Von jungen Känguruhs, alemannischen Großeltern und eingefleischten Stammtischmachos
40 Jahre KULTUR-Geschichte, Teil 1 (1986–1995)
Peter Füßl hat es in seinem vormonatlichen Rückblick auf die Gründung der KULTUR-Zeitschrift vor 40 Jahren bereits erwähnt: Dieses Blatt befasste sich in seinen Gründungsjahren mit einem „unglaublich breiten Spektrum an Themen“. Das macht es naturgemäß nicht leicht, hier auch nur ansatzweise wiederzugeben, was die Leserinnen und Leser – und natürlich vor allem die Schreibenden beiderlei Geschlechts – in den 1980er und 1990er Jahren bewegte. Nur von diesen Jahren soll hier nämlich die Rede sein, die folgenden Jahrzehnte werden dann in den kommenden Ausgaben unter die Lupe genommen.
Zunächst einmal: Die KULTUR nannte sich von Anfang an „Zeitschrift für Kultur und Gesellschaft“, und entsprechend breit wurden hier auch gesellschaftspolitische Debatten geführt. Dazu gehörte etwa der Umgang mit Sexualität – am Beispiel der damals viel diskutierten „Materialien zur Sexualerziehung“ für die Schulen (bekannt als „Sexkoffer“), aber auch des Umgangs mit Homosexualität. Dornbirns Bürgermeister Sohm, auch das hat Peter Füßl erwähnt, sah ja 1989 „das Ansehen der Stadt Dornbirn“ gefährdet, weil auf dem „Fummelball“ der Homosexuellen Initiative (HOSI) laut Plakat-Ankündigung „gefummelt werden“ durfte.
Kirchenkritik mit „missionarischem Eifer“
Zu den Dauerbrennern gesellschaftspolitischer Natur gehörte auch die Auseinandersetzung mit der Religion und hier vor allem der katholischen Kirche: Am Anfang war es vor allem der AHS-Lehrer und studierte Theologe Willibald Feinig, der sich unter anderem mit dem Opus Dei beschäftigte, dessen Mitglied Klaus Küng 1989 zum Bischof von Feldkirch ernannt worden war. Eine öffentliche Debatte löste aber auch die Veranstaltungsreihe „Kler-Schlamm“ des Bludenzer Vereins Denk-Mal aus: Die kirchenkritischen Vorträge riefen auch hier die Politik – und die Justiz – auf den Plan, der Verein wurde mit Klagen überzogen und mit Subventionsentzug bestraft. Die – namentlich nicht gezeichnete – Ankündigung der Veranstaltungsreihe löste allerdings auch in der KULTUR selbst eine kritische Reaktion aus. Der Sozial- und Religionswissenschafter Kurt Greussing schrieb: „Mir wurde bei dem Artikel ganz warm ums Herz. Geht der Autor mit seinen weltanschaulichen Gegnern doch in einer Weise um, als hätte er's bei Otto Habsburg gelernt: eine flotte Dokumentation der höheren Halbbildung, Fachrichtung abendländische Philosophie; Verallgemeinerungen, daß die Schwarten krachen; ein missionarischer Eifer der Verkündigung, der für die selbstkritische Befragung der eignen Position weder Zeit noch Raum läßt. Fazit: Von allen Atheisten sind die katholischen die schlimmsten.“ (KULTUR 10/1986)
Andere gesellschaftspolitische Themen, denen die KULTUR jeweils Schwerpunkt-Ausgaben widmete, waren unter anderem Drogen und Prostitution, Wohnungsnot und -losigkeit, Jugendhäuser, Straßenbau und Stadtplanung sowie Esoterik und Homöopathie.
