Neu in den Vorarlberger Kinos: „Gaza mon amour" (Foto: Panda Film / Alamode Filmverleih)
Peter Füssl · 11. Feb 2024 · Musik

Drei Martins begeistern mit Zaubereien auf Tasten und Blech

Jazz&-Doppelkonzert mit Martin Eberle/Martin Ptak und Martin Listabarth am Spielboden

Wenn David Helbock als Kurator der Jazz&-Reihe am Dornbirner Spielboden einen anderen Pianisten bucht, darf man sich sicher sein, dass einen Hochkarätiges erwartet. Das war auch beim 32-jährigen Wiener Martin Listabarth der Fall, der den Abend mit einer exzellenten Solo-Performance eröffnete. Und wenn man meinte, man kenne schon alle wesentlichen künstlerischen Facetten des Trompeters Martin Eberle und des Posaunisten Martin Ptak, etwa von den Strottern, von Soap&Skin oder vom Retro-Filmorchester Velvet Elevator her, wurde man von ihrer Duo-Arbeit, die sie über weite Strecken an den Tasten bestritten, völlig überrascht – auf äußerst angenehme Weise.

Martin Listabarth – wundervolle Postkarten und Widmungen

Welch eine Fingerfertigkeit, denkt man sich bei den ersten Tönen, die Martin Listabarth am Spielboden aus dem Seiler-Flügel zaubert. Eine sich ins Ohr schmeichelnde, mit unzähligen Trillern gespickte Melodie, harmonische und rhythmische Raffinessen und zwischen wohltuender Wärme und unterschwelliger Dramatik angesiedelte Gefühlswelten – alles irgendwo im Spannungsfeld von Moderner Klassik, Impressionismus und Modern Jazz angesiedelt und mit einem Hauch Orientalischem garniert. Wie passend, wenn Listabarth das Stück anschließend mit „Istanbul at Midnight“ betitelt. Es stammt von seinem aktuellen, 2023 erschienenen Trio-Album „Postcards“, auf dem er gemeinsam mit dem Bassisten Gidi Kalchhauser und dem Drummer Alex Riepl auf musikalische Weltreise geht, macht aber auch solistisch dargeboten eine perfekte Figur. Das lässt sich ebenfalls von den zwei weiteren, von diesem Album stammenden Kompositionen behaupten, die der junge Wiener am Spielboden präsentiert: Auf „Cimetière du Père-Lachaise“ beschreibt er einen nebeligen Tag am berühmtesten und größten Pariser Parkfriedhof, der immer wieder von sich mühsam durchkämpfenden Sonnenstrahlen beleuchtet wird – Melancholisches mit kleineren Unterbrüchen. Und bei „Trans Siberian Express“ hört man die Räder rhythmisch über die Geleise rattern und wird in die unendlichen Weiten der Tundra entführt, die immer wieder Überraschendes bereithält. Listabarth betreibt mit Tasten und Pedalen anstelle von Pinseln großartige Klangmalerei und versteht es exzellent, das Publikum mit seinen Ansagen auf die Stücke einzustimmen.

