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Michael Löbl · 01. Dez 2023 · Musik

Jauchzet, frohlocket!

Weihnachten ohne Weihnachtsoratorium – das geht gar nicht. In diesem Jahr hatten die Bregenzer Meisterkonzerte Johann Sebastian Bachs Meisterwerk in ihrem Programm.

Die Zusammenarbeit der britischen Ensembles Orchestra and Choir of the Age of Enlightenment mit dem japanischen Bach-Spezialisten Masaaki Suzuki ergab eine großartige Wiedergabe am Donnerstagabend im Festspielhaus Bregenz.

Wie fast immer standen die Teile 1-3 des Weihnachtsoratoriums von Johann Sebastian Bach mit Geburt Jesu, Verkündigung der Geburt durch die Engel und Anbetung der Hirten auf dem Programm. Schade eigentlich, dass die Teile 4-6 so viel seltener zu hören sind, aber diese sind textlich auf das Dreikönigsfest konzentriert und so kurz nach Weihnachten ist das Musikleben leider meist noch im Ferienmodus. Musikalisch sind diese drei Teile den ersten dreien zumindest ebenbürtig.

Qualität statt Quantität

Das 1986 gegründete Orchestra of the Age of Enlightenment ist eines der führenden „Period Instrument Ensembles“ in London und arbeitet mit verschiedenen Dirigenten wie Simon Rattle, Vladimir Jurowski, Philippe Herreweghe oder René Jacobs zusammen, außerdem spielt es regelmäßig Opern im Rahmen des Glyndebourne Festivals. Seit über 20 Jahren kooperiert der gleichnamige Chor mit dem Orchester bei Aufnahmen und Konzertreisen. Sechzehn Sänger:innen, vier Soprane, drei Countertenöre, ein Alt sowie je vier Tenöre und Bässe bildeten den Chor und gleichzeitig das Solist:innenquartett. Unter der Voraussetzung, dass jedes einzelne Chormitglied auch als Solist:in auftreten könnte, braucht es trotz der räumlichen Dimensionen im Bregenzer Festspielhaus eigentlich auch nicht mehr. Bereits nach ein paar Takten des berühmten Eingangschores „Jauchzet, frohlocket“ hat man sich auf den schlanken Chorklang und auch auf das klein besetzte Orchester eingestellt. Vollkommen entspannt lösten sich die vier Solist:innen aus dem Chor und traten für ihre Arien und Rezitative vor das Orchester, um sich anschließend ebenso organisch wieder unter die Chorkolleg:innen zu mischen.
Für diese Aufführung des Weihnachtsoratoriums hat sich eine Gruppe von Spitzenmusiker:innen auf der Bühne des Festspielhauses versammelt, man weiß eigentlich nicht, wen man besonders hervorheben soll. Im Orchester sind es die beiden Oboistinnen, die hauptsächlich die um eine Terz tiefer gestimmte historische Oboe d’amore spielten und diese schwierige Aufgabe mit wunderschönem Klang und perfekter Intonation meisterten. Beeindruckend auch die Leistung des Ersten Trompeters, der die zahlreichen gefürchteten hohen Passagen mit unglaublicher Leichtigkeit aus seinem Instrument hervorzaubert. Bei den Gesangssolist:innen sind es insbesondere der Countertenor Hugh Cutting und der Bass Florian Störtz, die beide durch wunderschöne Stimmfärbung und eine überlegene musikalische Gestaltung in Erinnerung bleiben. Aber auch die (eingesprungene) Sopranistin Jessica Cale und der Tenor Guy Cutting hinterließen einen starken Eindruck, letzterer vor allem in seiner Rolle als Evangelist. Wirklich auffallend bei allen Sänger:innen war ihre vollkommen akzentfreie deutsche Aussprache.

Historische Aufführungspraxis in Japan

Der Dirigent Masaaki Suzuki ist der bedeutendste Bach-Interpret Japans. Für die japanische Musikwelt ist er vergleichbar mit Nikolaus Harnoncourt oder John Eliot Gardiner in Europa. Durch die Gründung des Bach Collegium Japan im Jahre 1990 machte er die damals hierzulande bereits etablierte historische Aufführungspraxis in Asien bekannt. Nun waren Originalklangensembles nicht nur im Rahmen von Orchestertourneen zu hören, Japan hatte nun ein eigenes Ensemble, das Barockmusik – und hier vor allem J.S. Bach – im Stil der historischen Aufführungspraxis interpretieren konnte. Der Erfolg ließ nicht lange auf sich warten, und das Bach Collegium Japan unter seinem Gründer und Leiter Masaaki Suzuki wurde weltweit zu Konzerten eingeladen, von Publikum und Presse gefeiert und mit renommierten europäischen oder amerikanischen Formationen auf eine Stufe gestellt. In Zusammenarbeit mit dem schwedischen Label BIS haben Masaaki Suzuki und sein Bach Collegium Japan auf über 60 CDs sämtliche Kantaten von Johann Sebastian Bach eingespielt und damit mittlerweile fast schon Kultstatus erreicht. Suzukis Aufnahmen wurden vielfach international ausgezeichnet, unter anderem mit dem Preis der deutschen Schallplattenkritik, dem französischen Diapason d’or, dem BBC Music Magazine Award oder dem Gramophone Award 2020.
Masaaki Suzukis Gestaltung des Weihnachtsoratoriums ist schlank, spritzig aber nie gehetzt, die Musik atmet vollkommen natürlich und allen Solist:innen wird genügend Raum gegeben, sich musikalisch zu entfalten. Suzukis Interpretation ist am ehesten vergleichbar mit jener von John Eliot Gardiner, beide profitieren von der grandiosen englischen Barocktradition im Chor- und Instrumentalbereich und den hervorragenden britischen Musiker;innen. Nach der Pause, vor dem Beginn des dritten Teils, konnte der Chor seine unglaubliche Qualität mit Bachs Motette BWV 225 „Singet dem Herrn ein neues Lied“ noch einmal ganz speziell unter Beweis stellen. 

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