Vlbg. Landestheater: „Ein Sommernachtstraum“ (Foto: Anja Köhler)
Fritz Jurmann · 06. Jun 2026 · Musik

Das Schweizer Cellowunder

Das 3. Abo von Concerto Stella Matutina brachte auch Show-Elemente ins Programm.

„Sehr abwechslungsreich“ werde dieses dritte Abo beim Barockorchester „Concerto Stella Matutina“ in der Götzner Kulturbühne AmBach verlaufen, ließ Organisator und Trompeter Bernhard Lampert seitens des Veranstalters vorab wissen. Nichts Neues, denn den findigen Köpfen dort gehen seit über 20 Jahren schon nie die guten Ideen aus. In der Folge steigt auch die Besucherfrequenz regelmäßig. Doch diesmal war es anders. Die turbulenten Ereignisse überschlugen sich förmlich und erhielten bei aller künstlerischen Ernsthaftigkeit stellenweise fast den Charakter einer Zirkusshow – sehr zum Gaudium des voll besetzten Saales.

Oder wo sonst sollte man Dinge einordnen wie einen Dirigenten, der sich lustvoll als Tschinellenschläger betätigt und dem bei der Zugabe das Orchester spaßhalber den Dienst versagt? Noch nie hat man hier auch einen Baryton, ein barockes Streichinstrument des 18. Jahrhunderts, mit seinen geheimnisvollen Resonanzsaiten enthüllt oder das alte Lied vom „Lieben Augustin“ auf einem „Hölzernen Glachter“ gespielt. Getoppt wurde dies alles aber durch die Gastsolistin Ursina Maria Braun, die samt Familie aus der Nähe von Zürich angereist war und auf ihrem Cello atemberaubende Kaskaden in einem Tempo hinlegte, das man nicht für möglich gehalten hätte. Der Respekt vor dieser Leistung der jungen Frau war umso größer, als man danach im Gespräch mit dem wieder zu großer Form auflaufenden Moderator Thomas Platzgummer erfuhr, dass die Cellistin eigentlich kurz vor der Entbindung stand … 

Aus dem Dunstkreis der Esterházys

Aber natürlich waren dies alles nur kurzweilige Zugaben zu einem insgesamt wie üblich höchst seriösen Programm, das seinen Rahmen diesmal bei der musikverliebten Fürstenfamilie Esterházy in Eisenstadt hatte. In deren Dunstkreis als Arbeit- und Auftraggeber von Kompositionen hatten im Laufe vieler Jahre seit Beginn des 17. Jahrhunderts namhafte Musiker und Komponisten wie vor allem Joseph Haydn ihr gutes Einkommen und Auskommen. Dieses Mäzenatentum zog sich bis herauf in die Klassik, und so präsentierte sich das CSM diesmal auch nicht als Barockorchester, sondern als klassisches Symphonieorchester mittlerer Größe, in dem nun auch das gewohnte Continuo-Zentrum mit Johannes Hämmerle an Cembalo und Orgel fehlte. Er hatte diesmal seinen freien Abend.
Dafür schuf Thomas Platzgummer als Erfinder und Gestalter dieses Programms in offizieller Dirigentenfunktion einen sehr schön ausgewogenen „klassischen“ Klang, dem man natürlich die Verwendung des alten Instrumentariums in einer gewissen Schärfe anmerkte. Aber er konnte damit authentisch sogar eine unbekannte Ouvertüre B-Dur von Franz Schubert spielen, der in den Sommern 1818 und 1824 bei den Esterházys auf ihrem Schlossgut Zseliz als Klavierlehrer zu Gast gewesen war und sich dabei bis über beide Ohren in deren Tochter Caroline verliebt hatte.

Haydn hätte Freude daran gehabt

Ebenso gut gelang mit der Ouvertüre zu „La Principessa d’Amalfi“ eines Joseph Weigl aus diesem Kreis die quasi-Erstaufführung eines total verschollenen Werkes. Und natürlich drückte der Vater aller Musik bei den Esterházys, der große Joseph Haydn, mit seiner späten repräsentativen Symphonie Nr. 102 B-Dur am Schluss noch gewissermaßen den Stempel seines Wohlwollens unter dieses Programm. Er hätte seine helle Freude daran gehabt.
Auf zwei Nebengeleisen wurde zunächst wie nebenbei spielerisch etwas Instrumentenkunde mit dem Publikum betrieben. Das Baryton ist, ähnlich einer Gambe, ein siebensaitiges altes Streichinstrument, dessen schöner, aber intimer Ton in kleinster Besetzung nur mit Bratsche (Konzertmeister David Drabek) und Violoncello (Thomas Platzgummer) in einem Trio von Luigi Tomasini durch die Solistin Lucia Krommer zur Wirkung gebracht wurde. Das „Hölzerne Glachter“ wird als solches noch heute gerne in der alpenländischen Volksmusik als Hackbrett mit klingenden, klappernden Holzstäben verwendet. Hier kam es durch den Solisten Bertram Brugger in Variationen von Paul Wranitzky über das alte Wiener Volkslied „O du lieber Augustin“ zu origineller Wirkung.

Eine tolle Leistung

Sprühender Mittelpunkt des Geschehens und attraktiver Höhepunkt des Abends aber war das unbekannte Cellokonzert in C-Dur, eine Auftragsarbeit eines gewissen Anton Kraft (1749 – 1820) aus dem Esterházy-Imperium in Eisenstadt, das man in Dauer, Qualität und Anspruch gerne neben oder sogar über die beiden bis heue bekannten Cellokonzerte Haydns stellen kann. „Ein unglaublich tolles Konzert“, urteilte Platzgummer vorab, und danach konnte man nachfühlen, warum er die Solistin Ursina Maria Braun zunächst dazu hatte überreden müssen, eigens für diesen Anlass das Werk einzustudieren. Es besitzt technische und gestalterische Ansprüche, die weit über alles in der Literatur Denkbare und Spielbare hinausgehen. 
Entsprechend leicht nervös zeigte sich die Solistin denn auch im langen Orchestervorspiel, nestelte am Kleid und brachte ihre Frisur noch in Ordnung. Doch als sie dann loslegt, sind alle Bedenken wie weggewischt. Wie ein Derwisch malträtiert sie ihr erdig rau klingendes Barockcello in technischen Finessen aller Art bis hinauf in höchste Lagen, „singt“ im langsamen Satz, korrespondiert daneben noch in größter Natürlichkeit mit Orchester und Dirigenten. Eine tolle Leistung! Das Griffbrett ist danach nassgeschwitzt und das Publikum aus dem Häuschen vor Begeisterung. Mehrmals wird das Schweizer Cellowunder wieder und wieder vom Applaus auf die Bühne geholt. Eine Sternstunde in der Reihe von Concerto Stella Matutina, die wohl lange in Erinnerung bleiben wird.

Dieses Konzert wird heute, Sa, 6. Juni, 19.30 Uhr, in der Kulturbühne AmBach in Götzis wiederholt.

Weitere Konzerttermine:
Concerto Stella Matutina (zu Gast: Countertenor Nicolò Balducci)  
Fr, 9./Sa, 10.10., jeweils 19.30 Uhr
Kulturbühne AmBach, Götzis