Abgelegene Orte des Seins
Von literatur:vorarlberg ist die Anthologie „V#41“ erschienen.
Die 2001 in Hohenems geborene und in Bregenz aufgewachsene Literatur-, Kunst- und Medienwissenschaftlerin Luna Levay, die als Poetry Slammerin, Lyrikerin und Prosaistin auch literarisch sehr aktiv ist, sowie der 1966 in Lustenau geborene Romancier und Dramatiker Jürgen Thomas Ernst sind die Herausgeber der soeben erschienen Anthologie V#41 von literatur:vorarlberg. Das von den beiden vorgegebene Thema lautet „Vorbild“. Mit dieser Anthologie wolle man sich auf die Suche begeben, „die uns durch abgelegene Orte des Seins wandern und in trubelige Emotionen eintauchen lässt. Wir steigen mit unseren Autor:innen in tiefe Abgründe menschlichen Denkens und erklimmen gemeinsam Gipfel des Zusammenhalts,“ schreiben Levay und Ernst gemeinsam im Vorwort. Insgesamt sind siebzehn literarisch Schaffende in diesem 138 Seiten starken Buch vertreten, die sich dem Thema auf unterschiedlichste Weise annähern. Drei Beispiele seien herausgegriffen.
Der 1958 in Egg geborene und in Schwarzenberg lebende Autor Norbert Mayer zum Beispiel zoomt in die Vergangenheit und setzt sich anhand eines Prosagedichtes auf die Spur des ehemaligen Bregenzerwälder Einsiedlers, Rebellen und Malers Alois Waldner (1900–1988). Es sei der „versuch eines brückenschlags zwischen kindheitserinnerungen und gegenwart inklusive subjektiver verklärungen und pathetischer anwandlungen“, schickt der Autor in der ersten Strophe des durchgängig in Kleinschreibung gehaltenen Textes voraus. Waldner, besser bekannt als „Holdo Hanso Wise“, war eine der interessantesten Künstlerpersönlichkeiten des Bregenzerwaldes. Ein Einsiedler auf dem Vöglerbrand einerseits, ein Mann mit unstillbarem Hunger nach Gesprächen, Gedankenaustausch und Unterhaltung andererseits. Er unterwarf sich keinem Diktat der Moden, weder in seiner Kunst noch in seinen Anschauungen. Mit für Mayer typisch stark rhythmisierten Sätzen erfährt man, wie er mit seinem Vater oder der ganzen Familie immer wieder zu „Holdo Wise“ hinaufwandert oder bei ihm zukehrt, um über alles Mögliche zu reden, mal heftig ernst, dann wieder lebhaft und heiter. Das Haus Wises erscheint dem Autor in der Rückprojektion als eine „Zauber-Hütte“ mit vielen Ingredienzen:
die gerüche der jahreszeit,
die gerüche des holzes, des feuers, des rauches,
die gerüche der pflanzen, der küche, der kleidung,
die gerüche der geschichte und vieler geschichten.
und alles und überall
vermischt und vermengt mit dem geruch der ölmalerei.
Ein Standardspruch von Wise war: „Sins tuo“. Also tue er seines „und versuche einen weg in jene vergangenheit zu finden, die heute sicher auch einen teil meiner gegenwart ausmacht“, zieht Autor Mayer einen der Schlüsse daraus. Unter dem Titel „zerwirbelt & verwoben“ erscheint übrigens im September dieses Jahres ein neues Buch von Norbert Mayer im Haymon Verlag.
Die 1990 geborene Autorin Veronique Homann beschäftigt sich in ihrer Kurzgeschichte „Die Kapelle“ mit der Bregenzer Nepomuk Kapelle. Eine fein erzählte unaufgeregte Geschichte über alltägliche Abläufe, wie sie überall vonstatten gehen könnten. Das Besondere daran ist, dass die Kapelle zum „passiven Akteur“ wird und beispielsweise ein altes Mütterlein, das sich um die Pflanzen kümmert, bereits am Gang erkennt. Oder registriert, wenn der Cowboy Streichhölzer vom Opferkerzentisch entwendet, um sich eine Zigarette anzünden zu können. Oder beobachtet, wie eine Taube unterschiedliche Tricks anwendet, um immer wieder in die Kapelle hineinzugelangen und sich auf Heiligen niederzulassen.
Eine Parabel hat die 1963 in Lustenau geborene Literatin Astrid Spiegel mit „Schnittmuster“ beigesteuert. Sie erzählt, wie sich eine Frau immer schon nach anderen orientiert hatte. Als Kind etwa wollte sie in die Haut von Pippi Langstrumpf oder von Luise aus Pünktchen und Anton schlüpfen. Später wünschte sie sich eine Frisur wie die Hauptdarstellerin in „La Boum – Die Fete“, oder sie wollte ein „auf Hochglanz poliertes Leben“ führen, wie es die in Magazinen abgebildeten Luxusmodells vorexerzieren. Später will sie Mathematikerin werden, dann Psychotherapeutin, und als sie Frieda Kahlo begegnet, Künstlerin. Aber aus alledem wird nichts. Bis sie „ihrem Mathieu“ begegnet und sich in einem Haus mit Garten und eigenen Kindern wiederfindet. Sie dreht sich im Hamsterrad mit goldenen Gitterstäben. Müde unter einem Baumriesen im Garten sitzend, erkennt sie letztlich, was es heißt, verwurzelt zu sein und die Jahreszeiten in Würde und Zufriedenheit zu leben. „Das will sie noch versuchen“, heißt es denn auch im Schlusssatz.
Dieser Artikel ist bereits in der Print-Ausgabe der KULTUR Mai 2025 erschienen. Hier geht es zum E-Paper.
Vorbild. V#41, hrsg. Von Luna Levay und Jürgen Thomas Ernst, 138 Seiten, ISBN: 978-3-903240-63-36, € 20
Präsentation der Anthologie: Mi, 21.5., 19 Uhr
Literaturhaus Vorarlberg, Hohenems
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