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20.12.2017 |  Peter Niedermair

Das waren die 15. Caritasgespräche in Arbogast

Mitte Dezember 2017 fanden im Bildungshaus St. Arbogast die 15. Caritasgespräche statt. „Der Mensch wird am Du zum Ich“ - ein Zitat des jüdischen Religionsphilosophen Martin Mordechai Buber, 1878-1965 – war das Motto; „Sinn / das Wesentliche / Beziehungen“ waren die Stichworte; vier hochkarätige Gäste waren eingeladen: Marianne Gronemeyer, Erziehungs- und Sozialwissenschaftlerin, Joachim Bauer, Neurowissenschaftler, Arzt und Psychotherapeut, Matthias Sutter, Volkswirtschaftler und Theologe, sowie Paul M. Zulehner, Pastoraltheologe und Religionssoziologe; Moderation Franz Köb, Mental Master Mind, Planung und Organisation Bernhard Gut.

Die 15. Caritasgespräche, wie alle bisherigen, schufen Raum für Begegnung und Dialog. Das vierte und eigentlich wesentliche Kernelement, auch im Sinne Martin Bubers, ist das Fragezeichen im Titel. Es steht für die Fragen nach dem, was uns verbindet, was uns als Gesellschaft zusammenhält, den Spirit des Miteinander und wie wir das an die nächste Generation weitergeben als u.a. Frage nach Teilhabe und Zugehörigkeit. In der Aufwärmrunde wird bald einmal deutlich, dass der Begriff „Sinn“ schwammig, schillernd, vieldeutig ist, wie andere Begriffe auch; Franz Köb bringt Erich Fromm ins Gespräch, es gehe um den Vollzug des Lebens, und David Steindl-Rast, lässt sich nachlesen, meint, Sinn sei dort, wo unser Herz Ruhe findet. Sinn, so stimmen die Gäste überein, habe mit einer Erzählung zu tun, mit einem Narrativ, heil werden heiße, aus Fragmenten wieder ein Narrativ für die Zukunft werden zu lassen. Zulehner zitiert Richard Rohr, einen US-amerikanischen Franziskanerpater aus Mexiko, „It is not necessary to be perfect, but to be connected.“ Franz Köb bringt Tatjana Schnell, empirische Sinnforscherin an der Universität Innsbruck und Gast bei den Caritasgesprächen vor vier Jahren, ins Gespräch, sie meint, Sinnerfüllung sei, dass man das eigene Leben als zusammenhängend und bedeutsam wahrnehme, dass man sich als Teil eines größeren Ganzen verstehen und grob die Richtung kenne, die man einschlagen möchte (Schnell, 2016). Pragmatisch stellt sie vier Kategorien auf, die einen nicht-theologischen oder existenziellen Zugang zur Sinnfrage eröffnen.

Marianne Gronemeyer – Die perfekte Gesellschaft – die menschenlose Gesellschaft? Sinn und Moderne

Sie kontextualisiert in ihrem Referat das Thema, eine Gesellschaft sei so gut wie der Umgang mit den schwächsten Mitgliedern und diskutiert radikal die Frage, was sich ändern würde, wenn wir das Nichtkönnen als Minderform des Menschseins begreifen könnten, als eine andere Art durch die Welt zu gehen, nicht als Makel sondern als eine Spielart des Menschenmöglichen. M. Gronemeyer reagiert seismographisch auf die täglichen Freiheitsberaubungen, die sie in Unruhe versetzen, wie etwa die Propaganda der Digitalisierung, auf die bereits Ivan Illich, ein austroamerikanscher Philosoph und Theologe reagiert habe, das was da vorangetrieben werde, werde die Nazigreuel weit in den Schatten stellen. Mit den Erfahrungen des Flüchtlingselends 2015 wurde deutlich, um anderen helfen zu müssen, brauche man eine zertifizierte Ausbildung und eine Hilfeleistungsberechtigung. Jene vielen, die halfen, machten jedoch die Erfahrungen, dass sie mehr konnten, als ihnen zugetraut wurde. Alles kam unerwartet, ein Land wurde umgekrempelt. es waren die erbarmungswürdigen Fremden, wie in der Geschichte vom Samariter, der half, weil ihm der Anblick des Geschlagenen in die Eingeweide fuhr. Diese Erfahrungen der Not, so Gronemeyer, hätten unsere Gewissheiten angekratzt aber auch Solidarität sichtbar gemacht; eine Loyalitätskrise wurde gewittert, das staatliche Gewaltmonopol wurde akzeptiert und durch ein Fürsorgemonopol ergänzt.

