Neu in den Vorarlberger Kinos: „Gaza mon amour" (Foto: Panda Film / Alamode Filmverleih)
Dagmar Ullmann-Bautz · 10. Nov 2023 · Theater

Herausfordernd … aber ein wunderbares Geschenk!

„Gier“ von Sarah Kane am Vorarlberger Landestheater

Gestern erlebte ein aufmerksames und neugieriges Publikum eine außergewöhnliche Premiere auf der Hinterbühne des Vorarlberger Landestheaters. Die performative Auseinandersetzung mit dem Stück „Gier“ der englischen Autorin Sarah Kane wurde von der Vorarlberger Künstlerin Bella Angora in Szene gesetzt.

Sarah Kane gehört zu den radikalsten britischen Autorinnen, in ihrem kurzen Leben (1971 – 1999) veröffentlichte sie fünf Stücke, die ihresgleichen suchen. Sowohl inhaltlich als auch formal sind ihre Texte verstörend neu, provokant, voller Poesie, emotional dicht, einfach außergewöhnlich und fordern somit auch eine spezielle Form der Umsetzung, der Inszenierung. Das Landestheater hat mit Bella Angora genau die Richtige gefunden; eine Künstlerin die sich ganz tief einlässt, die über theatrale Grenzen hinausdenkt und es gewohnt ist, eine musikalische und bewegte Bildsprache zu erschaffen, die von der ersten bis zur letzten Sekunde mitnimmt und berührt.

Beeindruckende Bilder

„Gier“ ist der erste nicht eigene Text, den Bella Angora inszeniert hat und dennoch bewältigte sie diese Herausforderung meisterlich, hat sie doch den Text von Sarah Kane in seiner gesamten Dramatik, in seiner Hoffnungslosigkeit, seiner Wut, seiner Verzweiflung, seiner unbändigen Sehnsucht erfasst und in beeindruckende und nachhallende Bilder gegossen.

Die große Sehnsucht nach einem Gegenüber

Vier Personen, jede isoliert, eingezwängt in ein bedrückendes Korsett, alle gezeichnet von Verletzungen und Kränkungen, sprechen Sätze, die schwere Kost sind, die vermeintlich zusammenhanglos daherkommen, assoziativ und fragmentarisch, jedoch in der Darstellung, in den Konstellationen, in den Bildern von Bella Angora ein großes Ganzes ergeben. Da sind vier Personen, die sich befreien wollen, die sich auf die Suche begeben, die ihren Schmerz und ihre Sehnsucht hinausschreien, die sich verstricken, von Liebe erzählen, von ihrer großen Sehnsucht nach einem Gegenüber, von der Ausweglosigkeit und dem Schmerz.

Wunderbare Schauspieler:innen

Vivienne Causemann, Luzian Hirzel, Nico Raschner und Ines Schiller bewältigen sowohl die textliche als auch die performative Herausforderung mit Bravour. Sie spielen genau auf den Punkt und sie treffen damit mitten ins Herz. Auch Bella Angora bewegt sich auf der Bühne, wo sie wie eine stille, fast unsichtbare Dirigentin agiert, das Tun besänftigt, beruhigt und ein Gefühl von Sicherheit vermittelt.

Spannend: Ton, Musik und Video

Ebenfalls auf der Bühne der Musiker Daniel Pabst, dessen Klänge und Töne einen spannenden Teppich weben, der manchmal ganz sanft durch den Raum schwebt, um sich dann wieder kraftvoll und laut Gehör zu verschaffen. Gemeinsam mit Oliver Stotz hat Pabst die musikalischen und eingespielten Elemente entworfen. Großartig geschnittene Textfragmente werden eingespielt und vervollständigten die gesamte Komposition.
Die Videos von Sarah Mistura sind wahre Kunstwerke, die von Bella Angora beeindruckend eingesetzt werden, besonders das Überspielen, das Doppeln der realen Person erzeugt Bilder, die man nicht so schnell vergisst.

Begeistertes Publikum

Dass man auf der Hinterbühne einreihig im Quadrat um den Spielraum und somit immer in der ersten Reihe sitzt ist eine wunderbare Idee. Alle sind ganz nah am Geschehen dran und bilden praktisch die atmenden Wände um die Protagonist:innen. Wer sich offen auf diese Performance einlässt, wird reich beschenkt, wird Bilder und Sätze mitnehmen, die die Kraft haben, noch lange nachzuhallen.
Das Publikum war begeistert, bedankte sich jubelnd bei den Darsteller:innen und dem gesamten Team. Dass wir in Bregenz die Möglichkeit haben, immer wieder außergewöhnliche Kunstwerke nicht nur im Kunsthaus, sondern auf der Bühne des Landestheaters zu genießen, zu bestaunen, zu bewundern, das verdanken wir nicht zuletzt Intendantin Stephanie Gräve, ihrem Gespür und ihrem Mut.

„Gier“ von Sarah Kane, Inszenierung: Bella Angora
weitere Vorstellungen: 11.11.23, sowie 27./28./30.3.24, jeweils 19.30 Uhr
Theater am Kornmarkt, Bregenz

https://landestheater.org/spielplan/detail/gier/