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03.05.2018 |  Anita Grüneis

Erwin Pelzig - Der freundliche Liftboy auf der globalen Palliativstation

Der deutsche Kabarettist Frank Markus Barwasser gastierte mit seiner Kunstfigur Erwin Pelzig und dem Programm „Weg von hier“ zum ersten Mal im Schaaner TAK. Es war ein furioser Einstand vor ausverkauftem Haus. Das Publikum war nach zwei Stunden restlos hingerissen. So direkt und umfassend hat noch keiner das aktuelle Zeitgeschehen auf den wunden Punkt gebracht. Einen Siedepunkt. Denn Erwin Pelzig ist wütend. Stinkwütend. Auf alles und jeden. Auch auf sich. Denn eines will er auf gar keinen Fall: Ein Arschloch sein. Doch gerade das scheint in der heutigen Zeit unmöglich zu sein. 

In seinen zwei Stunden zählt er auf, warum das so schwer ist und warum er mit der Zeit an sich fremdelt. „Weg von hier“ nennt Barwasser sein achtes Bühnen-Soloprogramm. Mit einer atemberaubenden (Rede-)Geschwindigkeit fegt er durch das aktuelle Zeitgeschehen – der Zustand der politischen Parteien in Deutschland, korrupte Staatsoberhäupter aller Orten, der aufblühende Populismus, soziale Gerechtigkeit, soziale Netzwerke. Big Data oder Industrie 4.0 – alles wirbelt er auf der Bühne herum, zerlegt es, geht den Problemen an die Gurgel. Dabei ist er kein Schlaumeier, der alles besser weiß, sondern – mit eigenen Worten – „der freundliche Liftboy auf der globalen Palliativstation“. 

„Drei-Stühle-Theorie" als Entscheidungshilfe

„Postfaktisch“ ist Erwin Pelzig unterwegs, in seinem fränkischen Dialekt heißt das natürlich „boschtfakdisch“. Für ihn stinkt die Zeit nach Untergang. Aber Rückzug sei auch keine Lösung. Wohin denn auch? In die Romantik, in der man mit Wirklichkeit ebenfalls schwer fremdelte und sich mit Gedichten wegschrieb? Pelzig plädierte für einen Perspektivenwechsel – das sei auch in Liechtenstein wichtig bei den vielen hohen Bergen. Helfen könnte dabei auch seine „Drei-Stühle-Theorie“, die er von Walt Disney übernommen hat. Ein Stuhl für den Träumer, ein zweiter Stuhl für den Kritiker und der dritte Stuhl für den Realisten. Pelzig führte immer wieder vor, wie diese Theorie in der Praxis funktioniert, so nahm er sich das Thema Industrie 4.0 vor, bei der Roboter alle Arbeit machen werden. „Ich weiß nicht, was ich von der Robotertechnik halten soll“, meinte Pelzig, setzte sich auf seine Stühle, träumte von einer idealen Zukunft, kritisierte die wegfallenden Arbeitsplätze und erzählte realistisch, dass unter anderem ein Herzschrittmacher auch ein Roboter ist. Außerdem würden bereits intelligente Sexroboter gebaut, „wobei man sich fragen könne, wozu ein Sextoy Intelligenz braucht“. 

Dreiergespräche am Stammtisch

Absolute Höhepunkte waren seine Gespräche mit dem protestantisch-konservativen Dr. Göbel, dessen Vater bei der SS gewesen ist, dem eher simplen Hartmut und Erwin Pelzig. Barwasser verkörperte alle drei, schlüpfte dabei mit atemberaubender Geschwindigkeit in die jeweiligen Persönlichkeiten und ließ so eine Stammtischrealität auf der Bühne entstehen, in der die Aktualität auf den Tisch geschmettert wird. Einig sind sich alle: Gier und Verkommenheit, wo man hinschaut. Kein Wunder, dass Dr. Göbel zum Schluss an der Welt verzweifelt. Da steht er vor 30 Biomarken, von denen er nicht eine einzige kennt, daneben liegen Produkte mit regionaler Marke und „mer muss sich entscheiden“. Dauernd müsse man sich entscheiden, weil man ja als Konsument und Bürger die Verantwortung trägt „Ich bin so grässlich müde“, meinte er und jeder im Saal applaudierte, weil diese Gefühlslage bei allen Zuschauern bekannt ist.   

Trotz der miserablen Weltlage behält sich der 57-jährige Frank Markus Barwasser seinen Optimismus und setzt frei nach Immanuel Kant auf die Vernunft, denn Kant habe gefordert, man solle den Mut haben sich des eigenen Verstandes zu bedienen. Nichts Anderes tut sein Erwin Pelzig und der Humor hilft ihm, nicht an der Welt zu verzweifeln. Er weiß eben: „Heimat ist da, wo man herkommt, wo einen jeder kennt und hinterherruft: Hau bloß ab“. Das war eine perfekte Schlusspointe für ein sensationelles Debut. 

Erwin Pelzig gab sein Debut im TAK und begeisterte das Publikum

Erwin Pelzig gab sein Debut im TAK und begeisterte das Publikum

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