Arbeiten der Künstlerin Maggy Mauritz (Foto: Paul Trummer)
Silvia Thurner · 07. Nov 2023 · Musik

Die große Kunst der leisen Töne

Ein eindrücklicher Hörgenuss bei den Bregenzer Meisterkonzerten

Die Bregenzer Meisterkonzerte starteten mit einem höchst beeindruckenden Konzert in die neue Saison. Unter der Leitung von Antonello Manacorda musizierte die Kammerakademie Potsdam Werke von Mendelssohn Bartholdy, Berlioz und Beethoven. Ganz unmittelbar stellte sich im Festspielhaus Bregenz eine konzentrierte Höratmosphäre ein, denn die Musiker:innen zelebrierten die Kompositionen mit einer atemberaubenden Pianokultur, feinsinnig und klangfarbenreich. Die Sopranistin Christiane Karg interpretierte die romantisch-melancholischen Lieder „Les nuits d'été“ von Hector Berlioz in großem Einverständnis mit dem Orchester und faszinierte mit ihrer sinnlichen Ausdruckskraft.

Sogleich mit den ersten Takten der Ouvertüre zum „Sommernachtstraum“ op. 21 von Felix Mendelssohn Bartholdy war klar, dass an diesem Abend außergewöhnliche Werkdeutungen zu erleben sein werden. Das viel gespielte Werk leitete Antonello Manacordo mit einem flirrenden Pianissimo ein, das sogleich die Ohren spitzte und die Zuhörenden in den Bann zog. Plastisch und gleichzeitig sehr transparent leitete der Dirigent die Orchestermusiker:innen, und dass alle miteinander mit einem gemeinsamen Atem die musikalischen Linien empfinden, kam sofort über die Rampe.
Seit dreizehn Jahren steht der italienische Dirigent am Pult der Kammerakademie Potsdam. Das im Jahr 2000 gegründete Orchester hat bereits viel Anerkennung erhalten, unter anderem wurde es 2022 mit dem Musikpreis OPUS Klassik als bestes Orchester des Jahres 2022 ausgezeichnet. Antonello Manacordo formte die Musik mit ausdrucksstarker Haltung und markanten Gesten, detailreich kristallisierten sich auf diese Weise Akzente heraus, die neue Hörperspektiven ermöglichten. Spannung erzeugten die Musiker:innen auch durch die aktive Mitgestaltung der Pausen. Auf diese Weise unterstrichen markante Schläge und große dynamische Kontraste die harmonischen Farben zusätzlich.
In einem kammermusikalischen Geist wurde Beethovens vierte Symphonie dargeboten. Viel ließe sich über die spezifische Werkdeutung sagen, doch an dieser Stelle soll eine Aufzählung genügen. Die Art, wie Antonello Manacorda und die Kammerakademie Potsdam zuerst über einem simplen Liegeton die Harmonien ausloteten, sodann Impulse setzten und diese in einem nachfolgenden Bewegungsfluss dynamisch energetisch „ausschwingen“ ließen, Begleitfiguren in enge Beziehungen zu darüber gelagerten thematischen Linien setzten, zwischen den Instrumentengruppen klangfarbenmelodische Übergänge schufen, die rhythmische Gestik des Scherzothemas gegen den Strich bürsteten und im Finale mit einem fulminant raschen Tempo die thematischen Kreisbewegungen in den Raum stellten, faszinierte vom ersten bis zum letzten Ton.

Klangsinnliche Orchesterlieder

Die Sopranistin Christiane Karg ist Musikliebhaber:innen in Vorarlberg als gern gesehene Liedinterpretin bei der Schubertiade bekannt. Es war eine Umstellung, die sensibel agierende Künstlerin im großen Saal des Festspielhauses mit Orchester zu erleben.
Die Liedersammlung „Les nuits d’été“ op. 7 beeindruckt durch die zurückhaltende Melancholie, die dunkle Färbung des musikalischen Ausdrucks und die farbenreiche Instrumentierung des Orchesterparts. Fein nuanciert durchlebte die Sängerin die Frühlingsstimmung im ersten Lied, luftig begleitet vom Orchester. Den Höhepunkt brachte das zweite Lied, „Der Geist der Rose“, in dem die verhaltene Leidenschaft den musikalischen Ausdruck intensivierte. Aufhorchen ließ überdies das Duett der Sopranistin mit der Klarinette in einem bewundernswerten Pianissimo. Das dritte Lied, „Auf den Lagunen“, wirkte durch die dunkle harmonische Klangfärbung der Sängerin und die kongruente Musizierhaltung zwischen Christiane Karg und den Orchestermusiker:innen. Große Tonschritte verliehen dem Lied „Trennung“ eine innere Spannkraft, die durch die Zusammenführung der Singstimme mit den Bläsern zusätzlich verstärkt wurde. Dass auch instrumentale Nachspiele viel Aussagekraft verströmen, war im Lied „Auf dem Friedhofe“ nachvollziehbar. Das große Ausdrucksspektrum schöpften alle gemeinsam im temperamentvollen letzten Lied, „Das unbekannte Land“, hervorragend aus. Schade, dass die weder die Texte und noch nicht einmal die Titel der sechs Lieder im Programmheft abgedruckt waren. Sie hätten das musikalische Erlebnis und die herausragende Interpretation von Christiane Karg und der Kammerakademie Potsdam um einiges intensiver wirken lassen.

www.bregenzermeisterkonzerte.at