Jazz&-Doppelkonzert mit Martin Eberle/Martin Ptak und Martin Listabarth am Spielboden (Foto: Stefan Hauer)
Kurt Bereuter · 25. Jun 2014 · Aktuell

Für was wäre denn die Welt von heute bereit, junge Menschen sterben zu lassen? - Zur Eröffnung der Ausstellung „1914“ im EGG.museum

Kurt Bereuter, Obmann des Kulturforum Bregenzerwald, hielt zur Eröffnung der Ausstellung „1914“ im EGG.museum am 20. Juni die folgende Rede.

Als Kulturforum haben wir uns ja immer schon geschichtlichen Themen gewidmet und dem bleiben wir auch treu. Auch wenn sich die Geschichte bekanntlich nicht wiederholt, kann man aus der Geschichte lernen und nicht nur über sich in historischer Perspektive etwas erfahren, sondern man kann tatsächlich auch für die Gegenwart und die Zukunft etwas lernen. Und wenn wir uns heute mit 1914 beschäftigen, dann heißt das auch sich mit dem beschäftigen, was sich seit damals entwickelt hatte und hat. So wie sich auch der 1. Weltkrieg 1914 in einer globalisierten Welt entwickelt hatte, so entwickeln sich auch heute Kriege in einer globalisierten Welt und betreffen uns – freilich mehr oder weniger. So ist der Bürgerkrieg in der Ukraine gar nicht so weit weg von uns, vor allem wenn wir uns als Europäer verstehen, und Putins Russland, oder Russlands Putin, hat mit dem Energieträger Gas einen politisch und diplomatisch sehr starken Trumpf in Händen, den sie auch bereit sind einzusetzen.

Die Politik gibt sich hilflos, die Wirtschaft kuscht, die Vertreter des Sports machen Äuglein vor Putin wie Zweijährige vor dem Christbaum. Die VN-Chefredakteurin verteidigt Putin mit dem Vorwurf an uns, dass wir quasi wie Größenwahnsinnige von unserer Demokratie und unserem Rechtsstaat mit der Achtung vor Menschenrechten überzeugt sind und vor diesem Hintergrund den „Demokraten“ (bei mir unter „“) Putin verunglimpfen würden. Für was, ist oder wäre denn die Welt von heute bereit zu sterben, bereit junge Menschen sterben zu lassen, auch wenn es nicht unsere eigenen Söhne sind, oder junge Menschen zu töten, auch wenn es nicht unsere eigenen Söhne sind? Für die Ermordung eines Diplomaten, der zu Höherem berufen ist, denn etwas anderes war der Thronfolger nicht, oder für Energie, Gas aus Russland oder Öl aus dem Irak, oder für den Erhalt eines „Reiches“, für das Putin allemal bereit ist, Menschen zu opfern. Gas und Öl werden durch diese Krisen wieder teurer, die Versorgung unsicherer, und wir? Wir sind feige genug, dem zuzuschauen und zu hoffen, dass möglicherweise ein Bündnis der Erzrivalen USA und Iran die Isis zum Stoppen bringen, bevor die Erdölquellen für uns versiegen, und schimpfen über den „unfähigen Weltpolizisten“ USA und verlangen zugleich, dass unsere Energielieferungen weitergehen, auf konstant hohen Mengenniveau und konstant niedrigem Preisniveau. Wie heuchlerisch sind wir, wenn es um Energie geht. Was die Erdölförderungen im Nahen Osten, in den Weltmeeren oder die Gasförderungen in Russland und anderswo für Umweltschäden anrichten, was schert es uns, denn der Bodensee muss sauber bleiben. Ich bin auch gegen Fracking von Gas, aber ich bin auch gegen das heuchlerische unserer Energie-Politik.

Soldaten sind Mörder, vielleicht auch Helden


Aber für unsere Demokratie und den Rechtsstaat und die Menschenrechte müssten wir doch wohl eintreten – auch mit Krieg? Ich bin nicht für Krieg – Krieg ist etwas vom Schlimmsten, was es gibt, wenn nicht das Schlimmste. Denn ich halte es mit Kurt Tucholsky, Soldaten sind Mörder, vielleicht auch Helden, aber das ganz, ganz selten, und Mörder sind sie dann trotzdem. So wie mein Opa, Wises Johann Georg ein Mörder war. Das einzige, was er aus dem 1. Weltkrieg erzählte, war wie er einem Italiener als Scharfschütze auf dem Kirchturm in die Stirn geschossen habe, nachdem dieser seinen Kameraden gleichermaßen „erwischt“ hatte. Aber er habe ihn schön getroffen, so dass er nicht leiden musste, tröstete er wohl nicht nur sich. Ich verurteile ihn nicht, weil er als Soldat zum Mörder wurde, weil ich weiß, das könnte ich auch, einem anderen Menschen mit dem Scharfschützengewehr zwischen die Augen schießen. Sicher nicht, wenn man unseren Außenminister Sebastian Kurz in Serbien ermorden würde, aber wenn die Boko Haram meine Tochter entführen und verschleppen und missbrauchen würde, dann wäre ich bereit zu töten. Und wenn ich das wohlüberlegt sage, dann erschrecke ich darüber, dass ich das 100 Jahre nach Beginn des 1. Weltkrieges, nach dem 2. Weltkrieg, nach dem Vietnamkrieg und vielen, vielen anderen grausamster Kriege sage, sagen kann. Mit dem Literaturwissenschafter und Literaten John Williams Stoner möchte ich sagen: „Ich empfinde Scham und bittere Enttäuschung über mich selbst – aber auch über die Zeit und die Umstände, die dieses Denken und Fühlen möglich machen. 
Aber ich weiß auch, dass ich alles dafür tun würde, dass ich nicht aus meiner je eigenen Sicht meine töten zu müssen. Aber, ich weiß auch, dass ich heute viel zu wenig dafür tue, dass es auf dieser Welt möglichst keine Menschen gibt, die für sich meinen einen anderen Menschen töten zu müssen.

Um zu erklären und zu lernen


Wenn wir heute eine Ausstellung zum ersten der beiden Weltkriege eröffnen, dann müssen wir das nicht des Gedächtnisses wegen tun, sondern wir müssen es tun um zu erklären und zu lernen, wie Kriege gemacht werden, oder um es richtig zu sagen, wie Kriege verhindert werden. Nämlich nicht durch Kriege, sondern durch Bildung, durch Aufklärung in den religiösen Gesellschaften, durch gegenseitige Anerkennung, durch Wertschätzung, durch Kommunikation und durch Gerechtigkeit in einem sozialen Sinne, wo sich Menschen geachtet, geschätzt und vertreten fühlen – im Kleinen wie im Großen. Wir versuchen das im kleinen EGG.museum als Kulturforum für den kleinen, kleinen Bregenzerwald, aber das gilt auch für die Menschen in Nigeria, wo die Boko Haram wütet, und im Irak, wo die Isis ihren unseligen Gottesstaat errichten wollen, denn wir verbrauchen das Öl, das dort für die Zustände sorgt, die uns beschämen müssen.

In diesem Sinne soll diese Ausstellung und die Veranstaltungen zum 1. Weltkrieg nicht einfach den Krieg „zeigen“, sondern den Frieden für alle Menschen dieser Welt verkünden. Es liegt wieder einmal auch an uns.

 

„1914“
bis 3. November 2014
Do/Fr/Sa 15 – 17, So 10 - 12.30 Uhr

EGG.museum
www.eggmuseum.at