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24.04.2017 |  Peter Niedermair

Über das Recht auf Sterbehilfe und den Unsinn eines natürlichen Todes - „kultiviert sterben“ von Alois Schöpf

Der Innsbrucker Limbus Verlag hat einen Programmschwerpunkt deutschsprachiger Gegenwartsliteratur mit Fokus österreichische Literatur sowie die Essayreihe zu gesellschaftspolitisch aktuellen Themen. In dieser Reihe erschien 2015 Alois Schöpfs Essay „kultiviert sterben“.

Die literarische Form des Essays


„Prinzipiell gilt“, und ganz besonders im vorliegenden Fall, „dass man ein Buch nur dann schreiben soll, wenn man am Anfang nicht weiß, was am Ende dabei herauskommt. Das interessante am Bücherschreiben ist der Lernprozess, den man als Autor durchmacht.“ In diesem Sinne besteht eine der Intentionen seines Essays „kultiviert sterben“ darin, sich selbst über ein relevantes gesellschaftliches Problem klar zu werden. Schöpf: „Ich möchte wissen, was ich tue, wenn ich sterben muss.“ Schöpfs Essay ist zeitgeschichtlich aktuell, engagiert, eindringlich, aufrüttelnd und redet Tacheles. Der Essay als literarische Form geht auf Michel de Montaigne, 1533-1592, zurück, der den Essay als literarische Form von Erasmus von Rotterdam übernahm. Was dieser als eine Sammlung von Sprüchen, Aphorismen und Weisheiten sah, versieht Montaigne aus einer skeptischen Grundhaltung heraus mit Kommentaren und Kritik, die er dem scholastischen Absolutheitsanspruch entgegenstellt. Montaigne tritt in seinen Essays als ein nach Antworten suchender Fragender auf, die er letztlich nicht findet. Das gilt hier auch für Alois Schöpf. Doch das wäre, wie gesagt, auch nicht seine primäre Intention. Bedeutend ist vielmehr, dass ein kluger Essay neue Fragen aufwirft bzw. ein Problem fokussiert, was die Möglichkeit bietet, abseits dogmatischer Lehrmeinungen und gesellschaftlicher Konventionen, selbst zu assoziieren und die Anregungen weiter zu spinnen. 

Die Auseinandersetzung um den hervorragend geschriebenen Essay von Alois Schöpf erinnert mich an die von Galileo Galileis vorgetragene Aufforderung an die Vertreter der Kurie im Prozess von 1633, mit einem Blick durch die Fernrohre doch ihren eigenen Augen zu glauben. Galilei, der selbst ein tiefgläubiger Mensch war, wurde des Ungehorsams beschuldigt. Nachdem er seinen Fehlern abgeschworen, sie verflucht und verabscheut hatte, wurde er zu lebenslangem Kerker verurteilt und war somit der Hinrichtung auf dem Scheiterhaufen entkommen. Drei Jahre lange musste er täglich sieben Bußpsalmen beten, seine sozialen Kontakte waren massiv eingeschränkt. Heute, 384 Jahre nach diesem Urteil gegen Galilei, muss Alois Schöpf nicht Psalmen beten. Er kann reisen, öffentlich auftreten, kritische, sehr gefragte Kommentare u.a. im ORF und in der Tiroler Tageszeitung verfassen. 2007 bekommt Alois Schöpf das Verdienstkreuz des Landes Tirol, 2016 Ehrenzeichen für Kunst und Kultur der Stadt Innsbruck. Doch im Grunde genommen, Menschenrechte und freie Meinungsäußerung sei Dank, würde man das schmale, 160 Seiten starke Büchlein von Schöpf am liebsten auslöschen, doch weil man das nicht kann, verschweigt man es. Für Schöpfs „kultiviert sterben“ wie für andere Bücher auch ist jedoch nicht primär wichtig, ob sie gelesen oder rezensiert werden - der Druck auf Rezensenten ist offensichtlich groß, bzw. deren Angst vor Sanktionen. Wichtig ist primär, dass solche Bücher geschrieben und gedruckt werden.  

Die zentrale Position im Essay 


Die zentrale Position besteht darin, dass es kein Argument gibt, dem Menschen ein selbstbestimmtes Sterben zu verweigern, sofern man nicht religiös ist. Das Problem ist die Religion, aus der Sicht der Aufklärung also der Aberglaube, auf den sich alle Religionen reduzieren. Das macht es notwendig, neben der Argumentation, dass niemand geschädigt wird, wenn sich jemand aus großem Leiden heraus entschließt, sein Leben zu beenden, eigens darauf einzugehen, dass Menschen, die heute noch religiös sind, damit das Höchste am Menschen, seine Vernunftfähigkeit, bewusst verraten, um (Schöpf) „sich wohlig in ihrem metaphysischen Schrebergarten einzurichten. Der Preis dieses Wohllebens ist unendliches menschliches Leid und, auf Österreich bezogen, ganz konkret eine tausendfache Missachtung der Menschenrechte“. 

Zum pragmatischen Hintergrund


Die Tatsache, dass Sterbehilfe in Österreich nicht einmal ein Thema ist, geht auf jene Eigenschaften des Menschen zurück, die bereits Kant als größtes Hindernisse der Aufklärung bezeichnet: Faulheit und Feigheit. Schöpf hat allen Tiroler Landtagsabgeordneten und allen Nationalratsabgeordneten das Büchlein geschickt. Von nur ganz wenigen hat er eine Antwort bekommen, er ist überzeugt, dass die meisten nicht einmal einen Blick hinein geworfen haben. „Dies gilt übrigens auch für meine Journalistenkollegen, von denen die Jungen meinen, dass sie das Thema des Sterbens noch nicht betrifft, weshalb sie sich nicht darum zu kümmern haben, wohingegen die älteren, meist katholisch sozialisierten Kollegen der Ansicht sind, man könne so nicht mit der Kirche umspringen bzw. dass es am besten sei, wenn man das Thema Sterben verdränge und darauf hoffe, leidlos tot umzufallen. Leider geschieht dies im Zeitalter des medizinischen Fortschritts immer seltener, was zugleich natürlich auch ein großer Segen ist, da viele, die plötzlich umfallen, dann doch noch überleben.“

Im 62. Kapitel, S. 114, schreibt Schöpf, persönliche Erfahrungen und langes Nachdenken hätten ihn dazu gebracht, mit Vehemenz faire Gesetze zu fordern, die dem Menschenrecht auf einen selbstbestimmten Tod entsprechen. Der Androhung, er würde dann, wenn es ihm entsprechend schlecht gehe in seinen letzten Tagen wohl auch noch zur Religion zurückfinden, entgegnet er eine Seite später: „Sollte ich doch noch religiös werden, so diagnostiziere ich das von heute aus schon als Verblödung in der Zukunft.“ Zu guter Letzt nochmals O-Ton Schöpf: „Wer heute noch angesichts dessen, was wir allein über die Konstruktion des Weltalls um uns herum wissen, noch der Ansicht ist, dass Jesus Christus aus Bethlehem der Sohn Gottes ist, dem ist entweder nicht zu helfen, weil er zu dumm ist, um die Welt aus dem Horizont des heutigen Wissens heraus zu begreifen, oder weil er, wie schon oben angedeutet, dass geistige Wohlleben, dass die Religion bietet, seinen philosophischen Hedonismus also höher einschätzt als die Wahrheit.“

 

Alois Schöpf, „kultiviert sterben. Über das Recht auf Sterbehilfe und den Unsinn eines natürlichen Todes. Essay“,  Limbus Verlag, Innsbruck 2015; ISBN 978-3-99039-050-4, € 10  

 

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