Ein Mann auf seinem Pferd am Beach of Assinie, Ivory Coast (2023). (© Chiara Wettmann / Agentur Focus)
Walter Gasperi · 05. Feb 2026 · Film

Aktuell in den Filmclubs (6.2. – 12.2.2026)

Der Spielboden Dornbirn zeigt diese Woche „The Mastermind“, in dem Kelly Reichardt die Genrekonventionen des Heist-Movies unterwandert und eine entschleunigte Studie eines Orientierungslosen vorlegt. In der Programmkinoschiene Kinothek extra der Kinothek Lustenau und in der folgenden Woche in der LeinwandLounge in der Remise Bludenz steht dagegen Jafar Panahis in Cannes 2025 mit der Goldenen Palme ausgezeichnete und für zwei Oscars nominierte Parabel „Ein einfacher Unfall – It Was Just an Accident“ auf dem Programm.

The Mastermind: In den USA des Jahres 1970 möchte der orientierungslose junge Familienvater J.B. Mooney (Josh O'Connor) in einem beschaulichen Ostküstenstädtchen mit einem Einbruch im lokalen Museum das große Geld machen. Doch der Überfall läuft nicht ganz nach Plan und der Kunstdieb muss bald untertauchen.
Nur ironisch ist der Titel „The Mastermind“ gemeint, denn alles andere als ein genialer Drahtzieher ist der Protagonist. Was dabei als Gaunerkomödie beginnt, entwickelt sich zunehmend zu einer melancholischen Studie eines der Mittelschicht angehörenden Mannes, der zunehmend ins gesellschaftliche Abseits driftet. Die Genre-Konventionen unterwandert Kelly Reichardt dabei schon dadurch, dass sie dem Tempo klassischer Heist-Movies die für ihre Filme typische, ausgesprochen entspannte und langsame Erzählweise entgegensetzt. Action spart die 61-jährige US-Independent-Regisseurin weitgehend aus, konzentriert sich vielmehr auf die unaufgeregte Beobachtung der Menschen und ihrer Handlungen und lässt den Figuren bei ihren Gesprächen immer wieder viel Raum und Zeit.
Die historische Situierung im Jahr 1970 bleibt dabei nicht Hintergrund, sondern spielt zunehmend intensiver in die Handlung hinein. Von Beginn weg wird zwar mit Radio- und TV-Nachrichten über den Vietnamkrieg und Anti-Kriegs-Protesten auf den Straßen das Bild eines zerrissenen Landes gezeichnet, doch J.B. scheint sich in seiner Selbstbezogenheit nicht dafür zu interessieren. Seine Orientierungslosigkeit erscheint nicht nur als individuelle Verlorenheit, sondern verweist auch auf eine gesellschaftliche Stimmung, die wohl nicht nur historisch gelesen werden soll, sondern sich auch auf die gegenwärtigen USA übertragen lässt. Einprägsam macht dabei der abrupte Schluss deutlich, dass man sich auf Dauer der Umwelt nicht entziehen kann, sondern auch ein Individualist wie J.B. – wenn auch durch Zufall – schließlich in die gesellschaftlich-politischen Ereignisse hineingezogen wird.  
Spielboden Dornbirn: Fr 7.2. + Mi 18.2., jeweils 19.30 Uhr (engl. OmU)

Ein einfacher Unfall – It Was Just an Accident: Seit vielen Jahren ist der Iraner Jafar Panahi wegen seiner gesellschaftskritischen Filme Repressalien des Regimes ausgesetzt. Dennoch arbeitet er trotz Berufsverbots unermüdlich weiter. Im Mittelpunkt seiner in Cannes 2025 mit der Goldenen Palme ausgezeichneten Parabel steht ein Automechaniker, der glaubt, in einem Kunden seinen einstigen Folterer im Gefängnis zu erkennen. Er entführt den Mann und will ihn schon töten, doch da dieser beharrt, dass dies eine Verwechslung sei, kontaktiert der Automechaniker weitere ehemalige Gefangene, um Gewissheit über die Identität des Entführten zu gewinnen.
Eingebettet in ein realistisch eingefangenes Umfeld entwickelt der iranische Meisterregisseur ein von großartig absurden Momenten durchzogenes moralisches Drama, bei dem nicht zufällig auch explizit auf Samuel Becketts „Warten auf Godot“ verwiesen wird. Die Position des Humanisten Panahi scheint dabei eindeutig, wenn sich die ehemaligen Opfer schließlich als menschlicher erweisen als das Regime, gleichzeitig wird mit einem beunruhigenden und nicht ausformulierten Ende, das gerade in der Andeutung lange haften bleibt, diese Milde aber wieder in Frage gestellt. – Einfache Lösungen gibt es hier eben nicht und es sind solche Ambivalenzen die „It Was Just an Accident“ bei aller äußeren Einfachheit zu einem komplexen und zum Nachdenken anregenden Film machen.
Kinothek extra in der Kinothek Lustenau: Mo 9.2., 18 Uhr + Mi 18.2., 20 Uhr (farsi OmU)
LeinwandLounge in der Remise Bludenz: Mi 18.2., 19 Uhr (farsi OmU)

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