Filmmusik mit den Eastwoods – wenn die Bilder zu Tönen werden
Viel Hollywood-Prominenz im Vaduzersaal mit „Eastwood Symphonic“ beim ersten Konzert der diesjährigen TAK Vaduzer Weltklassik Saison! Kyle Eastwood, ältester Sohn des berühmten Clint, gastierte mit einer Hommage an seinen weltbekannten Vater. Ein Abend voller Filmmusik, Gespräche und einem gewaltigen Sound-Erlebnis. Das Publikum dankte mit begeistertem, stehendem Applaus.
Schon an der Abendkasse wurden Ohrstöpsel abgegeben mit dem Hinweis, es könne laut werden. Es wurde sogar sehr laut – nur die flimmernden Bilder fehlten an diesem Abend, die musste sich jeder selbst vorstellen. Die Bühne konnte all die Musiker:innen kaum fassen, die für das Programm aufgeboten waren: Das Liechtensteiner Symphonieorchester in Höchstzahl, dazu das Quintett von Kyle Eastwood mit Andrew McCormack am Piano, Brandon Allen am Saxophon, Quentin Collins an der Trompete und Chris Higginbottom am Schlagzeug. Am Pult stand Gast Waltzing. Der Trompeter, Komponist und Dirigent aus Luxemburg hat die meisten der gespielten Stücke auch eigens für diese große Besetzung arrangiert.
Die frühen Filme und ihre Musik
Die Ouvertüre mit einem Mix aus Musik von Ennio Morricone, John Williams, Clint Eastwood, Michael Stevens und Kyle Eastwood klang bisweilen wie eine Symphonie von Richard Strauss, allerdings durchzogen von jazzigen Elementen. Danach waren die schönsten Themen bekannter Eastwood-Filme aus den Jahren 1966 bis 2008 zu erleben, darunter „Dirty Harry“, „Bridges of Madison County“, „Letters of Iwo Jima“, „Bird“, „Gran Torino“ und „Unforgiven“. Zwischen den jeweiligen Stücken flimmerten im Bühnenhintergrund Videoeinspielungen mit Gesprächen von Vater und Sohn, wobei sich der sonst wortkarge Clint Eastwood erstaunlich gesprächig zeigte. Leider ließ die Verständlichkeit etwas zu wünschen übrig – Untertitel wären hilfreich gewesen.
Jazz meets Classic
Harte Schale, weicher Kern – ein Attribut, das auf viele Filmrollen des raubeinigen Clint Eastwood zutrifft. Für viele war sicher überraschend, dass er nicht nur schauspielerisch tätig war, sondern auch die Musik zu etlichen seiner Filme selbst komponierte – wie die zentralen Themen zu „Flags of our Fathers“ und „Unforgiven“. Auch Sohn Kyle schrieb Musik für die Filme seines Vaters, wie zum Beispiel für „Letters of Iwo Jima“. Für den Film „Gran Torino“ schrieben sogar beide gemeinsam das Leitthema. Die Eastwoods sind in der Musik zuhause. Das ist Kyle Eastwood anzumerken, egal ob er die Bassgitarre spielt oder den Kontrabass, mit letzterem scheint er seine Musik sogar zu singen. Aber auch seine Bandkollegen sind allesamt Spitzenmusiker – so bestachen im Hauptthema des Films „Im Auftrag des Drachen“ („The Eiger Sanction“, vierte Regiearbeit von Clint Eastwood) die fantastischen Trompeten- und Klavier-Soli von Quentin Collins und Andrew McCormack. Der sonore Bass von Kyle Eastwood und das perfekte Spiel der Liechtensteiner Symphoniker ließen im Vaduzersaal mit flirrenden Klängen die Kälte des Bergsteiger-Dramas erahnen.
Jazz auch ohne Klassik
Anders hingegen die Empfindungen bei „Claudia’s Theme“ aus „Bridges of Madison County“ – dieses Leitmotiv hat Clint Eastwood selbst geschrieben. Hier sorgten die Trompete von Quentin Collins und das Saxofon von Brandon Allen gemeinsam mit dem ungemein flinken Andrew McCormack am Piano für eine melancholische und beinahe zärtliche Grundstimmung. In der Filmbiografie „Bird“ wird die dramatische Lebensgeschichte des Jazz-Saxophonisten Charlie Parker erzählt. Die Musik dazu stammt von Lennie Niehaus, mit dem Clint Eastwood viele Werke gemeinsam komponierte. An diesem Abend spielte Sohn Kyle die Musik zu „Bird“ mit seinem Jazz-Quintett (ohne Orchester) und ließ Blues vom Feinsten hören. Die Soli jedes einzelnen waren ein Erlebnis und der Groove breitete sich rasch im Publikum aus, das begeistert reagierte.
Neue Erzählweisen für den Film
Das gesamte Programm war clever aufgebaut, denn zum Schluss folgten zwei Werke von Ennio Morricone – die Hauptthemen aus „A fistful of Dollars“ und „The Good, the Bad und the Ugly“, Filme aus dem Jahre 1964 und 1966, mit denen Clint Eastwood weltberühmt wurde. Da konnte auch das Symphonieorchester aus dem Vollen schöpfen und zeigen, was für die Filmmusik der großen Komponisten prägend ist: Klassik und Jazz finden gemeinsam eine neue Erzählweise – Avantgarde und Unterhaltungsmusik verschmelzen zu einem Melodram. Deutlich wurde dies in Vaduz bei „Claudia’s Theme“ aus „Unforgiven“ (Erbarmungslos) – auf der Leinwand ist ein grauhaariger Clint Eastwood zu sehen, er sitzt auf einem Schimmel, hält den Cowboyhut in der rechten Hand und blickt verloren in die Ferne: „Der alte Mann und sein Pferd“. Das Klavier spielte ein virtuoses Solo, bis die Streicher des Orchesters einsetzten und einen nahezu zärtlichen Abgesang zelebrierten. Für diesen Film hat Clint Eastwood übrigens den ersten Oscar als Regisseur erhalten, er hat den Film aber auch produziert, bei der Musik mitgeschrieben und selbst die Hauptrolle gespielt. Das war 1992. Dieses Jahr wurde Clint Eastwood 93 Jahre alt. Und er denkt nicht ans Aufhören, sondern plant ein neues Projekt. Er will mit dem Gerichts-Thriller „Juror No. 2“ sein 40. Regiewerk auf die Leinwand bringen. Sein 55-jähriger Sohn Kyle tourt weiter durch Europa, sowohl mit seinem Quintett als auch mit der „Eastwood Symphonic“-Show.
Jung und Alt gemeinsam – auch das TAK hat sich entschieden, diese beiden speziell zu verbinden. So wird neu mit der Aktion Zeitpolster zusammengearbeitet. Die liechtensteinische Organisation Zeitpolster vernetzt Freiwillige mit älteren Personen, die Hilfe benötigen. So kann zum Beispiel jemand ins Theater gefahren werden. Für die erbrachten Dienstleistungen bekommen die Helfenden Zeitgutschriften, die sie später bei eigener Bedürftigkeit einlösen können.