Historische Hahnenkämpfe
Zu den spannenden Auseinandersetzungen gehörten jene, die sich mit Aspekten der Landesgeschichte beschäftigten. Auch da gab es Schwerpunkthefte, die sich wiederum an Veranstaltungsreihen von Spielboden und Saumarkt-Theater orientierten (z. B. „Vorarlberg im März“ zum 50. Jahrestag des „Anschlusses“ Österreichs an Nazi-Deutschland im März 1988 oder „Nächte im November“ zur Erinnerung an die antisemitischen Pogrome 1938). Die – damals noch jungen – Historiker der Johann-August-Malin-Gesellschaft (Pichler, Walser, Dreier, Bundschuh, Kiermayr-Egger) waren häufig mit eigenen Beiträgen vertreten, aber auch mit Auszügen oder Rezensionen ihrer Bücher. Da ging es anfangs noch um Auseinandersetzungen mit den Vertretern der von der „Alemannenideologie“ beeinflussten Geschichtsschreibung (Theodor Veiter, Elmar Grabherr, Benedikt Bilgeri), aber auch um Kritik am Umgang des Landes mit der Geschichte: Als 1988 der Historiker Gerhard Wanner im Auftrag des Landes eine Ausstellung über das Jahr 1938 kuratierte, erhielt er – wieder von Kurt Greussing – eine saftige Rezension: „Der Einwand, es sei kein Geld da gewesen für eine bessere Gestaltung, dieser Einwand zieht nicht. (…) ‚Die Kosten‘, sagt Dr. Paul Rachbauer vom Landesmuseum, ‚waren nicht außerordentlich‘ - einige Stellwände, Transporte, etliche Vergrößerungen auf das ausstellungsübliche Bildformat von ca. 30 x 25 cm. Ausstellungsmanagement nach dem Prinzip des jungen Känguruhs - kleine Sprünge, leerer Beutel.“ (KULTUR 3/1988)
„Beleidigte Burenwurst“
Besonders tief flogen die Hacken in der Auseinandersetzung um die Ausrichtung des Jüdischen Museums Hohenems. Der wissenschaftliche Leiter Karl Heinz Burmeister, zugleich Direktor des Landesarchivs, war mit der Ausstellungskonzeption von Kurt Greussing und der Umsetzung durch Bernhard Purin nicht einverstanden und unterstellte ihnen sogar mehr oder weniger deutlich eine antisemitische Einstellung: „Das Verhalten der Christen gegenüber den Juden beherrscht dieses Konzept, die Juden erscheinen in erster Linie als Objekt. Ihr Eigenleben, ihr Rechtsleben, ihre eigene Gerichtsbarkeit, ihre Religion und ihr Geistesleben, alles das wird allenfalls am Rande behandelt.“ (KULTUR 3/1991) Weil in einem Text das Wort „Progrom“ vorkam, warf Burmeister Purin sogar vor, „die Tradition des ‚Stürmers‘“, also eines antisemitischen Hetzblattes, fortzuführen. Da platzte Kurt Greussing einmal mehr der Kragen: „Mit Dr. Burmeister eine Debatte über Probleme des Jüdischen Museums, über dessen Schwächen (davon gibt’s einige) und dessen Stärken (auch davon einige), zu führen, ist wohl müßig. Wer aus dem Setzfehler ,Progrom‘ eine Nähe zum ‚Stürmer‘ konstruiert, will offenbar kein Gespräch, sondern ein paar hinter die Löffel: Tätliche Ehrenbeleidigung in berechtigter Erregung ist straffrei. (…) Er (Burmeister – Anm. MB) ist das traurige Opfer einer selbstverschuldeten narzißtischen Kränkung, eine beleidigte Burenwurst. Gekränkt bin freilich auch ich, daß er Positionen bezieht, die er noch vor einigen Wochen und bei klarem Verstand ausgelacht hätte.“ (KULTUR 4/1991) Burmeister legte dann noch einmal nach, als er ein Buch über die „Juden von Sulz“ von Bernhard Purin rezensierte: „In der praktischen Umsetzung war Purin freilich völlig überfordert. Er geht mit seiner Quelle um wie ein Kannibale, der einen letzten Rest guter Tischsitten aufgibt.“ (KULTUR 1/1992)
Pöbelhafte Rezensionen
Scharfe Worte fanden sich in den 1980er und 1990er Jahren in der KULTUR aber auch in anderen Rezensionen – mitunter knapp unter der Gürtellinie. So schrieb der spätere Kulturamtsleiter von Bludenz und Dornbirn, Roland Jörg, in einer Rezension von Ingrid Puganiggs „Hochzeit. Ein Fall“: „Einmal lassen Sie Ihre Protagonistin sagen: ‚Monsieur, ich habe auf Ihr Geld uriniert‘ (S. 127). Sie können sich vorstellen, Madame, was ich mit Ihrem Buch mache.“ Ulrike Längle, Leiterin des Franz-Michael-Felder-Archivs und Mitglied der KULTUR-Redaktion, antwortete in der folgenden Ausgabe: „Das ist keine Auseinandersetzung mit einem literarischen Werk, das ist eine rüde Anpöbelung, würdig eines eingefleischten Stammtischmachos. (…) Ich finde es beschämend und niveaulos, wenn in einer Zeitschrift, die sich ‚Kultur‘ nennt, in diesem Ton über Literatur geschrieben (…) wird.“ (KULTUR 6/1992) Längle trat gleichzeitig aus der Redaktion der KULTUR aus.
