyboard, Gitarrist James Geier, Christoph Dangelmaier (Bass) und Schlagzeuger Andreas Zbik. Mal lassen sie Ochsenknecht allein mit seinem Text, meistens aber untermalen sie seinen Vortrag und verdeutlichen damit eindrucksvoll die wechselnden Stimmungen des Romans. Sie spielen zurückhaltend, aber sehr auf den Punkt. Dem häufig unterkühlten Ton des Textes schließen sie sich hingegen nicht an, sondern überzeugen durch ihr intensives Spiel.

Ein Killer namens „Father Friendly“

„Toxic“ ist der Spitzname des in New York lebenden Kroaten Tomislav Boksi. Ein passender Name, schließlich ist seine Arbeit als Auftragskillers tatsächlich „giftig“ für das Opfer. Wenngleich Toxic hohe professionelle Standards wichtig sind. „Das Opfer ist König“ heißt es an einer Stelle. Durch einen schiefgegangenen Auftrag – den ersten, wie er nicht müde wird zu betonen – muss er von New York nach Reykjavik fliehen. Hier ist es vorbei mit seinem Motto, das er mit „MWA“ zusammenfasst: möglichst wenig Aufsehen. Schließlich muss er überzeugend die Rolle eines amerikanischen Fernsehpredigers spielen, der auch im Ausland sogleich einen TV-Auftritt vor sich hat. „Father Friendly“ ist seine neue, ungewollte Identität.

Ein Stoff für Quentin Tarantino

Die Story hält einige Slapstick-Szenen und schöne Bonmots parat. So bemerkt Toxic beispielsweise zu Anfang, als er noch in New York ist, dass sein (Schein-)Job als Kellner (engl. waiter) im Restaurant „The Zagreb Samowar“ wirklich den Nagel auf den Kopf treffe: Die meiste Zeit verbringt er tatsächlich mit Warten. Auch den Begriff des Sixpacks hat er neu definiert: Für ihn sind das sechs Opfer in Serie, die er mit jeweils einer einzigen Kugel erledigt. Die Geschichte schreit geradezu nach einer filmischen Umsetzung von Quentin Tarantino. Die Extreme der isländischen Landschaft, der Heimat des Autors, unterstützen die extremen Haken, die diese Geschichte schlägt.

Weniger überzeugend hingegen sind die ernsten Momente, die immer wieder den Fortgang der aktuellen Geschichte unterbrechen. So locker er über heutige Aufträge sprechen und witzeln kann, sowenig gelingt ihm das mit früheren Verbrechen zu Zeiten des Balkankrieges, den er an der Front miterleben musste. An diesen Stellen stößt auch Uwe Ochsenknecht auf der Bühne an die Grenzen seiner Vortragskunst. So ganz kauft man dem Killer die nachwirkenden Traumata nicht ab – was wohl nicht nur der literarischen Vorlage geschuldet ist.

Musikalische Lesungen mit Joachim Król

Ochsenknecht, Träger des Deutschen Filmpreises, gelingt dennoch ein sympathischer und handwerklich sauberer Auftritt. Eine Pause hätte dem rund 100 Minuten langen Programm jedoch gutgetan. Fazit: Ein sehr gelungener Abend, der jedoch langfristig ein Problem nach sich ziehen könnte. Eine einfache Lesung, ohne begleitende Live-Musik auf diesem Niveau, könnte nach diesem Abend fast etwas langweilig wirken.

Mitte Januar gibt es übrigens eine ähnliche Veranstaltung: Dann liest Joachim Król aus „Gefährliche Geliebte“ von Haruki Murakami, begleitet vom South of the Border Jazztrio (Samstag, 12.1.13 im Stadttheater Lindau, am 11. Jänner auch im TaK Schaan).

www.kultur-lindau.de
www.tak.li

 

Hallgrímur Helgason, 10 Tipps, das Morden zu beenden und mit dem Abwasch zu beginnen, 270 Seiten, Klett Cotta Verlag, 20,30 Euro, ISBN-Nr: 978-3608501087

Uwe Ochsenknecht war zu Gast in Lindau.

Uwe Ochsenknecht war zu Gast in Lindau.

Seit rund 20 Jahren setzt der 56 Jahre alte Hesse auf Musik als zweites Standbein (Foto Jim Rakete).

Seit rund 20 Jahren setzt der 56 Jahre alte Hesse auf Musik als zweites Standbein (Foto Jim Rakete).

Die literarische Vorlage des Abends

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  • Uwe Ochsenknecht war zu Gast in Lindau. Uwe Ochsenknecht war zu Gast in Lindau.
  • Seit rund 20 Jahren setzt der 56 Jahre alte Hesse auf Musik als zweites Standbein (Foto Jim Rakete). Seit rund 20 Jahren setzt der 56 Jahre alte Hesse auf Musik als zweites Standbein (Foto Jim Rakete).
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