Erinnerungen im Wohnzimmer
Ein Kindertheater über das Vergessen und Wiederfinden
Eine nur auf den ersten Blick ungewöhnliche Kombination haben sich Monika Hehle und Andreas Paragioudakis für ihr Kindertheaterstück vorgenommen: Kinder und Demenz. In „HEX-AGON“ ist das Publikum mit einer Geschichtenerzählerin konfrontiert, die immer wieder Dinge vergisst. Mit Fantasie und Einfühlungsvermögen können die Kinder helfen, ihre Erinnerungen zurückzubringen.
Eine alte Frau erzählt eine Geschichte. Es ist die Geschichte ihrer Erinnerungen, die auf seltsame Weise nicht mehr zur Wirklichkeit passt. Denn jedes Mal, wenn sie einschläft und wieder aufwacht, hat sich ihr Wohnzimmer komplett verändert. Sie wundert sich und fängt an, ihre Erinnerungen aufzuschreiben und erzählt als Hauptfigur von „HEX-AGON“ von sich selbst: Wer sie ist, was sie gerne macht und was sie als Kind immer geliebt hat. Aber weil sie auch dabei vergisst, was sie schon geschrieben hat, fängt sie an, sich zu wiederholen, bis ihr die Kinder im Publikum dabei helfen, sich zu erinnern.
Kindgerechte Auseinandersetzung mit Demenz
„Es ist im Prinzip ein theatrales Erzählformat mit Live-Musik“, erklärt Andreas Paragioudakis sein Stück „HEX-AGON“, das er zusammen mit Monika Hehle geschrieben hat. Paragioudakis hat in seiner Vergangenheit viele Kindertheaterstücke gemacht, die auf aktuelle Themen Bezug nehmen, „weil ich der Meinung bin, dass eine gewisse Sensibilität für Themen, die sonst unbekannt bleiben, schon im frühen Alter wichtig ist.“ Auf eine spielerische, mal lustige und mal tragische Art und Weise werde in „HEX-AGON“ nun kindgerecht vermittelt, dass es Menschen gibt, die aufgrund einer Demenzerkrankung Dinge vergessen, „und dass es da auch Wege gibt, diese Menschen zu unterstützen und zu verstehen. Es geht auch um eine gewisse Empathiebildung in diesem Stück.“ Denn während die Kinder mit der alten Frau auf einem großen Teppich im Wohnzimmer sitzen, werden sie aktiv dazu eingeladen, der Erzählerin zu helfen, wieder zurück zu ihren Erinnerungen zu finden. „Die Kinder sind gefragt, mitzudenken und mitzufühlen, und ich glaube, dass da eine gewisse Wirksamkeit entsteht.“ Dabei vergisst die Frau etwa ihren Namen, ihre Lieblingsfarbe oder auch den Ort, an dem sie den Zettel hingelegt hat.
Aus der Perspektive einer dementen Person verändert sich auch ihre Wahrnehmung. So ist der Schal, den sie strickt, plötzlich überdimensional groß und in der nächsten Szene wieder ganz klein. „Wir haben uns bewusst für einfache Mittel und Wege entschieden, die für Kinder zugänglich und wirklich sehr schnell abrufbar sind“, beschreibt Paragioudakis. Die Hauptfigur schläft immer wieder ein, und jedes Mal, wenn sie aufwacht, wiederholen sich die Geschehnisse, die die Kinder schon aus der ersten Szene kennen: Die Erzählerin versucht, sich zu erinnern, wer sie ist und was sie gerade machen wollte. So kommt das Stück nicht zu einer Lösung, sondern beleuchtet die Psyche einer Person, die Dinge vergisst und mit allen Mitteln versucht, ihre Erinnerungen zurückzuholen.
Überraschung und Staunen
Manche Aktionen funktionieren ohne Text, mit der Stille; manche werden musikalisch – mit Flöten, Klangerzeugern und elektronischen Klängen – untermalt, und oft wird auch das Bühnenlicht verwendet, um den Fokus auf die jeweiligen Möbelstücke zu lenken. „Wir arbeiten sehr viel mit der Überraschung und mit dem Staunen und versuchen, Momente zu erzeugen, die die Fantasie der Kinder fördert“, beschreibt Paragioudakis, der das Wesen des Kindertheaters auch darin begreift, unserer Welt, dem Übernatürlichen, dem Absurden oder dem Surrealen einen gewissen Akzent zu geben. „Denn unsere Welt ist von einer unfassbaren Ernsthaftigkeit belagert, und Kinder werden schon ziemlich früh damit konfrontiert und konditioniert, kann man fast sagen. Ich denke, dass eine wesentliche Aufgabe des Kindertheaters ist, eben das Reine, Naive, Absurde, Fantasievolle zu behalten beziehungsweise immer mehr in den Vordergrund zu stellen.“
figuren & klangtheater MUTZURA: HEX-AGON (ab 6 J.)
Figuren- & Klangtheater zum Mitgestalten – über das Erinnern, Vergessen und das Wiederfinden
Dauer: ca. 50 Minuten
Do, 18. und Fr, 19.12., jeweils um 10 und 15 Uhr
Theater Kosmos, Bregenz
www.theaterkosmos.at