Aber nicht nur Städte und Landschaften inspirieren den Pianisten zu Kompositionen, sondern auch mehr oder weniger berühmte Persönlichkeiten und deren außergewöhnliche Lebenswege oder Fähigkeiten. „Dedicated“ lautet der Titel seines 2022 erschienenen, zweiten Solo-Albums, von dem er ebenfalls einige Stücke präsentierte. In „Hercule Poirot“ dreht sich natürlich alles um den in seiner Selbstverliebtheit oft ungewollt komisch wirkenden Super-Detektiv aus der Feder Agatha Christies – ungemein lässig swingend, spannungsgeladen und ja, witzig. „Cholita Climbers“ ist einer Gruppe bolivianischer Frauen und ihrer Hauptaktivistin Lydia Huayllas gewidmet, die allen Machismo-mäßigen Anfechtungen zum Trotz in ihren bunten, traditionellen Gewändern die höchsten Berge Südamerikas erklimmen – zart, zerbrechlich, widerständig und kraftvoll zugleich wird hier mitunter in höchst dramatischer Moll-Färbung gebadet. „Turing’s Pattern“ ist eine Hommage an den britischen Logiker, Mathematiker, Kryptoanalytiker und Informatiker, dem es gelang, den für die Alliierten ungemein wichtigen, geheimen, Enigma-generierten Nazi-Code zu entschlüsseln, was ihn aber nicht davor schützte, noch 1952 wegen seiner Homosexualität zwangssterilisiert zu werden – zwei Jahre später endete sein Leben im Suizid. Ein nachdenkliches Stück, das Listabarth auf Basis eines Codes komponiert hat, nämlich 761954 für den Todestag Turings am 7.6.1954. Für Fußball-Fans unschwer zu erkennen, bezieht sich „The Hand of God“ auf Diego Maradona, dessen quirlige Dribbelkünste manchen Gegenspieler zur Verzweiflung trieben und dessen starkem, linken Fuß der Pianist nun eine überaus starke, linke Hand gewidmet hat – ein  rasantes Stück, das musikalisch auch dem Fakt gerecht wird, dass der Fußballkünstler sein möglichweise wichtigstes WM-Tor regelwidrig mit der Hand erzielte. Auch einer zentralen Figur des Wiener Praters im 19. Jahrhundert, Basilio Calafati, wird ein temporeiches, mit witzigen Details gespicktes Denkmal gesetzt. Das Stück erinnere ihn, erzählte der Prater-Fan, an die eigenen Schwindel, die er beim Karussellfahren erleide – aber Listabarth versteht es halt, in allen Lebenslagen dennoch zu grooven. Und er ist ein exzellenter musikalischer Geschichtenerzähler. Womit wir bei Michael Köhlmeier wären, dem die Komposition „Fairy Tales and Myths“ auf dem „Dedicated“-Album gewidmet ist. Möglicherweise ist Listabarth entgangen, dass der Autor ein Vorarlberger ist, sonst hätte er das Stück am Spielboden wohl auf die Set-List gesetzt. Dem großen Vergnügen, das dieser Solo-Abend dem Publikum bereitete, tat dies allerdings keinerlei Abbruch.   

Martin Eberle & Martin Ptak – zwei Bläser (auch) an den Tasten

Der Posaunist Martin Ptak und der Trompeter und Flügelhornist Martin Eberle spielen schon seit Jahren in der ersten Liga der österreichischen Blechbläser und sind längst in einer Vielzahl teils auch international erfolgreicher Projekte präsent. 2012 lernten sie sich bei den zeitgenössischen Wienerlied-Spezialisten Die Strottern kennen, als diese ihre Band um Blechbläser erweiterten, anschließend traf man sich bei diversen Projekten der Jazzwerkstatt Wien, beim Velvet Elevator Orchestra, oder in der Band der höchst eigenwilligen und innovativen Singer-Songwriterin Anja Plaschg, besser bekannt als Soap&Skin. Vor zwei Jahren veröffentlichten Ptak und Eberle beim in Wien ansässigen, auf exzellente zeitgenössische (Nischen-)Musik spezialisierten Plattenlabel col legno ihr erstes Duo-Album „Momentum“, das die beiden Bläser erstmals auch ausführlich an diversen Tasteninstrumenten präsentierte. Am Spielboden spielte Ptak hauptsächlich am Flügel, aber auch am Roland Juno-60, einem im Synthpop sehr beliebten japanischen Synthesizer der frühen 1980er-Jahre. Eberle bediente ein Fender Rhodes Piano und ein von der Optik her archaisch wirkendes Kasten-Harmonium.