Integration und Inklusion

In der Folge diskutiert sie die semantischen Verschiebungen, die mit den Begriffen Integration und Inklusion einhergehen. Der Begriff der Inklusion habe sich durchgesetzt, die begriffliche Terminologie werde schamloser, integer heißt unangetastet, ungeschwächt, unverdorben und unbestochen; der Integrierte bleibe respektiert, der Inklusive werde in ein Wertsystem eingeschlossen. Bei der Inklusion gehe es um Eingemeindung, Integration meine nicht, dass sich die Definition an die Schwachen anpassen soll und verweist auf Martin Buber. Jedes Menschen Aufgabe bestünde darin, das mit ihm Gemeinte zur Geltung zu bringen. Die Aufgabe der Kranken sei eine andere, die Gesellschaft der Könner strahle Kälte aus und isoliere die Menschen voneinander. Gronemeyer zentriert auf die Haltung, es sei die Angewiesenheit aufeinander und nicht die Ertüchtigung, dass jeder alles alleine könne, unsere Begrenzungen seien vielleicht das Beste an uns. Es könnte auch das Lernen sein, die eigenen Begrenztheiten gut leiden zu können und sich zu fragen, wer denn die Normalitätsstandards setze, wer aus meiner Art zu sein ein Manko mache. Die Definitionsmacht zu erkennen, ohne sie anzuerkennen, sei eine Spielart, mit intolerablen Abweichungen umzugehen.

Desintegration – wie beim Zentralkomitee herumschweifender Eierdiebe

Je mehr Verschiedenheit wir gesellschaftlich suchen und wahrnehmen, desto erträglicher werde es, „hüten wir uns vor der Verherrlichung des Normalen“, die Welt halte viele Verrücktheiten, woraus sie ableitet, die auf Veränderung dringende Forderung heute heiße Desintegration oder Desertion, das Abseits als ein Ort für Deserteure. der Nicht-mehr- Mitmacher, der Befehlsverweigerer, der nicht der Mittäterschaft bezichtigt werde, im historischen Sprachgebraucht gelte der, der sich von der Truppe entferne, als feige. Die Refuseniks, die Nein-danke-Sager wollen nicht integriert werden, sehen sich als Successful Avoiders, sie weichen aus vor der Gefahr kuriert zu werden, erzogen, unterhalten, behaust, beraten, zertifizierte, folgsame Staatsbürger zu werden, diagnostiziert, informiert oder geschützt werden. Der Refusenik genieße das Privileg Außenseiter zu sein. Diese Haltung wurzle u.a. auch im „Zentralkomitee herumschweifender Eierdiebe“, eine Initiative in den 80er Jahren des letzten Jahrhunderts, die sich gegen die Vollkommenheit des Systems engagierte. Die Demobilisierung sei die einzige Art zu überleben. Marianne Gronemeyers Ausführungen fanden große Resonanz, so deutlich hat das selten jemand in dieser Gegend gesagt.

Joachim Bauer - Der Mensch als Beziehungswesen

Der Mensch sei ein Wesen, das auf Zuwendung und mitmenschliche Beziehung aus ist. Als Molekularbiologe und Neurowissenschaftler blicke man erst seit Kurzem in die Philosophie hinein. Sinn habe mit zwischenmenschlichen Beziehungen zu tun und entstehe erst dann, wenn zwei miteinander sind, es gehe um geteilten Sinn. In der altgriechischen Sprache, bei Platon und Aristoteles, war Sinn Logos, das heißt auch Wort, es gehe um etwas Soziales, die Frage, wie wir zusammenleben. Der Mensch existiere in der Gewissheit des Social Brain, wofür wir Kommunikatoren, Kooperatoren sowie Helferrezeptoren haben, die an den Kommunikationsstellen regulatorische Sequenzen über Botenstoffe steuern.

