Werkraum Bregenzerwald: Hirotoshi Kitamura erläutert reine Holzverbindungen, Noriaki Ikeda übersetzt. (Foto: MPS)
Fritz Jurmann · 01. Dez 2025 · Musik

Jetzt kann’s Weihnachten werden!

Der Pianist Steven Osborne überglänzte mit Mozart das 3. Abokonzert des SOV.

Es ist eigentlich gar nicht so abwegig, wie es zunächst scheint, sich einen Konzertabend als Geschenk für das geneigte Publikum vorzustellen, gerade jetzt in der ach, so stillen Adventszeit, wo es landauf, landab von grellen Weihnachtsmärkten nur so wimmelt.

Das Management des Symphonieorchesters Vorarlberg hat diese Idee bei seinem 3. Abokonzert am Wochenende in Feldkirch und Bregenz umgesetzt und die drei Stücke fein säuberlich und liebevoll in „Pakete“ verpackt, ähnlich dem epidemisch verbreiteten filmischen Märchenwerk „Drei Haselnüsse für Aschenbrödel“, an dem derzeit scheinbar wieder keine TV-Station vorbeikommt. Der Erfolg im vollbesetzten Festspielhaus konnte nicht ausbleiben.

Verpackung verrät den Inhalt

Das erste Päckchen mit originell orchestrierter Folkmusic von Benjamin Britten wurde in entsprechend buntes Papier gehüllt, in kostbare Goldfolie dagegen das zweite mit dem letzten Klavierkonzert Mozarts aus seinem Todesjahr 1791, entscheidend mitbestimmt durch das Debüt des wunderbaren Solisten Steven Osborne. Opulent aufgedonnert strahlte sich das dritte Präsent direkt aus Böhmen mit Dvořáks 7. Symphonie durch den festlichen Abend, ein Kraftpaket der speziellen Art. Somit war mit Musik des 20. Jahrhunderts, mit Klassik und Romantik für jeden Geschmack etwas dabei, die Auswahl der Werke bewusst allgemein ansprechend, aber ohne ausgesprochenen Hitcharakter. So soll es sein. 
Und auch hier kommt es, wie am Weihnachtsabend, nun zur Bescherung, zum Öffnen dieser Pakete, die mancherlei Überraschungen, Kontraste und sehr viel Wohlfühl-Eindrücke für das erwartungsvolle Publikum mit sich bringen. Wir wollen beim Glanzpunkt dieses Programms beginnen, wo sich die erste Überraschung im dritten Satz ereignet. Mitten im kalten, unwirtlichen Frühwinter in unseren Breitengraden blüht da urplötzlich eine berückend feine, schlichte Melodie auf, wie sie nur einem Meister wie Wolfgang Amadeus Mozart einfallen konnte. Wie aus himmlischen Sphären erklingt im Rondo seines späten, unglaublich reifen B-Dur-Klavierkonzerts Nr. 27 als Thema eines der schönsten Lieder, die je dem Frühling gewidmet worden sind und das später sogar zum Volkslied wurde: „Komm, lieber Mai, und mache die Bäume wieder grün“. 

Klavierkünstler von Format

Und da entfaltet sich nun um dieses Thema, das sich über den ganzen Satz erstreckt, ein wunderbares Geben und Nehmen zwischen dem Symphonieorchester Vorarlberg unter seinem kundig eleganten Chefdirigent Leo McFall und dem Solisten des Abends, dem Schotten Steven Osborne, einer aus der ersten Garnitur internationaler Tastenspezialisten und ein Klavierkünstler, der dieses Prädikat auch verdient. Er ist bisher in Vorarlberg vor bald 25 Jahren nur zweimal bei der Schubertiade aufgetreten und geizt auch jetzt bei seinem SOV-Debüt nicht mit seinen herausragenden Qualitäten. 
Doch es braucht eine gewisse Zeit der Eingewöhnung für die Zuhörer:innen, denn diesem drahtigen Steven Osborne will man rein äußerlich den Klaviervirtuosen nicht so einfach abkaufen. Er begibt sich, bescheiden im Auftreten und gekleidet wie ein besserer Buchhalter, wie selbstverständlich an sein Arbeitsgerät und entlockt dem sorgfältig intonierten Steinway aus dem Schweizer Musikhaus Hug wie mit links tatsächlich einen brillanten Mozart, aus dem die fantasievollen Kadenzen als Edelsteine hervorglitzern. Der Eindruck im gegenseitigen harmonischen Einvernehmen mit dem Dirigenten täuscht nicht, hat doch Leo McFall diese Verpflichtung eingefädelt.

