Neu in den Kinos: „The Bikeriders“ (Foto: Focus Features)
Karlheinz Pichler · 19. Jul 2015 · Ausstellung

Dem Verhältnis von Mensch und Tier auf der Spur – „Beastly/Tierisch“ im Fotomuseum Winterthur

Von der turmspringenden Giraffe bis zum nüsternblähenden Pferd: Das Fotomuseum Winterthur versucht in seiner aktuellen Ausstellung, dem Verhältnis zwischen Mensch und Tier auf den Grund zu gehen und präsentiert etliche, teils recht schräge Manifestationen tierischer Präsenz.

Peter Hujar (1934-1987), ein US-amerikanischer Fotograf ukrainischer Abstammung, war unter anderem für seine Porträts, seinen konzentrierten fotografischen Blick und für einen Klassizismus, „der in die Hölle starrt“, berühmt.  Duncan Forbes, Matthias Gabi und Daniela Janser, die die aktuelle Ausstellung „Beastly/Tierisch“ im Fotomuseum Winterthur kuratieren, haben ein Selbstporträt Hujars neben ein Hundebild gehängt, das dieser ebenfalls fotografiert hat. In diesem Nebeneinander entwickelt sich eine frappierende Ähnlichkeit. Der Hund scheint menschliche Züge anzunehmen, der Mensch hingegen wird gleichsam „tierischer“. Der Fotograf will dem Hund in diesem Doppelbild sozusagen auf Augenhöhe begegnen. Eine Bestätigung des Volksmundes, der besagt, dass sich Hund und Herrchen im Laufe der Zeit immer ähnlicher werden.

Wir seien auf das Tier fixiert, auf das Tier in uns, meint auch der Schweizer Fotograf Pietro Mattioli. „Porträt des Künstlers als junger Affe“ (2010) nennt er den überlebensgroßen Siebdruck eines Schimpansen auf Spiegelglas.

Vertraute Vorstellungen vom Tier hinterfragen


Der englische Künstler Marcus Coates hat eine Art dreidimensionale Skulpturen oder Fotografien von Schildkröten und von Vögeln geschaffen, indem er die Tiere in Perfektion abgelichtet, auf Hochglanzpapier wiedergegeben und dieses dann jeweils zerknüllt hat. Durch diese Verformungen werden Schildkröte, Albatros und Spottdrossel zu eigenartigen Kreaturen. „Ritual of Reconciliation“ (Versöhnungsritual) nennt Marcus Coates den Verfremdungs- und schließlich Aneignungsprozess, der aus einer Idee vom Tier ein Stück von auf den ersten Blick unbekannter Fauna formt.

Von spezieller Ironie und Schräge ist die mit „5m80“ betitelte großformatige 3-D-Animation des Franzosen Nicolas Deveaux. Dabei geht es um Giraffen, die unter ulkigsten Gliederverrenkungen von einem Sprungturm in das Schwimmbecken eines Hallenbades abtauchen. Deveaux hat den grotesken Einfall, das höchste Landsäugetier seine endlosen Gliedmaßen in vorschriftsgemäß richtig gehockten Saltis verknoten und absurde zirzensische Einlagen fabrizieren zu lassen, in bester Trickfilmtechnik umgesetzt. Das Giraffenrudel im fremden Medium des Wassers wie der Kunst ist denn auch wohl die heiterste Variante unter all den Transformationen tierischer Existenz in menschliche Lebenswelt, die das Fotomuseum Winterthur mit der Ausstellung „Beastly/Tierisch“ vorzuführen versucht.

Der Ausstellungsparcours beginnt mit Künstlern, die vertraute Arten der Tierdarstellung hinterfragen, insbesondere eine traditionelle Perspektive, die (implizit und explizit) stets den Menschen ins Zentrum stellt: Sam Easterson etwa setzt einem Gürteltier eine Kamera auf und hofft, so einer wahrhaft tierischen Sichtweise näherzukommen, während Jitka Hanzlovás konzentrierte und genaue Betrachtungen von Pferdekörpern einen egalitäreren Austausch zwischen Mensch und Tier nahelegen. Auch tierische Zusammenhänge gewinnen an Bedeutung, zum Beispiel in Gestalt von Vogelschwärmen wie im Film „Following“ von Christoph Brünggel und Benny Jaberg. Und klassische Serien aus der Geschichte der Fotografie wie Balthasar Burkhards „Escargot“ werden mit Beispielen eines neuen digitalen Erhaben wie etwa den Fotografien von Simen Johan kombiniert.

Ein eigenes Kapitel widmet sich kritisch dem Tier als Opfer menschlicher Ausbeutung, ein anderes den selbstreflexiven Formen einer künstlerischen Auseinandersetzung, in der Bilder vom Tier ins Zentrum rücken, deren Status durch die Darstellung verändert wird.

Insgesamt zeigt „Beastly“ eine formal und inhaltlich sehr heterogene Auswahl an Tierdarstellungen aus der zeitgenössischen Fotografie, aus Trickfilm, Internet und der Videokunst. Aber auch Werbeplakate von Fotofirmen aus den 1950er- bis 1970er-Jahren, die sich eleganter Jagdpferde oder treuherziger Haustiere bedienten, sind in den Räumlichkeiten zu besehen. Und auch hardcoresentimentale DDR-Postkarten mit schmalzig zugerichteten Jungtieren kommen zum Zug, konterkariert mit Katzen als Objekten unserer sexuellen Begierden.

Sargziehende Pferde machen Pause


Ein eigener Raum ist der Videoarbeit „Anima“ (2012) der niederländischen Tierfotografin Charlotte Dumas gewidmet. Das Interesse Dumas’ gilt hier den Pferden, die auf dem Arlington National Cemetery bei Washington die Lafetten mit den Särgen jener Armeeangehörigen ziehen, die mit allen militärischen Ehren bestattet werden. Die Künstlerin zeigt die Pferde allerdings nicht in ihrem Arbeitseinsatz, sondern wie sie im Dämmerlicht in ihren Boxen liegen. Müde vom Dienst, in halb eingenicktem Zustand, oder schon fast am Boden ausgestreckt schlafend. Es sind berührende Bilder, die die Pferde ungeschützt, auf sich geworfen und doch auch in geborgenem Zustand zeigen.

In einer eigens dafür eingerichteten Galerie sind darüber hinaus auch nichtkünstlerische Fotografien und Filme aus verschiedenen alltäglichen Bildwelten zu sehen, in denen Tiere omnipräsent sind: auf Abbildungen in Büchern und Magazinen sowie auf Postern und Postkarten – und seit der Jahrtausendwende hauptsächlich als Bilder im Internet, das heute zu einem veritablen virtuellen Zoo geworden ist. Nach der Intention der Kuratoren soll diese Galerie den Charakter eines Forschungslabors und Thinktanks haben, der die Besucher dazu auffordert, sich aktiv mit diesen Bildern auseinanderzusetzen.

Begleitend zur Ausstellung ist ein reich illustrierter Katalog bei Spector Books, Leipzig, erschienen. Er enthält Essays zum Tierischen in der Fotogeschichte (Duncan Forbes), zum politischen und philosophischen Tier (Slavoj Žižek), zum virtuellen Zoo Internet (Ana Teixeira Pinto) und zu den sich verändernden tierischen Identitäten unter menschlichem Einfluss (Heather Davis). Aufgrund textiler Applikationen auf dem Umschlag schreit diese Publikation förmlich danach, gestreichelt zu werden.

 

Beastly/Tierisch
Fotomuseum Winterthur
Bis 4. Oktober
Di-So 11-18, Mi 11-20
www.fotomuseum.ch