"Mit einem Tiger schlafen": Anja Salomonowitz‘ Spielfilm über die Künstlerin Maria Lassnig derzeit in den Vorarlberger Kinos (Foto: Stadtkino Wien Filmverleih)
Manuela Cibulka · 04. Feb 2023 · Theater

Im Laufrad gefangen – „Von Mäusen und Menschen“ feierte Premiere im Landestheater

Am Freitag hatte das von Agnes Kitzer für die Box im Landestheater Vorarlberg inszenierte Stück „Von Mäusen und Menschen“ nach dem Roman von John Steinbeck Premiere. Mit den Ensemblemitgliedern David Kopp und Nico Raschner wurden geballte Kraft und Spiellust geboten, und nach einer guten Stunde besten Theaters ohne viel Drumherum verlosch neben der Leuchtschrift „Something that happened" auch die Zuversicht der Figuren – nicht aber das „Berührt-Sein“ des Publikums.

Der 1937 erschienene Roman steht ganz im Zeichen der Tradition des American Dream – alles ist möglich! Am Anfang unseres Stückes steht aber nicht der Traum, sondern das Laufen – das Laufen im überdimensionierten „Hamster-" oder besser: "Mäuserad“. Das Weglaufen von der letzten Arbeitsstelle in jene Richtung, in der neue Arbeit und neuer Lohn gefunden werden können, aber auch das Laufen durch den Alltag, im Trott und Gleichschritt. Große, entschiedene Schritte, die David Kopp alias George in seinem laut holpernden Rad voranschreitet, während das Publikum seine Plätze einnimmt und abgeholt wird in seinen Gedanken. Von Mäusen und Menschen oder von Menschen als Mäuse?
Das Stück beginnt und der ausgepowerte George steht einem von allen Lasten befreiten, sozusagen glückseligen Nico Raschner alias Lennie gegenüber. Keine leichte Rolle, die hier zu spielen ist, aber Nico Raschner schafft im Laufe des Abends immer glaubhafter, diesen etwas zurückgebliebenen aber körperlich immens starken Burschen – mit jeder Szenen scheinen seine Schultern noch ein wenig breiter zu werden – zu verkörpern. Selbstversunken streichelt er neben den kleinen, gefangenen Mäusen immer wieder die große „Kuschelkarotten“ (Bühne und Kostüm von Marina Deronja), und scheint ganz versessen auf alles „Weiche" zu sein. Sein verträumter Blick, seine Uneinsichtigkeit und sein stetes Beharren auf Wiederholungen sind für George eine Geduldsprobe. David Kopp verkörpert dieses „Genervt-Sein“ von seinem Freund spürbar bis in alle Glieder. Nichts, aber auch nichts will sein Kompagnon sich merken und immer wieder passieren diesem dieselben Fehler. Dennoch wird dem Publikum in Szenen wie zum Beispiel jener, als Georg – dem Publikum zugewandt – die Geschichte ihrer beider Freundschaft erzählt, sehr schnell klar, wie verbindend die Beziehung der beiden ist und wie sehr der eine nicht ohne den anderen kann, denn „alleine wird man blöde“. Herausragend hier, dass dieser emotionale Monolog völlig überhitzt – direkt, nachdem im Rad zu einer vollen Songlänge von „You Are My Sunshine“ im Laufschritt gestrampelt wurde – präsentiert wird.

Der Traum vom kleinen, großen Glück

George und Lennie verbindet neben der Freundschaft aber vor allem auch der Traum vom großen Glück, vom kleinen Stück Land mit Hof, Hühnern, einem warmen Ofen und Kaninchen, die versorgt und gestreichelt werden müssen. Lennie kann die Geschichte dazu nicht oft genug hören und kurz scheint der Traum auch greifbar nah – die Apfelbäume erscheinen schemenhaft an der Wand und auch zum kleinen Haus gibt es ein eingeblendetes Bild.
Das Unheil in Gestalt einer Frau wird diesen Traum aber zerstören – das Publikum weiß es bereits. Werden alle anderen Nebenfiguren von den Hauptdarstellen selbst in kurzen Sequenzen dargestellt, erhält die unheilbringende Frau einen Körper und passend zu jedem Auftritt Bob Dylans „All the Tired Horses“ mit auf den Weg. In Form einer hölzernen Schaufensterpuppe, mehr oder weniger bekleidet mit einer Art Ganzkörperstrumpfhose, wird die „Frau“ von Nico Raschner geführt und mit unverstellter Stimme „besprochen“. Diese Szenen sind sehr gelungen und einprägsam, da nie ganz klar ist, wer von den beiden den anderen sprichwörtlich „in der Hand hat“. Schlüsselszene und unbedingt sehenswert deshalb auch das Ringen der Beiden um Gehörtwerden, Zuneigung und in letzter Konsequenz um das Leben, gegen Ende des Stückes, bei dem Kraft und gleichzeitige Hilflosigkeit in einer Person sichtbar werden.
Es endet böse und der befreiende Todes- und in diesem Falle wohl besser Gnadenschuss durch den Freund im unerwarteten Moment, während die schöngeredete Zukunft erzählt und Lennie diese vor Augen hat, besiegelt somit das Ende der Geschichte, der Freundschaft und des Traumes vom großen Glück. Das „Hamsterrad“ rollt und was bleibt ist der schale Geschmack des unentrinnbaren Schicksals.

Vorarlberger Landestheater / Box: „Von Mäusen und Menschen“ nach John Steinbeck
weitere Vorstellungen
: 8./17./18./19./2. sowie 3./6./12.5 jeweils 19.30
Diskussion zum Thema Rache, Masse, Gewalt am So, 12. Februar, 11.00 Uhr, Box (Eintritt frei)

https://landestheater.org/