Kunstbräu Award 2026: Alice Weber „Bewusstseinsverpuppung – Metamorphose eines Seins“
Silvia Thurner · 01. Jun 2026 · Musik

Freudvolle italienische Erkundungen

Der Orchesterverein Götzis mit Reiner Schuhenn am Pult und der Gitarrist Jisu Lee begeistern in Götzis

Der Orchesterverein Götzis zeigte bei seinem diesjährigen Matineekonzert mit einer großen stilistischen Vielfalt Mut und Einsatzbereitschaft. Unter der Leitung von Reiner Schuhenn erklangen Werke aus dem Barock, der Klassik, der Romantik sowie der Gegenwart, die allesamt einen Bezug zu Italien aufwiesen. Höchst konzentriert und engagiert gestaltete das Orchester die unterschiedlichen Werke aus. Im Mittelpunkt stand der Gitarrist Jisu Lee, der mit klarem Klang und sympathischer Bescheidenheit musizierte. Junge Musikbegeisterte erlebten am Vortag im Rahmen eines Familienkonzerts eine unterhaltsame Zeitreise mit Monika Tarcsay und Slugy (Simone Bösch). Sie hörten Auszüge aus dem Matineeprogramm, machten dabei unter anderem Bekanntschaft mit einem Concerto grosso und einer Harfe und erfuhren, warum ein Gitarrist an der rechten Hand lange und an der linken kurze Fingernägel hat.

Traditionell lädt der Orchesterverein Götzis am letzten Maiwochenende zur Orchestermatinee in der Kulturbühne AmBach. Im Mittelpunkt steht alljährlich ein:e Solist:in, dieses Mal wagten sich die Organisatoren und der Dirigent Reiner Schuhenn an ein Gitarrenkonzert. Zum gemeinsamen Musizieren war der aus Seoul stammende Gitarrist Jisu Lee eingeladen, der den ersten Satz des Konzerts für Gitarre und Orchester Nr. 1, op. 30 von Mauro Giuliani musizierte. Jisu Lee trat bescheiden auf und begeisterte mit seinen klar phrasierten Themengestaltungen und klanglich farbenreich differenzierten Modulationen. Die professionelle Verstärkung des Instruments ermöglichte dem Solisten eine präsente Musizierhaltung. Sensibel begleitete das Orchester den Solisten und spielte die Zwischenpassagen enthusiastisch. Dies hatte zur Folge, dass die Klangbalance nicht immer optimal austariert wirkte.

Vom Barock ausgehend

An den Beginn der Matinee stellte der Orchesterverein das Concerto grosso, op. 6, Nr. 4 von Arcangelo Corelli. Der Konzertmeister Markus Ellensohn und die Stimmführerin der zweiten Geigen, Sylvia Schwarz, sowie Thomas Dünser am Violoncello stellten die virtuosen Concertinopassagen wirkungsvoll in den Raum. Mit markanten Artikulationen und Phrasierungen leitete Reiner Schuhenn vom Cembalo aus und motivierte die Musiker:innen zu schwungvollen Linienführungen, die den Ecksätzen ein markantes, auch tänzerisches Profil und dem langsamen Satz einen liedhaften Charakter verliehen.

Klare Sicht auf die inneren Wirkzusammenhänge

Reiner Schuhenn genießt als Chorpädagoge, Dirigent und Autor einen herausragenden Ruf, er war Rektor der Hochschule für Musik und Tanz in Köln und ist seit 2021 in der Geschäftsführung der Firma Rieger Orgelbau tätig. Erst kürzlich erschien sein neuestes Buch „Lust am Singen“ beim Schott Verlag. Er bereichert mit Chor- Orchesterprojekten die heimische Musikszene und probte seit dem vergangenen Herbst mit dem Orchesterverein Götzis. Seine klare Sicht auf musikalische Verläufe kennzeichnete alle dargebotenen Kompositionen, transparent führten die Musiker:innen die Linien und folgten Schuhenns klarem Dirigat.
So formten die Orchestermusiker:innen auch die berühmten „Crisantemi“ von Giacomo Puccini zu einem abgerundeten Ganzen, das durch feinsinnige Linienführungen die zahlreichen Seufzermotive herauskristallisierte. Die Darbietung lebte von einer beeindruckenden Pianokultur, verlor sich aber durch den eher straffen Energiefluss nicht in sentimentalen Weiten.

In der Ruhe lag die Kraft

Mit atmendem Duktus erklang auch das Werk „Festina lente“ für Streicher und Harfe von Arvo Pärt. Die in unterschiedlichen Tempi agierenden Stimmgruppen musizierten in sich ruhend, sodass die übereinandergeschichteten melodischen Linien in einem gut tarierten Stimmenausgleich ineinanderflossen. Zum Abschluss wendete das Orchester den Blick auf Peter Warlocks „Capriol-Suite“. Die einzelnen Sätze erklangen transparent ausformuliert und die Tanzrhythmen prägnant geformt.
Die Freude der mitwirkenden Musiker:innen, die im Orchesterverein Götzis zusammenfinden, übertrug die gute Stimmung vom Podium ins Publikum. Ambitionierte Laien wirkten freudvoll mit semiprofessionellen Musiker:innen und Profis zusammen, junge Erwachsene und Musiker:innen bis ins Rentenalter teilten sich die Pulte und musizierten auf bewundernswert hohem Niveau zusammen.

Auf Spurensuche mit Slugy

Im Rahmen eines Familienkonzerts bezog der Orchesterverein Götzis auch die kleinsten Konzertbesucher:innen mit ein. Hierfür haben Monica Tarcsay und Simone Bösch vor fünf Jahren die Schnecke Slugy, eine liebevoll konzipierte Handpuppe, erfunden. In Form einer fantasievollen Geschichte erkundete Slugy mit ihrer Lupe einzelne Orchesterinstrumente.
Überdies spuckte „Rico“ Briefe aus, die die Kinder auf eine Zeitreise durch die Jahrhunderte schickte. Zahlreiche Mitmachaktionen brachten den Kindern die Form eines Concerto grossos näher. Reiner Schuhenn erzählte über das Cembalo, das Slugy als „Haudrauf-Instrument“ bezeichnete. In der Harfe sah Slugy zuerst ein Nudelsieb, und auch über die Männer mit den dicken Bäuchen, der Cellist und Kontrabassist, gab es einiges zu erfahren. Jisu Lee zeigte den Kindern seine Hände und wie er mithilfe seiner Fingernägel die Gitarrensaiten klangvoll zum Klingen bringt. Tanzend erlebten die Kinder die Barockmusik, und sie erfuhren mit Arvo Pärt, wie man das Sprichwort „Eile mit Weile“ musikalisch gestalten kann. Mit Elan motivierten Monica Tarcsay und Simone Bösch das junge Publikum. Der Orchesterverein Götzis setzte damit, unterstützt vom Lionsclub, ein wichtiges musikpädagogisches Zeichen.