Gesundheit und Krankheit laufen über Rezeptoren, Lebensstile seien absolut entscheidend ebenso die Frage, welche Umwelt wir um uns herum haben, ob wir uns bewegen und gute soziale Beziehungen pflegen. Empirische Forschung zeigt, dass die Qualität der sozialen Beziehungen auf die Expression von Genen einen massiven Einfluss hat. Wir sind Wesen mit einem social brain. Diese Belohnungssysteme machen uns vital und lassen uns motiviert fühlen. Wenn das Individuum in guten sozialen Beziehungen lebe und die Erfahrung machen kann, ich habe Bedeutung für den anderen bzw. jemand setzt seine Hoffnungen auf mich, werde die wechselseitige Bedeutungserteilung spürbar, gesehen werden - sehen in einem tieferen Sinn, dass wir gehört werden. Die kommunikative Interaktion sei auch ein biologischer Prozess, aus sozialen Erfahrungen werden biologische Antworten. Wenn Menschen miteinander in Resonanz kommen, d.h. dass wir erhalten und anderen geben, wenn Signale, Sprache, Körpersprache, Gefühle und Intentionen aufgenommen werden, komme ein Spiegelsystem in Gang. Die Systemprozesse für den Perspektivwechsel spielen sich im präfrontalen Kortex ab, dieser habe Informationen, wie sich das, was mir andere spiegeln, wahrnehmen lässt.

Theory of Mind

Menschen sind sinnbedürftige Wesen, eine sinngeleitete Lebensweise führt zur Aktivierung lebenserhaltender Gene. Zusammenfassend: Wir sind Sinnwesen, wir können ohne Sinn nicht leben, eine sinnaffine Spezies. Soziale Verbundenheit verlängert die Lebenszeit, so die Evidenz basierte Medizin, die sagt, dass es hilfreich ist, wenn man nicht dauernd sozialen Krieg führe. Deshalb ist soziale Gerechtigkeit gesellschaftspolitisch so wichtig und darum müssen Ressourcen gerecht verteilt werden. Soziale Ungleichheit, das könne man per Index feststellen, korreliere mit destruktiven Verhaltensweisen, Gerechtigkeit zu haben und zu erfahren ist etwas Sinnstiftendes. Kinder sollen mit guten Bindungen aufwachsen, wenn sie keine Verbundenheit spüren oder in schlecht ausgestatteten Bildungssystemen aufwachsen, fallen sie leichter hinaus, an die Ränder, wo die Rattenfänger auf die einsamen jungen Leute, die keinen Sinn finden, warten. Es gehe, so Joachim Bauer, darum, sie in soziale Umweltprojekte einzubinden. Bedauerlicherweise fühlen sich viele in Fragmentierungen, Trennungen, in Ablösungen von Eltern. Angesichts veränderter Welten taugen die alten Konzepte nicht mehr, neue Sinnkonzepte müssen entstehen. Wir müssen von den Gemeinschaftskulturen lernen, kreativ miteinander im Gespräch zu sein. Logos. Wort, ahd sin, sinan kommt von idg sent, gehen, reisen, sentire, fühlen, wahrnehmen, sensus, ahd sinan, streben nach Sinn, der Sinn ist auf der Reise, der Menschen als soziales Wesen ist herausgefordert. Das magic word heißt Kooperation.

Paul Zulehner – „Die Welt ist nicht so schlecht, wie wir sie gerne hätten.“

Zulehner spricht über den Wandel von Kirche, deren Aufgaben des Heilens und Begleitens. Er betont den Wandel einer Ära und führt aus, die erste Aufgabe der Kirche wäre zu fragen, was sich bewegt und was die Leute bewege. Die Welt sei nicht so schlecht, wie wir sie gerne hätten, wobei er auf eine Begründung dieser These (leider) nicht eingeht. Es gebe einen Schatten der Angst, die Erbschuld, die uns daran hindere, Menschen zu werden. Ihm gehe es um den „Tanz der Liebe in Gott“, es gebe eine untergründige Einheit, eine tiefe Verwobenheit tangiere ihn heute als Theologe. Franziskus, sage, das alte Sinnsystem der Kirche kollabiere.

Es sei substantieller, diese Situation nicht über Strukturen zu lösen, sondern eine Orientierung zu entwickeln, wie dieser Übergang aussehen könne. Dazu müsse man sich der alten Gründungsgeschichte entsinnen, das Evangelium ohne Zugaben. Martin Luther, das Evangelium Franz von Assisis oder der Kodex Echternach, eine benediktinische Buchmalerei, sei das, woran sich die Kirche orientieren solle. Dort sei die aktuelle Frage der Reintegration thematisiert. Der offizielle Akt, der Aussätzige, das Leben soll gerade dort aufkommen, wo das Leben an den Rändern stattfindet, so wie der Buchmaler den Aussätzigen ganz an den Rand malt und somit radikal die Frage stellt, was dem fehle. Drei Erfahrungen fehlen. Die erste Erfahrung ist Ansehen. Der Aussätzige hatte kein Ansehen und konnte gestalterisch nichts machen. Er hatte keine Freiheit mehr, zweitens. Das Dritte wäre das Dazugehören. Das funktioniere, so das Bild in der Buchmalerei, eben nicht, weil er „hinausgesetzt“ ist. Jesus auf dem Bild betreibe Gesetzesbruch, breche die Normen, weil er die Gesetzesrolle in der linken Hand halte.

