Adam Bałdych European Quartet: Endless
Mit einem runden Dutzend Alben – zehn davon auf dem Münchner Label ACT – hat sich Adam Bałdych längst einen exzellenten Ruf als Geigenvirtuose im Spannungsfeld von Jazz, Klassik und Neuer Musik – unter Einbeziehung von Elementen aus der traditionellen Ethno-Musik – erspielt. Zwar vermied er schon als Jungstar jegliche plakative, dem reinen Selbstzweck dienende Saitenartistik, dennoch lässt sich beim mittlerweile 40-Jährigen eine merkliche, gedankliche Vertiefung seines Musizierens feststellen.
Dementsprechend klingt auch der Booklet-Text des aktuellen Albums: „‚Endless‘ lässt sich als Zeugnis einer spirituellen Suche verstehen, als Ausdruck einer Frage, die im Inneren des Menschen nachhallt: Was bleibt bestehen? Was ist wahr? Was bleibt, wenn alle Stimmen der Welt verstummen? In einer Kultur, die den Wert an Geschwindigkeit und Sichtbarkeit misst, bietet diese Musik eine andere Perspektive – eine Perspektive der Dauer, der Konzentration und des Vertrauens.“ Tatsächlich erweisen sich die im Jänner 2026 im akustisch und architektonisch gleichermaßen beeindruckenden Konzertsaal des Europäischen Musikzentrums Krzysztof Penderecki in Lusławice live aufgenommenen elf Titel als wundervolle kontemplative Rückzugsorte in dieser zunehmend hektischer, problematischer, oberflächlicher und irrsinniger werdenden Welt. Zehn stammen aus der Feder des Bandleaders, „Michalina“ aus jener Erik Saties, den er (wie auch Chopin, Rachmaninoff, Tschaikowsky, Miles Davis, Herbie Hancock oder Stéphane Grappelli) zu seinen Einflüssen zählt.
Gemeinsam mit dem italienischen Bandoneonisten Daniele di Bonaventura, dem französischen Kontrabassisten Michel Benita und dem schwedischen Gitarristen Jacob Karlzon – letzterer war schon 2012 bei der Baltic Gang seines ACT-Debüts „Imaginary Room“ dabei – lädt Bałdych zu einer soundfarbenreichen, oftmals melancholischen, stets emotional berührenden musikalischen Reise ein. Dass es als eine solche gedacht ist, legen Titel wie „Wanderer“, „Traveler“ oder „Long Way Home“ nahe. Bałdych zaubert wundervolle, melodisch eingängige Stimmungsbilder, die genügend harmonische und rhythmische Raffinessen und außerordentliche Spieltechniken enthalten, um die Spannung stets aufrechtzuerhalten. Die technischen Fähigkeiten des Geigers, der auch mal zur Renaissance-Violine greift, scheinen grenzenlos zu sein, seine osteuropäische Melancholie harmoniert wundervoll mit der nordeuropäischen Karlzons, der prickelnde, kristallklare Läufe einbringt. Benita legt auf dem Kontrabass ein sicheres rhythmisches Fundament, bei dem er von di Bonaventura unterstützt wird, der – wenngleich ein großartiger Bandoneon-Virtuose – kaum soliert, sondern sich um Harmonien und das Erschaffen von Stimmungen kümmert. Diese sind zumeist von schöner Wehmut geprägt, Ausreißer sind „The Stars Are Closer Than We Think“ mit rockigen Anflügen zwischen verträumten Klavierläufen, und „Traveler“ mit geräuschhaften Einschüben. Der Booklet-Text gleitet noch ins Metaphysische ab: „Der Ursprung dieser Musik liegt in der Beziehung. Ihre Inspiration ist die Begegnung mit Gott: still, persönlich, oft ohne Worte. In einer solchen Erfahrung ist Musik nicht mehr nur eine Ausdrucksform, sondern wird zu einem Weg der Rückkehr – zur Bedeutung, zur Wahrheit, zu dem, was dem Vergehen der Zeit nicht unterliegt.“ Das kann man halten, wie man will, aber „Endless“ ist auf jeden Fall ein verdammt gutes Album, alles ist Soundtrack-artig, evoziert Emotionen und Bilder, und es fällt leicht und macht großes Vergnügen, sich völlig in diese Musik fallen zu lassen und dem imaginären Kopfkino hinzugeben.
(ACT)
Dieser Artikel ist bereits in der Print-Ausgabe der KULTUR September 2026 erschienen. Hier geht es zum E-Paper.