Tanz ist Festival (Foto: Stefan Hauer)
Ingrid Bertel · 27. Okt 2026 · Literatur

Dänn fröuts me dass ih traurig bio

„Feadra ló“ – das lyrische Werk des Liedermachers Günther Sohm

Als 2001 der Film „Die fabelhafte Welt der Amélie“ ins Kino kam, hatte Günther Sohm ein Lied im Repertoire, das mindestens genauso zauberhaft war. Es heißt „Tante Emmas Ladô“. Der Text findet sich in Sohms alphabetisch geordnetem Lyrikband „Feadra ló“ und erzählt in leisem, melancholischem Ton von einem Lebensmittelgeschäft mit bunter Fassade und steiler Treppe.

Vor dem Laden liegt Gemüse im Regen. Drin bekommen „Sprudl“ und „Krömle“, „Böllô“ und „Bearôdreack der gringlat“ einen verführerischen Glanz für das Kind, das alle diese Köstlichkeiten einzeln studiert. Es ist der Kinderblick, der ihnen eine sinnliche Qualität verleiht, die sie in den Regalreihen eines Supermarkts niemals entfalten. 
Eine Prise Ironie prägt Sohms bilderreiche Sprache, ebenso eine Nähe zum französischen Chanson. Sie wird noch deutlicher, wenn er mit seiner diatonischen Handorgel als Liedermacher auftritt. Das hat er über Jahrzehnte getan, zunächst im Duo mit seinem musikalischen Weggefährten Walter Batruel, dann mit Band. 1991 und 2009 veröffentlichte er Alben, die sich bis heute, etwa auf YouTube, großer Beliebtheit erfreuen. Viele der jetzt im Buch veröffentlichten Gedichte sind bereits von den Songs her bekannt. Federn gelassen haben sie nicht.
Sohm kann ein Wort ins Herz schließen wie einen Menschen. Über das im Verschwinden begriffene „gsi“ meint er etwa: „Der guot Begriff heat a Problem.“ Auch diese Liebe zur Sprache zeugt von seiner Nähe zum Chanson, zu Legenden wie Charles Aznavour oder Georges Brassens. 
Es stimmt schon, dass die Verschriftlichung von Mundart eine spezielle Hürde darstellt. Aber Sohm ist gewitzt und stellt seinem Gedichtband ein Wörterbuch der Dialektausdrücke voran. Außerdem hat er eine eigene und gut lesbare Transkription entwickelt. Seine Sorgfalt im Umgang mit dem Dialekt und sein geschultes Ohr für Soziolekte machen Sohms Sprache so betörend authentisch. Dabei sucht er – und das erzeugt die Spannung – möglichst große Distanz zu allem „G’hörigen“. „Was ma sött“ ist ihm ein Graus. Das soziale und kulturelle Gefüge im Land nimmt er mit bösem Blick unter die Lupe.

„Mir händ di schüonrô Klo
wi dio in Jesolo“

Deshalb überlegt er: „Ma tuot wio dLüt falls uom nid graut.“ Ihm aber graut. Er weiß, das „Normale“ ist „eigôntle brutal“. Sohm erzählt von den sozialen Rändern her, von „Schnaps-Rudl“, von Joe, der sich erhängt hat, oder dem „Fall vôm Kurt“. In solchen Balladen spürt er der Zerbrechlichkeit des Menschen nach. In ihnen weist er nach, dass der humane Grundkonsens alles eher als selbstverständlich ist.

„Ih hio a Glück mir tuot ma nünt
ma lót mih brav in Ruoh“

Darüber kann er sich nur wundern und zählt einen schier unendlichen Katalog von Verstößen gegen die Menschenrechte auf. Dabei entdeckt man als Leserin, wie geläufig die uns geworden sind. Ein Grundton der Trauer liegt in allen Gedichten Sohms, trifft allerdings verlässlich auf einen scharfen Witz, der auch vor der Bibel nicht Halt macht. Als „Mary ihrem Sepp“ eine Schwangerschaft gesteht, obwohl er „a deam kind nid beteiligt“ sei und der Heilige Geist sie geschwängert habe, reagiert der Mann sehr bodenständig:

„Dô Josef heat gseyt däs sey glogô
an Wahnwitz für Gynäkologô
des künn sä is Fasnatblatt schriibô
mit was für am Lump töu sis triibô“ 

„Di meischtô wänd Stoff gio“, schreibt Sohm und ergreift entschlossen Partei für eine bedrohte Natur. In Tante Emmas Laden durfte der Bub noch „a Bleachschild gratis hola / ganz a schüos vô Pepsi Cola“. Doch die Konsumversprechen, die für das Kind noch magisch waren, haben dem Erwachsenen ihr ganzes zerstörerisches Potenzial gezeigt. „Mir händ vil vrdorbô / as tuot uom grad weh“, dagegen brüllt ein Chor von Kumpels:

„Nó kuo Angscht – as wüord schô góh
so schlimm kas bei Gott nid kó
nó so wiitr – fescht druuflos
mir siond klänn und dWealt isch groß“

Sohm seinerseits versucht unterdessen, eine Fliege zu retten, die auf einer Fensterscheibe krabbelt und doch viel lieber „dussa in ar Bündt“ wäre. Das erinnert an François Villon, der schrieb: „Es ist kein Tier so klein, das nicht von dir ein Bruder könnte sein“. Als ein Spatz sich die freigelassene Fliege schnappt, wird Günther Sohm traurig. Seine hohe Sensibilität für alles Kreatürliche, sein Respekt vor dem Lebendigen entfaltet ein Flirren und Flimmern, wenn er schreibt: „Dô Mensch ischt vrschidô“. Klar, es geht in dem Text um den einen und den anderen, „der uo krigt a Bier und der andr a Gschwür“. Aber durch die Gegenüberstellungen schimmert Rimbauds Verdacht „ich ist ein anderer.“ Sohm formuliert es nicht weniger elegant: „Dänn fröuts me dass ih traurig bio“.

Dieser Artikel ist bereits in der Print-Ausgabe der KULTUR Oktober 2026 erschienen. Hier geht es zum E-Paper.

Günther Sohm: Feadra ló. unartproduktion, Dornbirn 2026, 236 Seiten, Hardcover, ISBN 978-3-200-11126-4, € 25