Tobias Grabher, die Camerata Musica Reno und Michael Köhlmeier bescherten dem Publikum ein „österliches Cineastenfest“.
Silvia Thurner · 03. Mär 2024 · Musik

Das SOV ermöglichte spannungsgeladene Blicke über die Alpen

Kompositionen von Thomas Larcher und Richard Strauss enthusiastisch gespielt

Viele erinnern sich an das Ringen um den Weiterbestand der Opernproduktion des Symphonieorchesters Vorarlberg in Kooperation mit dem Vorarlberger Landestheater. Schließlich ist die Zusammenarbeit gescheitert, sodass die traditionellen Opernaufführungen nicht mehr realisiert werden können. Als Trostpflaster lud das SOV unter dem Leitgedanken Konzert+ zu einem groß besetzten Orchesterkonzert. Die Werkzusammenstellung war mustergültig, denn beide Kompositionen führten auf unterschiedliche Weise in innere und äußere Berglandschaften. Zuerst erklang „A Padmore Cycle“ von Thomas Larcher mit dem eindringlich singenden Tenor Ilker Arcayürek und sodann die sowohl musikalisch als auch philosophisch faszinierende „Alpensinfonie“ op. 64 von Richard Strauss. Die Orchestermusiker:innen und Leo McFall legten sich mächtig ins Zeug und wurden vom Publikum enthusiastisch gefeiert.

Der Tiroler Komponist Thomas Larcher ist Musikinteressierten in Vorarlberg aus mehreren erfolgreichen Produktionen im Rahmen der Bregenzer Festspiele bekannt. Im Jahr 2018 fand die erfolgreiche Uraufführung von Larchers Oper „Das Jagdgewehr“ erfolgreich statt. „Padmore Cycle“, ursprünglich für Tenor und Klavier komponiert, erfuhr bei der Darbietung im Rahmen von „Musik und Poesie“ mit Julian Prégardien und Tamar Halperin am Klavier im Jahr 2021 begeisterte Zustimmung. Als Glanzpunkt der Festspielsaison im selben Jahr blieb die Interpretation von Larchers dritter Symphonie mit dem Symphonieorchester unter der Leitung von Leo McFall in Erinnerung.

Hervorragende Werkauswahl

Die Werkkombination von „Padmore Cycle“, in der Version für Tenor und Orchester, und der berühmten „Alpensinfonie“ von Richard Strauss weckte hohe Erwartungen. In beiden Werken führen die Komponisten in die österreichischen Alpen. Die große Orchesterbesetzung macht farbenreiche und vielstimmige Instrumentationen möglich, die beide Komponisten überaus geistreich in Szene setzten. Außerdem bilden die Texte, die Larcher seinem Liederzyklus zugrunde legte und die Intentionen von Richard Strauss, der mit seiner Sinfonie weit mehr als ein monumentales „Tongemälde“ geschaffen hat, einen (musik)philosophischen Unterbau, der in den Kompositionen vielfältige Beziehungsfelder öffnet.
Die Musiker:innen des Symphonieorchesters Vorarlberg wirkten im Bregenzer Festspielhaus sehr präsent und konzentriert. Sie ließen sich auf die Herausforderungen ein, die die komplexen Kompositionen an jede und jeden Einzelnen, die Stimmgruppen und an das subtile Zusammenwirken der großen Orchesterbesetzung stellten. Bei Strauss war sogar ein „Fernorchester“ im Einsatz. Leo McFall leitete das Orchester mit großer körperlicher Spannkraft und interpretatorischer Aussage.

Eindrückliche musikalische Textdeutung

Thomas Larcher schrieb das Werk „Padmore Cycle“ dem britischen Tenor Mark Padmore auf den Leib. Doch inzwischen haben einige andere Sänger den Vokalpart gedeutet und der Liederzyklus hat ein „Eigenleben“ entwickelt. Emphatisch formte der Tenor Ilker Arcayürek mit seiner warmen Stimme den Vokalpart aus. Nuanciert deutete er die Texte von Hans Aschenwald und Alois Hotschnig und verlieh ihnen damit eine große emotionale Tiefe. Die teilweise mikrotonalen Abschattierungen in den zahlreichen Passagen, die unter anderem als schwebende rezitativische Tonwiederholungen zur Geltung kamen, vertieften die Charakterisierung der Textvorlagen.

