Neu in den Kinos: „Teaches of Peaches" Musikdoku des gebürtigen Vorarlbergers Philipp Fussenegger (Foto: Avanti Media Fiction)
Martina Pfeifer Steiner · 21. Apr 2024 · Ausstellung

Die Kunstbiennale in Venedig und Interessantes rundherum

Die 60. Biennale d´Arte ist eröffnet und gilt mit den Ausstellungen in den Giardini, im Arsenale, den zahlreichen weiteren Locations nationaler Teilnehmer in ganz Venedig als die weltweit wichtigste Kunst-Großveranstaltung. Dazu überbieten sich an jeder Ecke die Museen und Galerien mit hervorragenden Programmen, und es gibt biennale, in dieser Zeitspanne stattfindende Ausstellungen zeitgenössischer Kunst, wie die „Personal Structures“, organisiert – schon zum siebten Mal – vom Europäischen Kulturzentrum (ECC) – im Palazzo Bembo, im Palazzo Moro und in den Marinaressa-Gärten.

Unter dem Motto „Beyond Boundaries“ navigieren die über 200 Künstlerinnen und Künstler mit ihren Visionen, Überlegungen und Antworten jenseits aller Grenzen durch die komplexe aktuelle globale Kulturlandschaft. Eingeladen wurde diesmal auch Tone Fink, und er stellt ein „Fünferbandegestühl“ in den zwischen Markusplatz und den Giardini der Biennale gelegenen Skulpturenpark. Auffallend und anziehend ist die sich schlängelnde Sitzskulptur, auch weil als einzige spielerisch benützbar. Typisch Tone Fink. Das Vorgängermodell war aus Gips und für eine Ausstellung im Wiener Rathaus zu einem Doppelpult mit seinen Unikat Büchern als zweireihiges „Buchblätterpultgestühl“ gemacht. Für einen Handwerk + Form Wettbewerbsbeitrag gossen dann die Bregenzerwälder-Handwerkskünstler (Oberhauser & Schedler, Andelsbuch) das anspruchsvoll mäandernde Objekt in Beton. Man könnte sagen, Tone Fink hat das Thema des ECC wohl wörtlich genommen und bringt die Menschen in Verbindung und ins Gespräch.

Ein Klafter aus Liechtenstein

Mit einer eigenen Ausstellung in der Nähe der Accademia-Brücke ist auch Kunst aus Liechtenstein im Umfeld der Biennale d´Arte 2024 vertreten. Ausgewählt wurde die bildende Künstlerin und Singer-Songwriterin Karin Ospelt. Für das Kuratorenduo Ursula Wolf und Elmar Gangl war es gar nicht so einfach, eine passende Location in Venedig zu finden; das Ergebnis ist dafür umso reizvoller: ein Schaufenster zum raumfüllenden „Klafter“ – eine 27 Minuten dauernde Videoproduktion am Boden des unzugänglichen Lokals. Ein Klafter entspricht als Längenmaß sechs Fuß, das sind 1,8965 Meter. „Böda“ wurden in Liechtenstein seit Menschengedenken mit dem Flächenmaß Klafter gemessen. Der Wert des Klafters verändert sich je nach Ort und Gegebenheit. Wert und Wertschätzung korrelieren. Das Klafter in Venedig ist Kunst. Karin Ospelt legt Rote-Beete-Punkte auf Liechtensteiner Schnee, ein Stempel-Abdruck mit rotem Pflanzensaft auf Weiß, im rituellen Zyklus eines vergänglichen Gemäldes, das Themen wie Bewirtschaftung und ökonomischen Wert von Boden aufwirft, im Kontrast zum Wertschöpfungsprozess in der Kunst.

Anna Jermolaewa im Österreich-Pavillon

Für die 60. Kunstbiennale hat Kurator Adriano Pedrosa das Generalthema „Stranieri Ovunque – Foreigners Everywhere“ ausgegeben: Fremdheit, Migration und Fragen nationaler Identität stehen für den brasilianischen Museumsdirektor im Vordergrund. Dies zieht Pedrosa im Arsenale und im zentralen Pavillon der Giardini konsequent durch: Queer, Ausgrenzungserfahrungen, Zugehörigkeit zu indigenen Volksgruppen und Autodidaktik waren die Kriterien für die Auswahl der Künstler:innen.
Anna Jermolaewas Beitrag für den Österreich-Pavillon fügt sich hervorragend in das Motto „Fremde überall“ ein. Die fünf Arbeiten sind gut kommunizierbar und lassen die Architektur von Josef Hoffmann (und Robert Kramreiter) genauso klar wirken: „The Penultimate“ besteht aus einer Serie von (sehr fotogenen) Pflanzenarrangements: Nelken, Rosen, Tulpen, Kornblumen, Lotus, Safran, Jasmin, eine Zeder und ein Orangenbäumchen, die sich auf meist friedliche Volksaufstände beziehen, für die bestimmte Farben und Pflanzen als Symbole oder Bezeichnungen dienten. Im gegenüberliegenden Hauptraum proben auf der Leiwand die ukrainische Choreografin Oksana Serheieva und ihre Tänzerinnen Schwanensee – für den kommenden Regimewechsel in Russland. Eine Jugenderinnerung der Künstlerin: in Zeiten politischer Umbrüche strahlte das russische Fernsehen in Dauerschleife Tschaikowskis berühmtes Ballett aus. Im Innenhof des Pavillons stehen sechs Originaltelefonzellen aus dem Flüchtlingslager Traiskirchen, von denen aus Jermolaewa ihre Familie in Leningrad verständigte, dass sie im Westen angekommen war.
Anna Jermolaewa kam als russische Dissidentin 1989 nach Österreich. In ihren künstlerischen Arbeiten sind eigene Erinnerungen an Orte, Situationen, Begebenheiten oft Ausgangspunkt, die infolge dechiffriert und auf ihre kollektive Bedeutung und Relevanz untersucht werden. Wir erinnern uns, im Erdgeschoß des KUB wurden im Sommer 23 die bewegenden Installationen „Chernobyl Safari“, die Aquarelle und Taubenuhren „Famous Pigeons“ und der „Dining Room“ mit Besteck aus Blindgängern gezeigt.
Die Biennale in Venedig ist auch in diesem Jahr gewiss eine Reise wert, Strategien den sich ergießenden Massen auszuweichen, müssen allerdings gefunden werden …

Personal Structures | European Cultural Centre
Marinaressa, Giardino di Potente

Klafter | Kunst aus Liechtenstein
Calle Nuova Sant'Agnese 880
Dorsoduro, Venedig

Foreigners Everywhere | La Biennale Venezia
20. April bis 24. November 2024

https://www.labiennale.org/en