Meisterkonzerte Bregenz: Augustin Hadelich war der Solist im Violinkonzert Nr. 2 von Sergei Prokofieff (Foto: Udo Mittelberger)
Raphael Einetter · 29. Jän 2026 · Aktuell

„Bestandsaufnahme Gedenkstein“

Internationaler Holocaust-Gedenktag 2026 in Dornbirn

Seit 2005 steht jedes Jahr der 27. Jänner im Zeichen des Gedenkens an die Opfer des Holocausts. Das Datum wurde von den Vereinten Nationen nicht zufällig gewählt, jährte sich doch damals die Befreiung des Konzentrationslager Auschwitz-Birkenau zum 60. Mal. Zwölf Jahre zuvor wurde in Dornbirn – nach langjährigen politischen Debatten, welche auf die Initiative der in den frühen 1980er Jahren gegründeten Johann-August-Malin-Gesellschaft folgten – jener Gedenkstein enthüllt, der den Rahmen zur diesjährigen Gedenkveranstaltung bot. Der Einladung zum Vortragsabend folgte am späten Dienstagnachmittag, neben einer gut dreißigköpfigen Personengruppe, auch der Verfasser dieser Zeilen, dessen Urgroßmutter einst eine der am Gedenkstein genannten Personen ihren Cousin nennen durfte.

