aktionstheater ensemble: Premiere von „Human“ am 11. Juni im Theater Kosmos (Foto: Maximilian Lottmann)
Manuela Cibulka · 23. Mai 2026 · Diverses

„Am Spinnrad ersponnen, am Webstuhl ersonnen“

Erzählabend mit Musik und Vernissage im gmeiner huus in Ludesch

Mal ehrlich: Wann haben Sie sich das letzte Mal Zeit genommen, jemand anderem eine Geschichte zu erzählen – so richtig, nicht nur in Stichworten, sondern ausgeschmückt, mit gewählten Worten, erzeugter Spannung und bestmöglich einem Happy End? Und umgekehrt: Wann fand jemand Ihnen gegenüber die Ruhe, dies zu tun? Ein bis auf die Altsteinzeit zurückzuführendes Kulturgut, das in seiner analogen Form verlorengeht? Nein, denn: Es war einmal, gestern in Ludesch, als in wunderbarem Ambiente erzählt wurde von Gestern und Heute und vielleicht auch von einem Morgen, in dem Erzählen wieder Nähe schafft und Menschen verbindet.

Die Ankündigung verspricht einen Abend, an dem ein einzigartiges Gewebe aus Worten, Musik und Gesang gewirkt werde. Gewebe aus „alten Geschichten vom Spinnen und Weben, von Wolle und Flachs, von Seide und dem Licht des Mondes gepaart mit neuen Erzählungen über die Kraft der Bilder, die unsere Welt prägen“. Geladen wird damit zur Eröffnung der neuen Ausstellung im gmeiner huus und geboten wird ein Gewebe, bei dem alle Inhalte richtig gewählt und gut aufeinander abgestimmt wurden.
In der alten Tenne, zum lichtdurchfluteten Raum umgestaltet, finden sich eine Klöppelmaschine aus dem Bregenzerwald, der alte Fuhrwagen des Großvaters, eine Ansammlung von Hobeln in allen Größen – verborgen im Keller sind es insgesamt 162 Stück – und vieles mehr, das die alte Handwerkskunst erlebbar macht. Neu bei der mit „Die Salige“ betitelten Ausstellung sind die Skulpturen von der aus Leutkirch stammenden Bildhauerin Gabriele Maria Lulay. In ihren Arbeiten stehe immer der Mensch im Mittelpunkt und ihre drei mitgebrachten „Körper“ aus Holz und Metall, fügen sich wunderbar in das Gesamte ein. Zusätzlich verleihen sie mit ihrer Helle und Schlichtheit dem Raum Eleganz und geben der Position des Weiblichen einen besonderen Stellenwert.

Vom Handwerk zum Mundwerk

Das starke Weibliche dominiert den Abend. Begrüßt wird man mit Holundersekt von Jasmin und durch den Abend geleitet von der Hertha Glück, die das Haus seit 2024 bespielt, belebt und mit ihren Ideen für Groß und Klein öffnet. Frischer Riebel von Pauline und Ziegenkäse von Alexandra werden in der Pause gereicht, die Spinnräder drehen vier Frauen vom Montafoner Tourismusverband, und die Hauptpersonen des Abends sind die Erzählerinnen Barbara Beinsteiner aus Tirol und Heike Vigl aus Südtirol. Beide haben neben der Querflöte und Harfe Geschichten im Gepäck von der Mondgöttin und dem Erdenmenschen, einem Zaren aus fernem Land und seiner Auserwählten, von der jungen Frau, die tief im Brunnen ihre Wahrheit findet, und von einem Mantel, der am Ende eine Kappe werden sollte. Alle Geschichten sind miteinander verwoben durch den Faden, der immer wieder eine Rolle spielt. Einmal ist er ein goldenes Haar, das einer Familie zu Wohlstand verhilft, das andere Mal ist er aus purem Gold und rettet als Botschaft verwoben Menschen vor dem Tyrannen. Dann wiederum sind es Mondfäden, die eine unmögliche Liebe möglich machen, oder auch der einfache Faden eines Mädchens, das lernt, neue Botschaften auf ihre Tücher zu sticken, denn „alle Stoffe waren durchwirkt von diesen Geschichten, die sie gehört hatten und die sie geglaubt hatten. Doch die Stoffe waren verblichen und zerrissen.“ Nachsticken wäre die Aufgabe der jungen Frau in der Erzählung gewesen, aber diese taucht erschöpft auf den Grund eines Brunnens und erkennt, dass man Glaubenssätze nicht immer wieder erneuern, sondern diese auch durch neue Wirklichkeiten ersetzen kann. Das Schöne an Märchen ist, dass man sie, auch wenn sie unrealistisch sind, im Kern doch ein wenig glaubt und sie demnach nicht nur guttun, sondern, wie Barbara Beinsteiner es ausdrückt, auch eine politische Dimension haben.

Vom Mundwerk zum Mehrwert

Wer mehr von Barbara Beinsteiner hören und sehen möchte, findet neben ihren Geschichten zum Nachhören auf ihrer Homepage auch Märchen zum Verschenken, Märchenerzählen am Lagerfeuer oder am Krankenbett, denn als von der UNESCO anerkanntes Weltkulturerbe werden dem Erzählen nicht nur verbindende, sondern auch heilende Elemente zugeschrieben.
Und Heike Vigl ist mit ihrer mitreißenden Erzählkunst live in den Bergen, an Seen, auf großen und kleinen Bühnen zu finden und auch Maßgeschneidertes, Zweisprachiges, Gruseliges, Helles und Dunkles kann bei ihr angefragt werden.
Gleich am nächsten Tag ging es im gmeiner huus mit Bastian Kressers Lesung „Verformung“ ab 19.00 Uhr weiter. Dazu passend wurde bei offenem Feuer geschmiedet und verformt. Neben monatlichen Erzählabenden bietet das gmeiner huus also zahlreiche weitere Veranstaltungen übers Jahr: Weinverkostung, Kräuterkunde, Kaspertheater, Musik, Krippenkunst und auch beim Reiseziel Museum ist man dieses Jahr im Juli, August und September mit dabei. An diesen Tagen kann die Ausstellung von 10.00 bis 17:00 Uhr besucht werden.

www.gmeinerhuus.at
www.gabriele-lulay.de
www.barbarabeinsteiner.at
www.heikevigl.it
www.herthaglueck.at