Resümee

Sinn – so die große Resonanz der 15. Caritasgespräche - ist nur in guten, heilsamen Beziehungen erfahrbar. Beim eingangs erwähnten, zur Ikone gewordenen Buberzitat, das sehr häufig verwendet wurde, für mich zu häufig, müsste man eigentlich schon ergänzen, dass für ein solches Gelingen – „Der Mensch wird am Du zum Ich“ – das Du ein gutes Du sein sollte. Gronemeyers Wort, die Entwirklichung der Wirklichkeit passiert durch Traumatisierungen, scheint mir eine große zentrale Aussage dieser Tage zu sein. Wenn der Glaube an die Zukunft zerbricht, dann stimmt nichts mehr. Sinn ist demnach keine Konstante, ein für alle mal. Sinn kann sich im Laufe des Lebens wandeln, er kann auch verloren gehen. Und im Sinne Paul Zulehners wäre es das Plädoyer, von einer moralisierenden zu einer therapeutischen Pastoraltheologie zu kommen. „Heil-land-Werden“ als Kirche, sagte er, bedeute, inmitten der Ängste vertrauen lernen. Die pastorale Ultraschall-Frage laute deshalb, wie wird Isaak morgen aussehen? Die alten Griechen wussten, die Sinnfrage ist mit der Frage der Haltung verbunden. Diese ist nicht starr sondern ein Vorurteil, sagt Illich, und wie ich zu meiner Haltung komme, das hat mit einem Du zu tun.

Für Caritasdirektor Walter Schmolly waren die zwei Tage bezüglich der Ausgangsfrage, wie unsere Gesellschaft in den aktuellen Herausforderungen Orientierung findet und was zur Stärkung des gesellschaftlichen Zusammenhalts beitrage, sehr gelungen. Er nehme erstens mit, dass es solches nur im „Weg-Modus“ gibt, also in Form der andauernden dialogischen Vergewisserung. Dafür brauche es entsprechende Gefäße und vor allem Menschen, die den Dialog immer wieder wagen und pflegen. Zweitens beschäftige ihn die „Kultur der Angst“, von der die Rede war. Angst zersetze die Solidarität und den Zusammenhalt. Eine gute gesellschaftliche Entwicklung setze eine tragfähige Basis des Vertrauens in der Bevölkerung voraus. Die Frage sei, aus welchen Quellen sich eine Haltung des Vertrauens heutzutage nähren kann. „Drittens fand ich die Ausführungen zum Gerechtigkeitsempfinden der Menschen interessant, das selbst noch die ökonomischen Beziehungen prägt. Ich hoffe, dieses wird zu einem guten Boden für faire politische, wirtschaftliche und soziale Strukturen, die dem Wohl aller Menschen verpflichtet sind.“

Zuletzt gebührt ein herzlicher Dank dem 15 Jahre lang aktiven Spiritus Rector dieser Caritasgespräche, Bernhard Gut. Er hat Themen in aufeinander bezogener Kontinuität in systemisch meisterhafter Form aufgeboten, ein klug aufbereitetes Seminar an Referierenden eingeladen, mit denen hochinteressante Gespräche stattfinden konnten, die zu einem wesentlichen Anteil von Franz Köb moderiert wurden. Das Bildungshaus St. Arbogast ist ein Think Tank in Vorarlberg.

 

Hochkarätige Gäste waren eingeladen (v.l.n.r): Joachim Bauer, Neurowissenschaftler, Arzt und Psychotherapeut, Marianne Gronemeyer, Erziehungs- und Sozialwissenschaftlerin, Moderation Franz Köb, Paul M. Zulehner, Pastoraltheologe und Religionssoziologe, Matthias Sutter, Volkswirtschaftler und Theologe

Hochkarätige Gäste waren eingeladen (v.l.n.r): Joachim Bauer, Neurowissenschaftler, Arzt und Psychotherapeut, Marianne Gronemeyer, Erziehungs- und Sozialwissenschaftlerin, Moderation Franz Köb, Paul M. Zulehner, Pastoraltheologe und Religionssoziologe, Matthias Sutter, Volkswirtschaftler und Theologe

© Horst Huber

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