Zehn Männer und eine Frau wurden 1993 auf dem damals wie heute eher unscheinbaren, knapp mannshohen Granitquader namentlich festgehalten. Sie alle eint, dass sie von den Nationalsozialisten zwischen 1939 und 1944 zu Tode gebracht wurden. Die Gründe ihrer Verfolgung waren so unterschiedlich wie ihre (offiziellen) Todesursachen. Sie starben in Mauthausen und Dachau, Gusen oder Flossenbürg. Drei Jahre nach der Errichtung erfuhr die Namensliste die erste und bislang letzte Erweiterung. Forschungsergebnisse der Universität Innsbruck offenbarten nämlich das Schicksal der jüdischen Familie Turteltaub, wodurch eine weitere Opfergruppe erstmals in das kollektive Gedenken der Stadt Dornbirn inkludiert wurde. Edmund und Gertrud Turteltaub sowie ihre Söhne Hans und Walter wurden 1944 im Konzentrationslager Auschwitz-Birkenau ermordet, wenige Monate bevor das größte Vernichtungslager der Nazis von der Roten Armee befreit wurde.
Dreißig Jahre nach der letztmaligen Ergänzung des Denkmals, offenbarte die Veranstaltung des Dornbirner Stadtmuseums sowie des Dornbirner Stadtarchivs, dass es in der Gedenkpolitik der Stadt längst Handlungsbedarf geben würde. Weit mehr als die 15 Namen, derer dort bisher gedacht wird, förderten die Forschungen dieser drei Jahrzehnte zu Tage. Wie etwa die Geschichte von Anton Krepl, dem Großonkel der ersten Referentin Barbara Krepl-Haim. Angestoßen und unterstützt durch das 2022 gestartete „Büro für schweres Erbe“ – die KULTUR berichtete – erforschte die Dornbirnerin die dunkleren Kapitel ihrer Familiengeschichte. In ihrem Vortrag am vergangenen Dienstag legte sie eindrucksvoll dar, auf welche Weise das Leben des 1906 geborenen Bruders ihres Großvaters endete. Seinen 27. Geburtstag erlebte Anton Krepl noch bei seinen Eltern in Dornbirn. Bald danach und noch Jahre bevor deutsche Truppen in Österreich einmarschierten, kam er über die Landesfürsorgestelle Taufkirchen im oberbairischen Landkreis Erding nach Attl bei Wasserburg am Inn, wo er in eine Pflegeanstalt für Erwachsene mit Behinderungen aufgenommen wurde. 1940 findet sich sein Name auf einer Transportliste in die staatliche Anstalt Eglfing-Haar – einer Zwischenstation auf dem Weg zu seiner Ermordung auf Schloss Hartheim bei Linz. Das frühere Anwesen des Oberösterreichischen Landeswohltätigkeitsvereins war ab dem Frühjahr 1940 Schauplatz der, später auch als „Aktion T4“ bezeichneten, rund 30.000 NS-Euthanasiemorde.
Ein weiteres Schicksal, dem bei diesem Vortragsabend im Dornbirner Sitzungssaal nachgespürt wurde, war jenes des polnischen Zwangsarbeiters Andreas Wrobel. Die Historikerin Sabine Nachbaur veranschaulichte, mit welch zweierlei Maß die Gesundheit deutscher bzw. nicht-deutscher Personen während der NS-Zeit auch in Vorarlberg beurteilt wurde. Generell stand für die NS-Behörden bei Zwangsarbeiterinnen und Zwangsarbeitern die Arbeitsfähigkeit im Vordergrund. War diese aufgrund von Erkrankungen oder Verletzungen eingeschränkt, folgten nicht selten Deportationen in vermeintliche Heil- oder Pflegeanstalten. Orte, an denen diesen Patientinnen und Patienten jedoch keineswegs bei ihrer Gesundung geholfen wurde. Orte wie Mauer-Öhling bei Amstetten. Dort endete im Jänner 1945 das Leben von Andreas Wrobel, wie Sabine Nachbaur vom Ludwig-Boltzmann-Institut für Kriegsfolgenforschung darlegte und zugleich an der offiziellen Todesursache „Grippe und Lungenentzündung“ berechtigte Zweifel anmeldete. Eine Vielzahl grausamer Tötungsmethoden sollten den leitenden Ärzten nach dem Ende der Naziherrschaft nachgewiesen werden.
Den Abschluss des Abends unter dem Titel „Bestandsaufnahme Gedenkstein“ bildete der Vortrag von Barbara Motter (Stadtmuseum), die der Lebensgeschichte jener Maria Wieland nachspürte, deren Name bereits seit 1993 am Dornbirner Gedenkstein zu lesen ist. Die spannende Darstellung dieser ebenso tragischen Geschichte der NS-Verfolgung zeigt, wie wichtig es ist, auch weiterhin an bereits namentlich bekannte Opfer zu erinnern.
In welcher Form das Andenken an Andreas Wrobel, Anton Krepl und andere – mittlerweile neu recherchierte – vom NS-Terror in den Tod getriebene Dornbirnerinnen und Dornbirner in Zukunft genau hochgehalten werden soll, darüber brachte die Gedenkveranstaltung keine eindeutige Erkenntnis. Zweifellos müssen es nicht immer nur physische Erinnerungszeichen sein – so auch der Tenor der Begrüßungsworte von Petra Zudrell (Stadtmuseum) und Werner Matt (Stadtarchiv). Auch die neu erarbeiteten Führungsprogramme sowie digitale Angebote wie die App hist.appear können einen Beitrag leisten. Dennoch scheint die Zeit reif, die öffentlich sichtbare Gedenkpolitik rund um den Dornbirner Gedenkstein zu erweitern.

Diesen 15 Personen wird in Dornbirn bisher am Gedenkstein gedacht:

Rudolf Bodemann (1912–1942, Pakkina)
Wilhelm Himmer (1910–1942, Innsbruck)
Julius Kilga (1899–1939, Mauthausen)
Hugo Lunardon (1893–1940, Mauthausen)
Hilar Paterno (1905–1944, Mauthausen)
Franz Perle (1900–1939, Mauthausen)
Johann Prantl (1906–1939, Dachau)
Oswald Schwendinger (1920–1941, Dachau)
Arthur Sohm (1908–1944, Gusen)
Edmund Turteltaub (1899–1944, Auschwitz-Birkenau)
Gertrud Turteltaub, geb. Popper (1904-1944, Auschwitz-Birkenau)
Hans Turteltaub (1932–1944, Auschwitz-Birkenau)
Walter Turteltaub (1935–1944, Auschwitz-Birkenau)
Maria Wieland, geb. Gunz (1904–1944, Innsbruck)
Otto Wohlgenannt (1889–1942, Flossenbürg)