Die Berliner Band „Milliarden“ beim Poolbar Festival (Foto: Darius Grimmel)
Walter Gasperi · 23. Mär 2023 · Film

Aktuell in den Filmclubs (24.3. - 30.3. 2023)

Diese Woche wird am Spielboden Dornbirn Park Chan-wooks visuell brillanter Thriller „Decision to Leave – Die Frau im Nebel“ gezeigt (im April im TaSKino Feldkirch). Im TaSKino Feldkirch steht dagegen Bernhard Braunsteins Dokumentarfilm „Stams“ auf dem Programm, der im April in der Bludenzer LeinwandLounge gezeigt wird.

Die Frau im Nebel: Ein Inspektor verliebt sich in eine Mordverdächtige. – Klingt nach einem abgedroschenen Plot, doch der Koreaner Park Chan-wook macht daraus einen formvollendeten und wendungsreichen Mix aus Film noir und melancholischer Liebesgeschichte, für den er letztes Jahr in Cannes mit dem Preis für die beste Regie ausgezeichnet wurde.
Jede Einstellung ist hier überlegt gestaltet, jeder Farbtupfer bewusst gewählt und aufregende Perspektiven sorgen immer wieder für Überraschungen. Auch der Humor kommt nicht zu kurz, wenn beispielsweise der legendären unappetitlichen Oktopus-Szene aus Parks „Old Boy“ hier eine doch recht komödiantische Schildkröten-Szene gegenübersteht. 
An „Vertigo“ von Parks großem Vorbild Alfred Hitchcock erinnert „Die Frau im Nebel“ mit seiner obsessiven Liebe eines Polizisten zu einer Verdächtigen ebenso wie an Paul Verhoevens Erotik-Thriller „Basic Instinct“. Doch im Gegensatz zu Letzterem verzichtet Park hier auf Gewalt und Sex. Langsam und sanft ist die Erzählweise, aber auch so verschachtelt, dass man teilweise den Überblick verlieren kann und ein mehrmaliges Sehen zweifellos lohnt.
Vorwerfen kann man dem Koreaner vielleicht, dass er seine Kunstfertigkeit geradezu zelebriert und dass ihm Stil wichtiger ist als Inhalt. Ein verführerisches und sehr sinnliches Kinoerlebnis bietet dieses wendungsreiche und nie durchschaubare Katz-und-Maus-Spiel dennoch. Zu verdanken ist dies auch den beiden großartigen Hauptdarsteller:innen Park Hae-il und Tang Wei. Wunderbar melancholisch legt Park Hae-il den nur unter dem Einfluss von Seo-rae Ruhe und Schlaf findenden Inspektor an, während Tang Wei, die durch ihre Rolle in Ang Lees Erotik-Thriller „Lust und Begierde“ (2007) bekannt wurde, mit ihrem zurückhaltenden Spiel großartig Seo-rae eine Aura der Undurchschaubarkeit verleiht.
Spielboden Dornbirn: Fr 24.3. + 8.4. – jeweils 19.30 Uhr
TaSKino Feldkirch im Kino GUK: 7.4.bis 12.4.

Stams: Bernhard Braunstein begleitet in seinem Dokumentarfilm Schüler:innen des Skigymnasiums Stams durch ein Schuljahr.
Im Stil des Direct Cinema eines Fréderic Wiseman beschränkt sich Braunstein ganz auf die begleitende Beobachtung. Im Zentrum stehen dabei die Schüler:innen, Skiläufer:innen ebenso wie Skispringer:innen. Lehrer:innen und Betreuer:innen kommen nur vor, wenn dies nötig ist. Auf jeden Kommentar wird verzichtet, der filmische Raum wird ganz den Teenagern überlassen, die immer wieder in Großaufnahmen ins Bild gerückt werden. 
Ganz auf die Gegenwart des Schuljahrs konzentriert sich "Stams" dabei. Nichts erfährt man über die Biographie oder die Persönlichkeit der Schüler:innen, nicht einmal ihr Namen werden genannt. Wie der Titel schon andeutet, geht es hier nicht ums Individuum, sondern um die Einrichtung, die durchleuchtet werden soll.
In der Fülle der Szenen bietet Braunstein damit ein anschauliches und vielfältiges Bild des Alltags im Skigymnasium. Nah dran ist er an den Schüler:innen, gleichzeitig ist der Blick, auch durch den Verzicht auf emotionalisierende Filmmusik, nüchtern und sachlich. 
Als Qualität ebenso wie als Schwäche kann man dabei ansehen, dass Braunstein sich auf die Position des neutralen Beobachters beschränkt und auf jede Position verzichtet. Nichts wird so verklärt oder beschönigt, auch bei den Wettkämpfen werden nicht Erfolge in den Mittelpunkt gestellt, sondern vielmehr sieht man enttäuschte und weinende Skispringer:innen oder es wird bei einem Rennen über einen schweren Sturz gesprochen, der sich im visuellen Off ereignet.
Aber auf offene Kritik wird verzichtet und das Thema „Sexuelle Übergriffe“, das 2017 publik wurde, bleibt schon aufgrund der gewählten Form außen vor. Hier wird eben nicht recherchiert und nachgefragt, sondern gezeigt und das Urteil über diese Schule, in der zumindest der sportliche Leistungsdruck sehr hoch ist, wird dem Publikum selbst überlassen.
TaSKino Feldkirch im Kino GUK: Mi 29.3. bis Fr 31.3.
LeinwandLounge in der Remise Bludenz: Mi 19.4., 19 Uhr

  

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