Britisch cool

Alles paletti also, denkt man sich – wäre da nicht die Herkunft der beiden Protagonisten, Dirigent und Solist, aus dem britischen Königreich, der Engländer und der Schotte, deren Mentalität sich hier potenziert. Und so gerät dieses so sangliche, melodiöse Klavierkonzert zwar hoch virtuos, schnurrt behende ab, bleibt aber auch ein bisschen britisch cool und eine Spur zu reserviert. Etwas mehr Herzenswärme, da und dort ein kleines Rubato, ein Verschnaufen hätten dem Ganzen gutgetan. Das Orchester empfindet offenbar ähnlich, begleitet zwar wie üblich routiniert in einem gepflegten Mozartklang mit dem Holz als musikalischem Gegenpart zum Solisten, aber ohne besondere Gefühlsregungen.

Spieluhr als Zugabe

Von besonderem Zuschnitt ist die Zugabe von Steven Osborne. Seine sphärischen Klavierklänge scheinen wie von Zauberhand aus dem Nichts zu kommen, zart wie von einer Spieluhr, der der letzte Ton abhandengekommen ist. Die Petitesse stammt von Anatoly Lyadov, heißt „The Music Box“ und führt ein bisschen auf Weihnachten hin.
Eingeleitet wird dieser Abend mit einem Stück von Benjamin Britten, das in seiner erweiterten Tonalität freilich das SOV-Publikum nicht sonderlich überraschen und schon gar nicht aus der Ruhe bringen kann. Man hat sich an diese Programmierung gewöhnt. Die Art, wie Britten mit den Folksongs seiner Heimat umgeht, sie in originelle instrumentale Mischungen kleidet, ergibt bunte Bilder quirliger und lyrischer Klangereignisse und findet als Opener für Mozart viele offene Ohren.

Dvořáks leidenschaftlichste Symphonie

In voller Größe von 71 Musiker:innen und in glänzender Form stellt sich das SOV nach der Pause den hohen Anforderungen der Symphonie Nr. 7 in d-Moll von Antonín Dvořák, und man ist froh, dass es für einmal nicht dessen viel strapazierte Neunte „Aus der Neuen Welt“ geworden ist. Die Siebente war zu ihrer Entstehungszeit 1885 ein Bombenerfolg, ist heute aber relativ wenig bekannt und gilt durch ihre expressive und dramatische Kraft als leidenschaftlichste seiner neun Symphonien. Andererseits ist das Werk auch von erlesener Schönheit, etwa in der Melodienseligkeit des Adagios, wo allein 50 Streicher unter kundiger Führung von Konzertmeisterin Michaela Girardi auftrumpfen und die Solo-Klarinette von Francesco Negrini die Krone aufsetzt, und im temperamentvollen böhmischen Furiant des Scherzos. Das Finale fordert von Dirigent und Musiker:innen ein letztes Mal eine Ballung aller Kräfte und wird zum blechgepanzerten Klangereignis. 
Nach zwei Stunden sind die musikalischen Geschenke alle ausgepackt und genossen, begeisterter Beifall ist der Dank der Zuhörer:innen. Jetzt kann’s Weihnachten werden!

Das Konzert auf ORF Radio Vorarlberg: 19. und 26. Jänner, jeweils 21 Uhr

4. Abokonzert des SOV, mit dem Jazzorchester Vorarlberg (Benny Omerzell, Komposition, Tasteninstrumente & Martin Eberle, Komposition, Trompete) 
31.1.26, 19.30 Uhr, Montforthaus Feldkirch
1.2.26, 17 Uhr, Festspielhaus Bregenz