Roland Jörg attackierte aber auch – mit weniger rüden Worten – die Kulturpolitik des Landes, und da kommen einem manche Formulierungen aus dem Jahr 1987 (!) doch recht aktuell vor: „Die mittlerweile tiefgefrorenen Budgets werden zunehmend einseitig verteilt, zugunsten der Vergnügungspartien. Wie immer, wenn Budgetsanitäranlagen geplant werden, wird auf Kulturhygiene verzichtet. (…) Nicht Qualität oder kulturpolitische Notwendigkeiten, hohe Besucherzahlen rechtfertigen den Kulturbetrieb: Billeteure werden zu Kunstkritikern erhoben und Buchhalter zu Kulturpolitikern.“ (KULTUR 9/1987)
Von der „Landesgalerie“ zum Kunsthaus
Apropos „kulturpolitische Notwendigkeiten“: Mit einigem Amüsement folgt man – mit fast 40 Jahren Abstand – der Diskussion über die Entstehung des Kunsthaus Bregenz: 1987 war in einem Interview mit Kultur-Landesrat Guntram Lins noch von der „Landesgalerie“ die Rede, die an Stelle des Pförtnerhauses der Stella Matutina errichtet werden sollte: „Zunächst muß mit dem Bundesdenkmalamt verhandelt werden, ob und zu welchen Bedingungen eine Abbruchbewilligung für das vorhandene Objekt in Feldkirch zu bekommen ist. (…) Der Standort Feldkirch ist für mich fix.“ Als dann vier Jahre später doch ein Neubau in Bregenz geplant wurde und Edelbert Köb als Gründungsdirektor des KUB vorschlug, das Haus zwar in einer Etage mit Werken der Vorarlberger Künstler Bechtold, Kalb und Wacker zu bestücken, ansonsten aber eher auf ein internationales Ausstellungshaus zu setzen, zweifelte der Künstler Gottfried „Göpf“ Bechtold an der Anziehungskraft eines solchen Hauses: „Ein großer (Künstler-)Name in Bregenz, heißt Perlen vor die Säue schmeißen.“ Außerdem befürchtete er, dass das heimische Publikum mit moderner Kunst wenig anfangen könne, wenn daneben ein Wacker hänge: „Ich kann mit hundertprozentiger Sicherheit voraussagen, daß die moderne Kunst in diesem Haus ganz schlecht abschneidet, wenn der Wacker drinhängt. Man müßte sich den Mut herausnehmen zu sagen: okay, ich will überhaupt nichts gegen Wacker und Kalb sagen, aber die gehören nicht dort hinein. Die gehören ins Museum.“ (KULTUR 2/1991)
„Antiquitäten-Mafia“
Zu den Highlights der ersten zehn KULTUR-Jahrgänge gehören die Berichte über kriminelle Machenschaften: Da verschwanden aus dem für das Jüdische Museum angekauften Gebäude Gemälde, die zum Teil bei konzessionierten Kunsthändlern wieder auftauchten, da handelte eine „Antiquitäten-Mafia“ (© Peter Füßl) mit aus Museen gestohlenen Kunstwerken, und da kaufte der Landesmuseumsverein dem Nachkommen eines ehemaligen Archivmitarbeiters Dokumente ab, die aus eben jenem Archiv stammten – sehr zum Ärger des dortigen Direktors Karl Heinz Burmeister: „Der Landesmuseumsverein rechtfertigt sein Verhalten damit, daß ohne sein Eingreifen die Archivalien ins Ausland verkauft oder gar der Vernichtung anheimgefallen wären. Man kann sich nur wundern, wenn solche Drohungen von Leuten ausgesprochen werden, die jederzeit ihr Vorarlbergertum ins grelle Licht stellen und ihre Ahnenreihen von vier alemannischen Großeltern oder gar acht dergleichen Urgroßeltern hervorkehren. Ernst zu nehmen sind sie nicht.“ (KULTUR 3/1990) Und Chefredakteur Peter Füßl warf dem Land mangelnden Aufklärungswillen solcher Affären vor: „Im Landhaus, so scheint es zumindest, werden die Untersuchungen immer ungefähr so weit vorangetrieben, bis man befürchten muß, tatsächlich etwas herauszufinden.“ (KULTUR 1/1991)
Geistiger Diebstahl
Herausgefunden haben die Beitragsspender (viele Jahre lang gab es für die Artikel kein Honorar) der KULTUR aber auch den einen oder anderen Schwindel: Meinrad Pichler deckte beispielsweise 1988 (noch ohne Computer und Plagiatsdetektor) auf, dass die von der Rheticus-Gesellschaft publizierte Magisterarbeit des Feldkircher Lehrers Hans-Peter Schuler über die Vorarlberger Landwirtschaft 1918–1938 in weiten Teilen abgeschrieben war – und warf ihm „geistigen Diebstahl“ vor: „Und den betreibt Schuler in derart unverschämter Weise, daß man das meiste zweimal lesen muß, um die Ungeheuerlichkeit glauben zu können. Grob geschätzt – irgendwann ist das Simultanlesen mit dem jeweiligen Original den Aufwand nicht mehr wert – sind mindestens zwei Drittel der gut 200 Textseiten wörtlich abgeschrieben.“ (KULTUR 7/1988) Der wirkliche Skandal folgte aber später: Dem Plagiator wurde zwar nach gründlicher Prüfung vom Fakultätskollegium der Geisteswissenschaftlichen Fakultät der Universität Innsbruck der akademische Titel aberkannt, er behielt aber seine Lehrberechtigung, durfte weiter unterrichten und ging inzwischen als „Oberstudienrat“ in Pension.
Dieser Artikel ist bereits in der Print-Ausgabe der KULTUR März 2026 erschienen. Hier geht es zum E-Paper.