Der Meister der Mitte
Romandebüt von Hans-Joachim Gögl
Wer das Ziel verfolgt, ein literarisches Manuskript von einem guten Verlag publizieren zu lassen, hat einige Hürden zu bewältigen. Ohne Durchhaltevermögen und die nötige Portion Glück geht meist nichts. Und wenn man dann noch als Neo-Autor nicht mehr ganz jung ist, wird die Sache immer kniffliger. Der Vorarlberger Hans-Joachim Gögl hat es geschafft. „Vatertag“ heißt sein Debütroman, der bei Klett-Cotta erschienen ist.
„Ein Bubentraum hat sich erfüllt!“
Einst war Hans-Joachim Gögl Buchhändler. Nachdem er sich selbständig gemacht hatte, zeichnete er etwa als Projektleiter der Öffentlichkeitsarbeit für das „Entwicklungskonzept Alpenrhein“ verantwortlich; er kuratierte ein internationales Designfestival namens VLOW! und war Mitbegründer weiterer Festivals und Symposien. Die Montforter Zwischentöne, die er gemeinsam mit Folkert Uhde zehn Jahre lang erfolgreich künstlerisch geleitet hat, tragen ebenso seine Handschrift wie die Tage der Utopie oder INN SITU. Mit Ende 50 hat sich Hans-Joachim Gögl beruflich noch einmal neu erfunden und seinen ersten Roman geschrieben. „Vatertag“ ist ein Buch über Erinnerung und die Frage nach Glück und Zufriedenheit.
Das Geheimnis eines geglückten Lebens
„Meine Ausgangsfrage war autobiografisch, die Antwort fiktional“, antwortet Hans-Joachim Gögl auf die Frage, ob es sich bei seinem Buch um einen autofiktionalen Roman handelt. Die Idee konkretisierte sich, nachdem sein Vater gestorben war und er die Totenrede schreiben musste. Im Zuge dessen habe er darüber nachzudenken begonnen, was er von seinem Vater geerbt habe, beziehungsweise was von diesem in ihm weiterlebe. Darum kreist auch sein Debütroman „Vatertag“, in dem sich ein 41-jähriger namenloser Ich-Erzähler in 41 Kapiteln seinem verstorbenen Vater anzunähern versucht, der ihm in vielerlei Hinsicht fremd geblieben ist. Doch diesem so einfachen Mann war etwas Herausragendes geglückt: ein erfülltes Leben.
Die Struktur des Romans ist schlicht, die Sprache klar und schnörkellos. Hans-Joachim Gögl verzichtet auf formale Extravaganzen, im Vordergrund steht die Erzählung. Das Buch beginnt mit drei Kindheitserinnerungen: Angeln mit dem Vater, Zeitung lesen mit dem Vater und ein gemeinsames Bowlingturnier, bei dem der Jugendliche gegen den eigenen Vater antreten muss und nicht nur eine schmerzliche Niederlage, sondern auch eine tiefe Kränkung erlebt. In den darauffolgenden Kapiteln ist der Protagonist ein erwachsener Mann, der Vater ist tot, und der Sohn erinnert sich.
„Es ist der fünfzehnte Freitag ohne seinen Besuch“
Nach seiner Pensionierung hat der frühere Versicherungsangestellte und Witwer seinen Sohn jeden Freitagvormittag in dessen Designagentur besucht. Er ist ein freundlicher, heiterer Mann, der den Smalltalk liebt, während sein Sohn der nächsten Abgabe entgegenfiebert. Für dessen Projekte interessiert sich der Vater kaum. Er spricht lieber über Alltägliches: den Garten, die Ernte, eine anstehende Reparatur. Der Sohn schluckt die fehlende Wertschätzung hinunter, gibt sich jovial, in Wirklichkeit ist er verletzt. „Bald wandelt sich sein Besuch in eine Visite, eine pädagogische Performance. Er wartet darauf, dass mir endlich der Groschen fällt.“ Doch wie kann der Groschen fallen, wenn zwei Menschen unterschiedlicher nicht sein können? Im Rückblick gesteht sich der Ich-Erzähler ein, dass die wöchentlichen Besuche für ihn eher belastend als freudvoll waren. Nun, in der Trauer, vermisst er sie schmerzlich. In diesem Feld der Ambivalenz zwischen Liebe, Bewunderung und Enttäuschung, dem Ringen nach Anerkennung und dem Wissen um die Unmöglichkeit einer Erfüllung entfaltet sich die Geschichte einer langsamen Selbstfindung, die einen berührt, weil sie ohne Weichzeichner auskommt.
