Im Bläserparadies
Letztes Konzert des Themenblocks „Bläser“ bei den Montafoner Resonanzen
Das Musikfestival Montafoner Resonanzen hat die „Oslo Kammerakademi“ für ein Konzert am Samstagnachmittag in die Wallfahrtskirche Tschagguns eingeladen. Eine hervorragende Entscheidung.
Die Montafoner Resonanzen glänzen nicht nur durch ihr vielfältiges Programm, sondern auch durch ihre klare und leicht nachvollziehbare
Gliederung. Es gibt sechs Blöcke mit verschiedenen Schwerpunkten (Bläser, Kammermusik, Jazz, Volksmusik, Crossover und Orgel) von Anfang August bis Anfang September, nicht überlappend, sondern einer nach dem anderen. Das Konzert in Tschagguns fiel noch in den ersten Themenbereich „Bläser“.
Bei über 30 Grad am Spätnachmittag ist der Besuch einer Kirche klimatisch eine hervorragende Alternative zu vielen anderen Freizeitaktivitäten. Wenn dann auch noch ein absolutes Weltklasse-Ensemble den Weg von Oslo ins ferne Montafon gefunden hat, steht dem Genuss eines außergewöhnlichen und hochklassigen Konzerts nichts mehr im Wege.
Perfektionierter Ensembleklang
„Edvard Grieg und Leipzig“ war der Titel des Programms der „Oslo Kammerakademi“. Das Ensemble – deutscher Name „Kammerakademie Oslo“ – wurde 2009 gegründet und steht unter der Leitung von David Friedemann Strunck, Solooboist des Oslo Philharmonic Orchestra, der auch – trotz Totalausfall des Mikrofons gut verständlich – informative Details zu den drei Werken des Programms erläuterte. Die Bläser aus Norwegen musizieren in der Tradition einer Bläserharmonie, für die Komponist:innen von Mozart über die Romantik bis zur Gegenwart gerne geschrieben haben. Die Stammbesetzung besteht aus einer Flöte, einer oder zwei Oboen, je zwei Klarinetten, Hörnern und Fagotten sowie – ganz wichtig – einem Kontrabass als Klangfundament. Das ergab in der opulenten Kirchenakustik einen schon fast orchestralen Sound. Die neun Musiker:innen sind perfekt aufeinander eingespielt und haben die Balance zwischen den einzelnen Instrumenten im Laufe von über zwanzig Jahren perfektioniert. Dazu das klangliche Spektrum von der silbrigen Flöte bis hinunter zum Kontrabass in einem leicht halligen Raum – Liebhaber von Bläserkammermusik wähnten sich im Paradies. Den musikalisch heiklen und teilweise extrem virtuosen Sopranpart im Ensemble übernahm die Flötistin Annaleena Jämsä, für metallische Klänge war der Hornist Steinar Granmo Nilsen auf seinem Wiener F-Horn zuständig, ein Instrument, das eigentlich ausschließlich in Wien und den dortigen Orchestern zu hören ist. Und dann natürlich der Leiter des Ensembles, der deutsche Oboist David F. Strunck, der mit seinem samtigen, dunklen Ton die Tradition der leider vom Aussterben bedrohten deutschen Oboenschule weiterführt.
Leipzig als musikalisches Zentrum
Aber nicht nur Fans von Bläsern kamen in diesem Konzert auf ihre Kosten, auch für Raritätenliebhaber gab es einiges zu entdecken. Das Konzert begann mit dem Oktett B-Dur op. 216 von Carl Reinecke. Reinecke war ab 1860 Leiter des Gewandhausorchesters und einflussreicher Pädagoge am Leipziger Konservatorium. Schüler:innen und Studierende aus ganz Europa bewarben sich um einen Studienplatz an dieser Ausbildungsstätte, die Liste von Reineckes Schüler:innen ist lang und enthält prominente Namen wie Max Bruch, Ferruccio Busoni, Edvard Grieg, Arthur Sullivan, Ethel Smyth oder Frederick Delius. Sein Bläseroktett op. 216 hat durchaus symphonische Dimensionen und verbindet hochromantische Klänge mit instrumentalen Herausforderungen. Es war eine Zeit, in der alle Blasinstrumente ständig weiterentwickelt wurden und die Komponist:innen kaum mehr Rücksicht auf spieltechnische Einschränkungen nehmen mussten. Da der Veranstalter auf dem Programmzettel den letzten Satz unterschlagen hat, gab es unerwartet großen Applaus nach dem Adagio, nach dem brillanten Finale dafür umso weniger.
Finale mit Grieg
Auch der dänische Komponist Emil Wilhelm Hartmann war Stipendiat in Leipzig und ließ sich von der dortigen musikalischen Atmosphäre inspirieren. Seine Bläserserenade op. 43 ist ein richtiger Wurf und müsste viel öfter aufgeführt werden. In vier Sätzen mit originellen Ideen, wunderschönen Melodien und Solopassagen für jeden einzelnen Bläser zeigt Hartmann sein kompositorisches Können. Vor allem der zweite Satz, ein an Mendelssohn erinnerndes Allegro vivace, hätte das Zeug zu einem richtigen Hit der Bläserliteratur. Kein norwegisches Ensemble würde auf Reisen gehen, ohne etwas ihres Nationalkomponisten Edvard Grieg im Gepäck zu haben. Grieg wurde bereits als Jugendlicher im Alter von 15 Jahren nach Leipzig geschickt, wo er unter anderem bei Carl Reinecke studierte. Mit einer speziell für die Kammerakademie Oslo geschriebenen Bearbeitung von Griegs Lyrischer Suite op. 54 beschlossen die norwegischen Gäste das Konzert. Großer Applaus.
Am Donnerstag, den 13. August, beginnt der zweite Themenbereich der Montafoner Resonanzen, nämlich „Kammermusik“. Drei Konzerte mit dem hochkarätig und international besetzten Elma Ensemble in Schruns, St. Gallenkirch und Batholomäberg. Das Programm ist äußerst vielversprechend …
Weiterfürhrende Informationen:
oslokammerakademi.com
montafon.at/montafoner-resonanzen