Die neun Titel auf „Momentum“ sind während der Corona-Pandemie und den damit verbundenen Lockdown-Zeiten entstanden, also in einer Zeit des erzwungenen Stillstands, aber auch – um einmal einen eventuellen positiven Effekt zu nennen – der Möglichkeit, fernab jeglichen Trubels wieder einmal in sich zu gehen. Es sind weitgehend durchkomponierte Stücke, die eine große Ruhe verströmen und beim Zuhören in wundervolle Klanglandschaften eintauchen lassen, die Ptak und Eberle unter Nutzung eines breiten Klangspektrums auf den unterschiedlichen Tasteninstrumenten und am von ihnen gewohnten Blech generieren. Dies trifft etwa auf den „Rain Song“ zu, mit seinem langen, warmen und stimmungsvollen Piano-Intro Ptaks und einer wundervollen, höchst emotionalen Flügelhorn-Melodie Eberles. Eine Mischung aus J.S. Bach und Synthie-Pop-Feeling verbreitet hingegen „Juno“, wo Ptak auf dem gleichnamigen Synthesizer wellenförmig hervorquellende Klangwolken spielt, Eberle am Harmonium mit zusätzlichen Klangfarben verdichtet und sich schließlich beschaulich schwebende Posaunen- und Flügelhornlinien über den auf- und abschwellenden Electronic-Sound legen. Welche wundervollen Klangerforschungen. Das alles hat durchaus cineastische Qualitäten, und auch die stimmungsvolle Piano-Flügelhorn-Ballade „pARaMios“ ist im Stile alter französischer Filmmusik gehalten, wie die Musiker erklärten. Etwas aufgewühlter wirkt „Ringo“, das Ptaks gleichnamigem Kater gewidmet ist, der während der Corona-Pandemie zu allem Verdruss auch noch das Zeitliche segnete.

Mehrere der an diesem Abend gespielten Titel stammten aber auch von Martin Ptaks 2018 ebenfalls bei col legno erschienenen Album „River Tales“, für das sich der in Krems geborene und aufgewachsene Musiker von Kindheitserinnerungen und Eindrücken vom vielfältigen Leben an der Donau inspirieren ließ. Die ursprünglich für ein Dutzend Musiker:innen an Tasten-, Streich- und Blechblasinstrumenten geschriebenen, klangmalerischen Stücke lassen sich offenbar mühelos auf das Duo-Format herunterbrechen, wobei der die Klangsprache prägende Minimalismus dadurch eher noch mehr zur Wirkung kommt. Eberle und Ptak spielten „The Source“ und „Panta Rhei“ – das Eröffnungs- und das Abschlussstück des Albums – an diesem Abend gleich hintereinander. Zu schwebenden Orgeltönen und nachdenklicher Trompete gesellte sich die Posaune und schließlich prägten getragene Akkorde auf dem Flügel die Stimmung – eine unglaublich sanfte und ruhige Wunderwelt. Das änderte sich im zweiten Teil schlagartig, die fast schon Minimalmusic-artig wirkenden Pianotöne überschlugen sich beinahe, und Eberle steuerte mit der linken Hand Keyboard-Töne und mit der rechten Flügelhorntöne bei.

Aber es fehlte keineswegs an Abwechslung, denn manche Stücke klangen bedeutend experimenteller. Etwa jenes, das aus der „Ganymed“-Performance-Serie im Kunsthistorischen Museum in Wien stammte, wo Ptak und Eberle zwischen 2018 und 2020 unter anderem ein Pieter Bruegels-Gemälde vertonten. Vor allem traf dies aber auch auf den kleinen musikalischen Vorgeschmack auf das nächste Projekt der beiden zu, die Vertonung des aus dem Jahr 1929 stammenden, filmhistorisch bedeutsamen, russischen Stummfilm-Dokumentarfilms „Der Mann mit der Kamera“, in dem Regisseur Dziga Vertov zahlreiche experimentelle Filmtechniken wie Split Screen, Bildsprünge, eingefrorene Bilder oder schräge Kameraperspektiven erstmals einsetzte oder weiterentwickelte. Dementsprechend durften sich hier Trompete und Posaune ordentlich aneinander reiben, die Töne waren extrem verhallt oder entwickelten sich gänzlich ins Geräuschhafte, wenn etwa Eberle sein Horn zu im Untergrund rollenden Pianowellen nur noch exzessiv kreischen ließ. Da kamen einem sogar diverse Postrock-Produktionen in den Sinn. Einfach grandios! 

Martin Ptak/Martin Eberle
Filmmusik zu „Der Mann mit der Kamera“ (D. Vertov, UdSSR 1929)
So, 21.4.24, 19.30 Uhr, Wiener Konzerthaus

Nächste Jazz&-Konzerte am Spielboden Dornbirn
Sa, 24.2.24, 20.30 Uhr The Jakob Manz Project
Mi, 20.3.23, 23.30 Uhr Louise Jallu
www.spielboden.at