Zurückhaltung erhöhte die Spannung

Spannung vermittelte Thomas Larcher im Orchesterpart auf mehreren Ebenen. Er schrieb zwar eine große Besetzung und einen riesigen Schlagwerkapparat mitsamt präpariertem Klavier und Akkordeon vor, setzte die Klangfarben aber sehr differenziert ein und verlieh zahlreichen Passagen einen kammermusikalischen Ausdruck. Diese Zurückhaltung bewirkte eine große unterschwellige Dramatik, denn die geballte Kraft des großen Orchesters wurde über weite Strecken durch das Pianospiel „gezügelt“. Die brodelnde Energie entlud sich in reflektierenden Passagen bzw. in Zwischen- und Nachspielen einzelner Lieder. Sie entwickelten eine große Sogwirkung. Viel ließe sich über differenzierte Klangeigenschaften, Allusionen an alpine Sounds, Echo, harmonische Dichteverhältnisse und Aufhellungen sowie musikalische Raumwirkungen erzählen, die die Texte psychologisch deuteten. Ilker Arcayürek und das Symphonieorchester füllten ihre Parts bewundernswert aus, doch im Zusammenwirken mit dem Sänger wirkte das Orchester insbesondere in den Forte-Passagen mitunter zu dominant. Hervorragend gelangen die zurückhaltenden, im Piano ausgedeuteten Lieder. 

Wirkmächtige Bilder im Kopf

Die „Alpensinfonie“, op. 64 von Richard Strauss ist ein Markstein der Kompositionsgeschichte. Gut, dass das Symphonieorchester Vorarlberg und Leo McFall wieder einmal ein Live-Erlebnis dieses gigantischen Orchesterwerkes ermöglichten. Über weite Strecken gelang eine emotional packende und musikalisch anspruchsvolle Werkdeutung. Die einleitende Phase des Orchestervorspiels erzeugte die Atmosphäre für den Protagonisten, der sich musikalisch auf eine Wanderung in die österreichischen Alpen aufmacht. Zuerst etwas diffus suchend, erhob sich das Orchester zum Sonnenaufgang und gestaltete die Passage mit dem wirkmächtigen Hauptthema enthusiastisch. So waren die Zuhörenden unvermittelt mitten im vielschichtig erzählten Naturgeschehen, das Richard Strauss als innere und äußere Seelenlandschaft vertonte. 

Transparente Themenführungen

Natürlich verlieh das Fernorchester hinter der Bühne auch dieser Aufführung eine besondere Wirkung. Klangvorder- und Hintergrund, Nah- und Fernverhältnisse, vielsagende solistische Passagen und das dichte satztechnische Gefüge, das die Musiker:innen unter anderem mit einer kontrapunktischen Passage sehr forderte, entfalteten eine große Sogwirkung.
Aufhorchen ließen die Wagnertuben, die dem Orchesterklang eine zusätzliche Farbe verliehen, denn die Intonation spreizte den ebenmäßigen Orchesterklang reizvoll auf. Die leitmotivischen Themenfortschreitungen und deren anschließende „Demontage“ modellierte das SOV hervorragend. Teilweise gerieten die Bläser mit ihren hohen Spitzentönen an die Grenzen, doch diese Passagen verliehen dem monumentalen Orchesterklang einen lebendigen Ausdruck. Mitreißend setzte das Orchester den Abstieg und die Vision des Protagonisten in Szene. Spätestens hier wurden die Intentionen von Richard Strauss deutlich. Er verfasste in einer mehrjährigen Arbeit nicht nur ein herausragendes Tongemälde in sinfonischer Form. 

Weit mehr als „Tonmalerei“

Mit seiner „Alpensinfonie“, welcher Richard Strauss ursprünglich in Anlehnung an Nietzsches Philosophie den Titel „Der Antichrist“ beifügen wollte, brachte er auch kunstphilosophische Gedanken zum Ausdruck. Eigentlich sollte die Musik die Heroik der Natur und des Menschen zum Ausdruck bringen sowie die Überwindung des katholischen Glaubens darlegen. Dieses Hintergrundwissen bereicherte die Interpretation des SOVs und Leo McFalls. In der feinsinnig ausgestalteten Schlusspassage bildeten die Musiker:innen die Bogenform des Werkes aufschlussreich aus und führten den musikalischen Fluss zu einem aussagekräftigen Ende.
Das Publikum dankte mit begeistertem Applaus.

weiteres Konzert: So, 3.3., 17 Uhr
Festspielhaus, Bregenz

https://www.sov.at/