"Mit einem Tiger schlafen": Anja Salomonowitz‘ Spielfilm über die Künstlerin Maria Lassnig derzeit in den Vorarlberger Kinos (Foto: Stadtkino Wien Filmverleih)
Gunnar Landsgesell · 10. Jul 2014 · Film

Die große Versuchung

Komödie über ein Fischerdorf im Niedergang. Durch eine List wird ein Mediziner (Taylor Kitsch) in das Dorf gelockt, durch den der Aufschwung ermöglicht werden soll. Gemächlich erzählte Posse mit einem nicht ganz eindeutigen Weltbild.

Einem kleinen Fischereihafen in der kanadischen Provinz Neufundland ist die Arbeit ausgegangen. Die Bewohner leben von der Sozialhilfe oder ziehen weg. Nur der bärtige Bürgermeister Murray (Brendan Gleeson) hat noch eine Zukunftsvision. Er möchte einen Industriebetrieb überreden, in ihrer malerischen Bucht eine Fabrik hochzuziehen, das verspricht zumindest Jobs. Die Bedingung des Unternehmens ist aber, dass dort auch ein praktischer Arzt gemeldet ist. Mehr durch einen Zufall lockt das Grüppchen ehemaliger Fischer den arglosen Schönheitschirurgen Paul (Taylor Kitsch) in ihr Nest und inszeniert mithilfe allerlei Tricks eine Idylle, wie sie dem Städter gefällt. Es dauert eine Zeit lang, bis Paul skeptisch wird.

„Die große Versuchung“ ("The Grand Seduction") ist ein Film, der die Gemächlichkeit seiner bärbeißigen Protagonisten bereitwillig aufgreift. Keine Inszenierung der lauten Töne und raschen Kommandos, selbst der Humor spiegelt jene provinzielle Schlichtheit, die das Publikum – und damit auch den Arzt Paul – für die Dorfgemeinschaft einnehmen soll. Viele der Versuche, sich als traditionsbewusste Kulturgemeinde auszugeben, stellt dieser Film als auffallend unbeholfen, ja hilflos dar. Etwa das Cricketspiel, das die Männer auf einer Anhöhe am Meer inszenieren, weil sie aufgeschnappt haben, dass Paul in den Sport vernarrt ist. Da sie die Regeln nicht kennen und wirr umherlaufen, bleibt nur die Mimikry über: die Fassade eines Spiels, das aus den angefertigten weißen Trikots besteht, den Schlägern und Bällen, und den geliehenen Emotionen. Auch als Zuseher des Films geht es einem ein bisschen so. Nicht nur, dass es die behauptete Idylle nicht gibt, scheinen die Dorfbewohner vor allem deshalb so apathisch und ihre Holzhäuser deshalb so baufällig zu sein, weil es darum geht, erklärten Underdogs eine neue Chance zu geben. Dafür hat man die Buchtbewohner zu simplen Gemütern stilisiert. Aber von welchen Dörfern erzählt dieser Film, in denen der Anschluss an das Heute so konsequent verweigert wird? Wo die gesamte Bevölkerung aus Sozialhilfeempfängern besteht, und die ultima ratio darin besteht, sich eine Fabrik mit Fließbandarbeit herbei zu wünschen? Da greift die Selbstbescheidung, in der sich diese Komödie mit leisem Humor übt, auch auf das Menschenbild über, das hier propagiert wird. Ein Häufchen armer Tropfe, und ein Mediziner, den das rührt. Auch das ist streckenweise komisch, aber noch komischer wäre es, wenn „Die große Versuchung“ die Mythen hinter der eigenen Erzählung karikiert hätte: Jene von den Männerträumen nach einer Natur, wie sie „unsere“ Väter noch gekannt haben. Wo die Familien noch groß waren und durch ehrliche aber harte Arbeit der Männer ernährt wurden. Wo Frauen noch ihren Platz kannten und die Dorfhäuptlinge noch das Sagen hatten. So gesehen ist die Wendung, dass Paul, der urbane Mediziner mit Machismo-Avancen, zunehmend den rückständigen Ort zu schätzen lernt, tatsächlich ein gelungener Witz. Und auch Bürgermeister Gleeson passt – als eine Art Vaterfigur für Kitsch – gut zur ideologischen Verfasstheit dieses Films. Ungeachtet dessen weiß der Film aber seinen spröden Charme einzusetzen. Gleeson weitet sein Repertoire zum Archetypus des (Ex-)Fischers aus, und Kitsch füllt seine Rolle als Blickfang voll aus.