Jordi Savall im Festspielhaus
Mit dem Programm „Die Elemente und die Furien“ gastierte Jordi Savall mit seinem Orchester Le Concert des Nations im Rahmen der Bregenzer Meisterkonzerte.
Der Spanier Jordi Savall, ein regelmäßig gerne gesehener Gast bei den Meisterkonzerten, wird heuer 82 Jahre alt und gehört noch zur Pioniergeneration der Alten-Musik-Szene. Während manche seiner Kolleg:innen mittlerweile ein wenig kürzertreten, ist Jordi Savall aktiv wie eh und je.
Sein aktueller Tourneeplan wäre auch für jüngere Musiker anstrengend. Holland, Frankreich, Spanien, Italien sowie die Türkei stehen innerhalb weniger Wochen auf dem Reiseplan und das auch noch mit unterschiedlichsten Programmen bestehend aus Musik von Monteverdi und Couperin bis zu Haydns „Schöpfung" und Beethovens „Missa solemnis". Das in Bregenz präsentierte Programm war zuletzt vor einem Monat in Luxemburg zu hören.
Die siebente Saite
Jordi Savall ist eine Ausnahmeerscheinung im aktuellen Musikgeschehen. Seit über 50 Jahren bereichert er als Gambist, Forscher, Pädagoge und Orchesterdirigent die musikalische Welt. Das Repertoire seiner drei Ensembles – Hespèrion XXI, dem Chor La Capella Reial de Catalunya und dem Orchester Le Concert des Nations – reicht von Musik des Mittelalters über die Renaissance bis hin zu Kompositionen des Barock und der Klassik, wobei ein besonderer Schwerpunkt auf der iberischen und mediterranen Tradition liegt. Darüber hinaus unterrichtete er fast 20 Jahre lang Viola da Gamba an der Schola Cantorum Basiliensis in Basel. Er hat weit über 200 Tonträger aufgenommen, die sich millionenfach verkauften und zahlreiche Auszeichnungen erhielten, darunter mehrere Midem Classical Awards, International Classical Music Awards und einen Grammy. Dem breiten Publikum wurde Jordi Savall durch die Musik zum französischen Film „Tous les matins du monde" (deutscher Titel „Die siebente Saite") aus dem Jahr 1991 bekannt. Die Geschichte um die beiden Gambenspieler Monsieur de Sainte-Colombe und Marin Marais (verkörpert durch Gérard Depardieu und seinen Sohn Guillaume) spielt zur Zeit König Ludwigs XIV und war - nicht zuletzt durch die Filmmusik von Jordi Savall - ein Welterfolg.
Enorme Klangentfaltung
Das Konzert im Bregenzer Festspielhaus am Mittwochabend endete mit zwei Zugaben inklusive Publikumsbeteiligung und Standing Ovations. Ganz zu Beginn kam man in die Versuchung, diesem Projekt niedere finanzielle Beweggründe zu unterstellen. Weit und breit kein Solist in Sicht, dazu kommt eine extrem kleine Orchesterbesetzung – einige Fakten, die auf das Ziel Gewinnmaximierung hinweisen könnten. Nach spätestens drei Minuten waren derartige negative Gedanken allerdings wie weggeblasen und man genoss ein meisterhaft gespieltes Konzert mit einem klug und abwechslungsreich zusammengestellten Programm.
Welche Klangfülle ein Orchester mit nur je drei ersten und zweiten Violinen, je zwei Bratschen und Celli sowie einem Kontrabass entwickeln kann, war schon erstaunlich. Dazu kamen Flöten, Oboen, Hörner, Cembalo, diverse Schlaginstrumente und Gitarre. Zumindest in den vorderen Reihen des Festspielhauses erreichte die Zuhörer eine Klangwolke, die man nicht erwarten würde. Diese Musikertruppe ist derart aufeinander eingespielt, dass es nicht einmal die allerkleinsten Differenzen gibt in Bezug auf Tempo, Agogik oder Balance. Als Teil eines gemeinsam atmenden Organismus fügt sich jeder in das musikalische Geschehen ein, keiner drängt sich vor oder bleibt zurück. Wirklich verblüffend ist aber die absolut perfekte Intonation, was auch der Grund für die enorme Klangentfaltung dieses Ensembles sein dürfte. Alle sonst üblichen Erklärungen, wie dass sich die Darmsaiten der Streicher unter den Bühnenscheinwerfern ständig verstimmen oder dass historische Blasinstrumente einfach nicht hundertprozentig sauber gespielt werden können, wurden an diesem Abend obsolet. Auch das bei historischem Instrumentarium übliche nervige Nachstimmen nach jedem einzelnen Satz fiel diesmal aus, und doch gab es über zwei Stunden lang nicht das geringste Problem mit der Stimmung oder Intonation. Das war sowohl faszinierend als auch aufschlussreich.
Ein Meister des französischen Barock
Musikalisch bestechen Jordi Savall und Le Concert des Nations durch eine absolut natürliche und im besten Sinne des Wortes selbstverständliche Spielweise. Das kommt dem ersten Programmpunkt, G.F. Händels bekannter „Wassermusik“, sehr zugute. Alles klingt vollkommen entspannt, ist dabei aber unglaublich ausgefeilt geprobt und wirklich brillant gespielt. Obwohl die Tempi oft sehr rasch sind, immer wieder Nebenstimmen hervortreten und die dynamische Bandbreite groß ist, hat man nie den Eindruck von „Hey, wir zeigen euch jetzt mal, was wir so draufhaben". Das Ganze ist eine ungewöhnliche Mischung aus unspektakulär und absolut perfekt. Dasselbe gilt ebenfalls für Jordi Savall als Dirigent. Auch die Programmfolge Händel – Gluck – Marais – Rameau sieht auf den ersten Blick chronologisch seltsam aus, ist aber dramaturgisch vollkommen schlüssig. Der zweite Programmpunkt, die Ballettmusik „Don Juan“ von Christoph Willibald Gluck, ist bereits der Frühklassik zuzuordnen und überzeugt auch ohne Tänzer:innen als interessantes Orchesterwerk mit zahlreichen Soli für die Bläser. Der zweite Konzertteil führte das Publikum nach Frankreich. Zunächst Musik aus der Oper „Alcione“ von Marin Marais, gefolgt von der Suite „Les Boréades“ von Jean-Philippe Rameau. Rameaus Musik ist wirklich originell, nicht nur geographisch ganz weit weg von seinen Zeitgenossen Bach und Händel, und steht für eine ganz eigene Musiksprache des französischen Barock.
Obwohl das Orchester zur Gänze aus Solist:innen besteht, muss man doch ein paar herausragende Leistungen hervorheben. Paolo Grazzi entlockte seiner Oboe zahllose traumhaft schöne Soli und scheint die Atemtechnik eines Apnoe-Tauchers zu beherrschen. Die beiden Naturhörner meisterten das gesamte Programm makellos und die fast schon akrobatischen Aktionen des Multiinstrumentalisten an den Pauken und diversen Schlaginstrumenten bleibt ebenfalls in bester Erinnerung.
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