Die Sopranistin Emma Kajander und die beiden Komponistinnen Ethel Smyth sowie Elizabeth Maconchy verliehen dem vielschichtigen Orchesterkonzert des SOV mit Leo McFall am Pult eine besondere Strahlkraft. (Foto: Christian Lins)
Silvia Thurner · 10. Mai 2025 · Musik

Jede Grenze lässt Wege für Träume offen

Mélange Oriental brachte jüdische, arabische und europäische Musik in Einklang

Das Kulturfest emsiana in Hohenems bietet inspirierende Orte des Austauschs und der Begegnung. Literatur, Bildende Kunst und Musik bilden die Säulen des breit gefächerten Festivalprogramms. Unter dem Leitgedanken „Mélange Oriental“ waren im Salomon-Sulzer Saal großartige Musiker zu erleben. Vollkommen mühelos und authentisch musizierten Marwan Abado an der Oud und der Perkussionist Chen Zimbalista sowie Erich Oskar Huetter am Violoncello und der Akkordeonist Stefan Heckel über musikalische Genregrenzen hinweg. Die allseits bekannte Timna Brauer setzte mit jüdischen, sephardischen und jemenitischen Liedern dem vielschichtigen und unterhaltsamen Konzertabend die Krone auf.

Wo immer der palästinensisch-österreichische Musiker Marwan Abado auftritt, begeistert er durch seine musikalische Aussagekraft und seinen sympathischen Humor. Er spielt die Oud virtuos und komponiert Werke, die zwischen arabischen und europäischen Ausdruckswelten und Tonsystemen changieren. Zusammen mit den Quartettpartnern Chen Zimbalista, Erich Oskar Huetter und Stefan Heckel entfaltete er musikalische Beziehungsmuster, die eine große Sogkraft entwickelten. Eine starke Bezugsachse entstand zwischen Marwan Abado an der Oud und dem israelischen Perkussionisten Chen Zimbalista. Dieser trieb den musikalischen Fluss voran und begeisterte mit seinem feinsinnig differenzierenden Spiel auf den Bongos und der Rahmentrommel. 
Die Aufmerksamkeit zogen auch das diatonische Akkordeon auf der einen Seite und andererseits die ohne Bünde ausgestatteten Instrumente auf sich. Während dem Cello und der Oud sowie der Perkussion feinste intervallische Tonbeziehungen möglich sind, ist das Akkordeon auf zwölf Halbtöne beschränkt. Einige Werke von Marwan Abado bewegten sich fantasievoll zwischen der europäischen Themengestaltung und den ornamentalen harmonischen Feinheiten, die die arabische Musik so unvergleichlich poesievoll wirken lassen. Die meisten Lieder und Kompositionen von Marwan Abado zeichneten sich durch die Steigerungen und die spannend gestalteten Übergänge in improvisatorische Abschnitte und deren Rückführungen aus. Eher vom musikalischen Hintergrund aus bereicherte Erich Oskar Huetter am Cello die Kompositionen. Mehreren Stücken verliehen die melodisch tragenden Linien des Violoncellos eine weiche Tongebung. Markanter brachte sich Stefan Heckel am Akkordeon ein. Er nahm etwa mit Rufmotiven Kontakt zum Perkussionisten auf und trug die melodischen Gedanken improvisatorisch weiter. Mit der musikalischen Zeit spielten die Musiker im Werk „Anfang“, als sie den Tagesanbruch mit musikalischen Lichtspielen lyrisch nachempfinden ließen. Die Liedmelodie implizierte eine große Weite, die im improvisatorischen Teil weitergetragen wurde. 

Musik auch als politisch zu verstehende Botschaft

Ein Kern der Hoffnung und die Sehnsucht nach Frieden, die die Musiker auch in traditionellen jüdischen Liedern zum Ausdruck brachten, bildeten die Quintessenz aller Stücke und verliehen dem Konzert indirekt auch eine politische Note. Gut war in allen Werken erfahrbar, dass in der Musik keine Grenzen herrschen und erst die Verbindung aller Parameter ein gemeinsames Ganzes ergibt. So baute unter anderem das von Stefan Heckel komponierte Werk „Still growing“ mit dem hüpfenden rhythmischen Pattern und einer prägnanten melodischen Linie reizvolle Verbindungen zu den Werken von Marwan Abado auf. Besonders in Erinnerung blieben die wechselnden Rollen der Instrumente, die jedem Musiker Raum zur Entfaltung boten. Die armenischen Stücke, die die vier Musiker präsentierten, belebten mit ihrer rhythmisch treibenden Kraft die Sinne.
In seinem Werk „Jugend“ für Oud solo kristallisierte Marwan Abado seine große musikalische und spieltechnische Kunst am Instrument heraus. Faszinierend war zu hören, wie melodische Motive mit rhythmischen Begleitfloskeln zuerst einander gegenübergestellt und sodann durch Überlagerungen miteinander in Beziehung gebracht wurden. Insbesondere die musikalische Aussage dieses Werkes regte zum Weiterdenken an. 

Leidenschaftliche Ausdrucksfreude

Die charismatische Sängerin Timna Brauer und Marwan Abado kennen einander schon lange. Sie musizieren und singen mit Leichtigkeit und intensivieren genau damit die Wirkung. Einen großen Eindruck hinterließ das sephardische Liebeslied, in das Timna Brauer durch ihre stimmliche Varianz viel Emotion einbrachte. Das jüdische Lied „Shalom“ zelebrierten die Sängerin und die Musiker als Gebet zum Sabbat. Den Höhepunkt des Abends bot das Quintett mit der von Marwan Abado komponierten „Straßenmusik“. Einesteils tobten sich die Sängerin und die Musiker rhythmisch lustvoll aus, andererseits zogen sie mit ihrer stimmlichen Experimentierfreude die Zuhörenden in ihren Bann. Amüsant merkte Marwan Abado danach an, dass es für diese Art des Gesangs Olivenöl aus dem Heiligen Land und einen Schnaps aus dem Ländle benötige.
Zum Abschluss sang Timna Brauer jemenitische Hochzeitslieder. Besonders im zweiten Lied, in dem es darum ging, die bösen Geister zu vertreiben, entfaltete sie neben der farbenreich und ornamental geführten Stimme auch ihr erdiges Timbre und verlieh der Musik damit eine archaische Wirkung.
Zum Schluss motivierte Timna Brauer mit dem bekannten Hoffnungs- und Friedenslied „We shall overcome“ sowie einem usbekischen Hochzeitslied die Konzertbesucher:innen zum Mitsingen und Mitklatschen. Das war kein leichtes Unterfangen. Aber mit begeistertem und herzlichem Applaus dankte das Publikum für die geistreichen, sinnlichen und zugleich fröhlichen Lieder und Kompositionen.

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