Jazz&-Doppelkonzert mit Martin Eberle/Martin Ptak und Martin Listabarth am Spielboden (Foto: Stefan Hauer)
Walter Gasperi · 08. Feb 2024 · Film

Aktuell in den Filmclubs (9.2. – 15.2.2024)

Diese Woche gibt es am Spielboden Dornbirn mit „Ernest und Célestine – Die Reise ins Land der Musik“ einen bezaubernden Animationsfilm um die Maus Célestine und ihren befreundeten Bären Ernest. Berührende Einblicke in den Alltag in ein auf der Seine schwimmendes Tageszentrum für Erwachsene mit psychischen Störungen bietet dagegen der mit dem Goldenen Bären der Berlinale ausgezeichnete Dokumentarfilm „Sur l‘Adamant – Auf der Adamant“, der ebenfalls am Spielboden Dornbirn gezeigt wird.

Ernest und Célestine – Die Reise ins Land der Musik: Zehn Jahre nach dem Erfolgsfilm „Ernest & Célestine“ gelingt Julien Chheng und Jean-Christophe Roger wiederum ein bezaubernder Animationsfilm um die Maus Célestine und ihren befreundeten Bären Ernest. Weil Célestine in Ernests Heimatland Schabraska aufbricht, um dort die Geige des Freundes reparieren zu lassen, folgt Ernest wohl oder übel der kleinen Maus, obwohl er nie mehr nach Schabraska zurückkehren wollte. Dort treffen die Freunde aber auf ein Regime, das jede Musik verboten hat und in dem die finstere graue Musikpolizei Widerständler verfolgt und alle Musikinstrumente konfisziert. Streng nach der Maxime „Es ist, wie es ist. Und so bleibt es“ wird jede Veränderung abgelehnt und Kinder müssen auch jeweils den Beruf ihrer Eltern ergreifen.
So eindrücklich Chheng und Roger auch die Beklemmung eines autoritären Regimes und die Freudlosigkeit einer musiklosen Welt beschreiben, so leicht und kindgemäß bleibt doch dieser Film, der auch Einblick in die Familiengeschichte Ernests bietet. Denn es ist immer wieder die Musik sowie der Einfallsreichtum und der Witz Célestines, die in dieser bedrückenden Welt für Lebensfreude und Heiterkeit sorgen.
Außer Frage steht dabei freilich auch, dass durch die Kraft der Freundschaft, aber auch der Musik die im Untergrund lebenden Widerstandskämpfer letztlich siegen werden und auch in Scharabska die Freiheit einkehren wird, die jedem erlaubt, den Beruf zu ergreifen, den er will. 
Die Absage an einengende Strukturen und überholte Traditionen und das Plädoyer für Toleranz und Freiheit werden aber nie penetrant vorgetragen, sondern sind bestens verpackt in eine mit viel Liebe zum Detail und temporeich erzählte Handlung. Nie kommt hier Leerlauf auf, souverän werden Spannung und Witz verbunden und auch Nebenfiguren wie Ernests Eltern und seine Schwester gewinnen Profil. 
Spielboden Dornbirn: Sa 10.2., 15 Uhr

Auf der Adamant – Sur l‘Adamant: Wie der französische Dokumentarfilmer Nicolas Philibert in seinem Erfolgsfilm „Sein und Haben“ (2002) eine einklassige Dorfschule in der Auvergne mit der Kamera weitgehend kommentarlos durch ein Schuljahr begleitete, so fängt er auch in seinem Berlinale-Sieger von 2023 mit geduldigem Blick den Alltag im titelgebenden Tageszentrum für Erwachsene mit psychischen Störungen ein. Dieses befindet sich aber nicht an Land, sondern ist ein im Zentrum der hektischen Metropole Paris auf der Seine vor Anker liegendes mächtiges Holzschiff. Hier finden die am Rand der Gesellschaft stehenden Menschen Ruhe und werden mit unterschiedlichen Workshops gefördert.
Das Betreuungspersonal, das nicht nur aus Psychiater:innen und Pfleger:innen, sondern auch aus Kunsttherapeut:innen besteht, bleibt eher am Rande, denn der Fokus liegt auf den Patient:innen. Nah dran ist die Kamera an ihnen, doch nie kommt das Gefühl von Voyeurismus auf, denn immer ist die Empathie des Regisseurs spürbar. 
Auf ein stringentes dramaturgisches Konzept verzichtet der 72-jährige Regisseur, der den Film zusammen mit der klinischen Psychologin und Psychoanalytikerin Linda De Zitter entwickelte. Lose reiht er vielmehr Szenen aneinander, hält sich selbst weitgehend zurück und begegnet den Besucher:innen dieses Tageszentrums auf Augenhöhe. In dem Raum, den er dabei seinen nicht in gesellschaftliche Normen passenden, eigenwilligen und teils auch ziemlich verwitterten Protagonist:innen zugesteht, wird die tiefe Menschlichkeit dieses Films spürbar, der diese schwimmende Zufluchtsstätte als einen Ort feiert, an dem es möglich und erlaubt ist, anders zu sein und an dem man dennoch völlig akzeptiert wird.
Spielboden Dornbirn: Mi 14.2., 19.30 Uhr

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