„Mein Vater war ein Meister der Mitte auf den Pegelständen des Gemüts“
Der Vater: in seinem privaten wie beruflichen Leben verlässlich, ehrlich, aber ambitionslos. Ein hoch anständiger Sparefroh mit oberflächlich geführten Kontakten und regelmäßigen Vereinstätigkeiten. Mitglied im Bowlingverein, Vorstand im Wohnmobilverein und Kassier bei den Modellbaufliegern. Zwei Kinder, ein Eigenheim mit Garten. Kleinbürgerlich hübsch, spießig. Der Vater habe es genossen, „ein Gleicher zu sein“, resümiert der Sohn, der im Gegensatz zu ihm aus der Masse herausleuchten möchte. Ein Workaholic und Adrenalinjunkie, süchtig nach dem „Lampenfieber vor einem Pitch“. Detailliert erzählt Hans-Joachim Gögl vom Leben eines Mannes, der den Kick des Erfolgs allem anderen vorzieht. Eine Beziehung geht in die Brüche. Der Exfreundin widmet der Autor gerade einmal drei Absätze. Hin und wieder trifft der Ich-Erzähler seinen Freund Paul, einen ebenso sympathischen wie entspannten Musikschullehrer in einer Bar. Mit ihm kann er gute Gespräche mit Tiefgang führen. Paul hat jeglichen Druck aus seinem Leben eliminiert. Ganz anders verhält es sich bei ihm, der sich keinerlei Erholung gönnt. Bis ein praktisches Experiment seinen Anfang nimmt. Es heißt „Reenactment“ und besteht aus drei Übungen, dreimal wöchentlich und fünf Wochen lang „zu Ehren des Vaters“. Übungen, die dieser Meister der Mitte perfekt beherrscht hatte und die das Leben des Ich-Erzählers nachhaltig verändern: „Vergiss deine Kindheit! Gehe langsam! Setz dich in den Kreis von Kollegen!“
Ein empathisches, kluges Debüt
In seinem Debütroman „Vatertag“ erweist sich Hans-Joachim Gögl als präziser Beobachter und stilsicherer Erzähler, der nicht nur berührende Episoden, sondern auch humorvolle Anekdoten schreiben kann. Die stärksten Momente des Buches sind jene, in denen es um die Kerngeschichte geht. Denn sie berichtet oft herzzerreißend von der Unerschütterlichkeit der Liebe eines Sohnes, trotz aller Kränkungen und Differenzen. Auf dem Dachboden findet der Ich-Erzähler eine Karte mit einer missglückten Kinderzeichnung, die er einst seinem Vater geschenkt hat. Auf der Rückseite steht der Satz: „Wenn ich groß bin, will ich so sein wie du, Papa.“
Annette Raschner ist Redakteurin im ORF-Landesstudio Vorarlberg.
Dieser Artikel ist bereits in der Print-Ausgabe der KULTUR September 2026 erschienen. Hier geht es zum E-Paper.
Hans-Joachim Gögl: Vatertag. Klett-Cotta, Stuttgart 2026, 288 Seiten, Hardcover, ISBN 978-3-608-96730-2, € 26,95
Buchpräsentation: 22.9., 19.30 Uhr,Landesbibliothek Bregenz
Lesung: 4.10., 10.30 Uhr, Theater am Saumarkt