Die Brassband Vorarlberg setzte mit „Brassband*in“ einen Markstein
Walter Gasperi · 07. Nov 2024 · Film

Aktuell in den Filmclubs (8.11. – 14.11.2024)

In der Kinothek Lustenau wird diese und nächste Woche das berührende irische Drama "The Quiet Girl" gezeigt, in dem ein vernachlässigtes Mädchen während eines Urlaubs bei Verwandten zum ersten Mal Fürsorge und Empathie erfährt. Am Spielboden Dornbirn steht dagegen mit "80 Plus" ein tragikomisches Roadmovie auf dem Programm, in dem zwei ungleiche Seniorinnen zwecks Sterbehilfe von Wien nach Zürich reisen.

The Quiet Girl: Ein vernachlässigtes irisches Mädchen erfährt bei Verwandten, auf deren Bauernhof es den Sommer verbringt, erstmals Empathie und Liebe.
Klein gehalten ist die Geschichte. Weitgehend auf den Bauernhof und diese Ersatzfamilie konzentriert sich Colm Bairéad bei seinem Spielfilmdebüt, doch er inszeniert diesen Alltag mit seinen Aktivitäten in der Küche und im Stall, aber auch einen Abend mit Kartenspiel mit Freunden mit so viel Feingefühl und Behutsamkeit, dass dieses stille Drama durchgehend Intensität entwickelt und berührt.
Das 4:3-Format dient dabei weniger zur Erzeugung beklemmender Enge als vielmehr zur Fokussierung des Blicks auf die Figuren. Das Überflüssige wird so ausgeblendet, die Konzentration liegt ganz auf den Menschen, ihren Blicken, Gesten und Gefühlen. Gefordert sind damit auch die Schauspieler:innen und diese meistern ihre Aufgabe grandios und tragen „The Quiet Girl“. Gerade in ihrer Zurückhaltung eindringlich und bewegend spielt die zur Zeit der Dreharbeiten etwa 12-jährige Catherine Clinch die verängstigte kleine Protagonistin, die langsam aufblüht, sich öffnet und Selbstbewusstsein entwickelt. Carry Crowley verleiht der Ziehmutter Eibhlín ebenso viel Wärme wie Andrew Bennett ihrem Mann die angemessene Wortkargheit und Reserviertheit.
Genau kontrolliert ist das Tempo und die Musik wird ebenso reduziert, aber pointiert eingesetzt wie Momente trockenen Humors. In der sorgfältigen Verankerung der Handlung auf dem Hof des Paares und dem genauen Blick für die alltäglichen Arbeiten kann man auch Bairéads Herkunft vom Dokumentarfilm spüren. Unaufdringlich beschwört er mit Ausstattung und Kostümen auch die Zeit der frühen 1980er Jahren. Gleichzeitig verleiht die bestechend eingefangene Atmosphäre eines für Irland ungewöhnlichen heißen und trockenen Sommers, in dem dennoch Grüntöne dominieren, diesem filmischen Kleinod eine poetische Note. 
Kinothek extra in der Kinothek Lustenau: Mo 11.11., 18 Uhr + Mi 20.11., 20 Uhr
 

80 Plus: Sabine Hiebler und Gerhard Ertl schicken mit der einst gefeierten 86-jährigen Schauspielerin Helene (Christine Ostermayer) und der proletenhaften Frührentnerin Toni (Margarethe Tiesel) zwei gegensätzliche Charaktere auf eine Reise von Wien nach Zürich. Dort will Helene Sterbehilfe in Anspruch nehmen, um einem langsamen Krebstod zu entgehen.
Trotz des ernsten Themas schlagen Hiebler und Ertl einen leichten Ton an, versuchen mit Witz trotz des bedrückenden Hintergrunds der Reise Lebensfreude zu verbreiten. Einfach und vielfach auch bemüht ist allerdings der Humor und begeistert wohl nur wirklich lachfreudige Zuschauer:innen, aber immerhin bieten die Regisseur:innen Christine Ostermayer und Margarethe Tiesel eine große Bühne.
So papieren und schematisch die Anlage der gegensätzlichen Charaktere auch ist, so erfüllen sie die beiden Schauspieler:innen doch mit Leben und sorgen dafür, dass die beiden Seniorinnen den Zuschauer:innen ans Herz wachsen. Im Alleingang tragen Ostermayer und Tiesel das sehr bieder inszenierte Roadmovie, bei dem auch die scheinbar so überraschende Schlusswendung kaum überraschend kommt.
Ecken und Kanten sucht man vergeblich, aufgesetzt wirkt die Kritik an der Ablehnung der Sterbehilfe durch konservativ-katholische Kreise. Ausgespart wird schließlich auch der Tod und alles endet so versöhnlich, als ob es kein bitteres Sterben, sondern nur ein großes Happy End gäbe: Da ist dann doch der vielfach zu lesende Vergleich mit Ridley Scotts „Thelma und Louise“ entschieden zu hoch gegriffen.
Spielboden Dornbirn: Mi 13.11., 19.30 Uhr

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