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11.12.2017 |  Gerhard Wanner

Spannender Einblick in 200 Jahre Landesgeschichte - Zu Meinrad Pichlers „Menschen in Bewegung. Vorarlberger Lebenswege und Zeitläufte“

Zum 70. Geburtstag erschien Meinrad Pichlers Sammelband zum Thema „Menschen in Bewegung. Vorarlberger Lebenswege und Zeitläufte“. Pichler, der an der Universität Wien und nicht etwa im „reaktionären“ Innsbruck Geschichte und Deutsch studierte, gehörte schon in den 70er-Jahren zur Gruppe junger, zeitkritischer Historiker. Er hatte sich außerdem zum Ziel gesetzt „Geschichte von unten“ zu erforschen.

Thematische Vorlieben

Der einstige Gymnasialdirektor kann auf eine reiche Publikationstätigkeit zurückblicken und hat gleichsam eine Zusammenfassung seiner Forschungsarbeit mit der „Geschichte Vorarlbergs Bd. 3“ im Jahr 2015 präsentiert. Auch im vorliegenden Band spannt sich der Bogen vom Beginn des 19. Jahrhunderts bis in die unmittelbare Gegenwart. Hier sind auch seine thematischen Vorlieben zu erkennen, welche ihn seit Beginn an beschäftigen: Zu nennen ist die Zeit des Nationalsozialismus in Vorarlberg, dessen kritische und auf Widerstand stoßende Erforschung er als Mitbegründer der Johann-August-Malin-Gesellschaft betrieb.

Ein weiterer Schwerpunkt bildet der Bereich Ein- und Auswanderung, vor allem in die USA. Meist als „Wirtschaftsflüchtlinge“ beteiligten sich Vorarlberger gar als „Freiheitskämpfer“ im Bürgerkrieg von 1861-1865. Vorarlberg wurde aber auch Ziel von hoffnungsvollen Einwanderern, von jüdischen Ärzten, böhmischen Musikern und Trentiner Bauhandwerkern. Maßgeblich belebten und förderten sie das soziale, kulturelle und wirtschaftliche Leben.

Zur selben Zeit entstanden die Ansätze eines neuartigen kollektiven Vorarlberg-Bewusstseins, einer meist „alemannisch“ geprägten Identität. Mythenbildungen hatten eingesetzt, die auch unter dem Einfluss einer „akademischen Vorarlberger Diaspora“ in Wien und München stand. (S. 201) Dabei wurden Persönlichkeiten wie die Malerin Angelika Kauffmann durchaus identitätsstiftend vereinnahmt: Nachdem sie noch im 20. Jh. zur „Idealgestalt zur Vorführung Vorarlberger Tugenden“ erklärt worden war (…) fungiert Kauffmann wieder als Säulenheilige, nun aber nicht mehr so sehr unter dem Aspekt der hehren Landestochter als vielmehr unter jenem der bedeutenden und emanzipierten Frau“. (S. 205)

Unbekannte Biografien

Anhand selbst bei Historikern unbekannte Biografien können wichtige Ereignisabläufe der Landesgeschichte nachvollzogen werden: So etwa die Vorkommnisse der 1848er-Revolution am Beispiel des Landarztes Dr. Carl Dür, der mit seiner Freiwilligenkompagnie in Norditalien freilich „vergebens“ den ebenfalls revolutionären italienischen Feind suchte. Ebenfalls ein Akademiker war der Advokat und Lobbyist Dr. Tiburtius Fritz, nach Pichler ein „Agent der Moderne“. Ihm verdankte das Kleine Walsertal 1890 den Anschluss an das Deutsche Reich.

In der 2. Hälfte des 19. Jahrhunderts befindet sich Vorarlberg in der Hochblüte des Industriekapitalismus, dessen Auswirkungen sich Pichler ausführlich im Kapitel „Gutsherren und Kleinbauern“ widmet. Er kommt zu einem ernüchternden Ergebnis: Reformen gingen nicht von den meist verschuldeten Bauern aus, sondern von „oben“, von Bürgern. Dennoch – „auch die bürgerlichen Reformer der Agrarwirtschaft sind dem Geruch der stickigen Ställe und der mühevollen und kargen Alltagswelt der ständig ums Überleben kämpfenden Kleinbauern tunlichst aus dem Weg gegangen“. (S. 190 f)

In etwas „besserer“ Erinnerung steht Lehrer Ferdinand Riedmann. Er legte 1918/19 seine „Loyalität gegenüber Österreich ab“ und initiierte die Anschlussbestrebungen Vorarlbergs an die Schweiz. Pichler beleuchtet ihn, den „Sprecher einer bis dahin schweigenden Vorarlberger Mehrheit“ aus einer bisher „ungewohnten“ ideologischen Einstellung und keinesfalls als aufgeklärten Neuerer. Diese seine Einstellung traf wohl größtenteils auch für die Mehrheit seiner Befürworter zu – und noch ein halbes Jahrhundert lang: „Sein Gedankengut war ein ausgeprägt kleinbürgerlich-christlichsoziales: antisozialistisch und antikapitalistisch zugleich, allen Erscheinungen der Moderne gegenüber skeptisch bis aggressiv ablehnend, in religiösen Angelegenheiten unduldsam (…) und antisemitisch.“ (S. 145)

Wenn Pichler den Lebenslauf von Johann-August-Malin beschreibt, erhalten wir auch Einblick in die Motivation seines von ihm mitbegründeten Geschichtsvereines. Es geht um die Aufdeckung des Nationalsozialismus und seines Umfelds in der Zwischenkriegszeit, um die sozialen und psychischen Konflikte, aber auch umHoffnungen, denen sich ein Nonkonformist wie August Malin ausgesetzt fand.

Zeitgeschichte nach 1945

Kommen wir zur unmittelbaren Zeitgeschichte nach 1945. Das langjährige Ringen um die Bregenzer Autobahn-Führung zeigt am Beispiel des Bregenzer Bürgermeisters Karl Tizian auf, wie sehr wirtschaftliche Entscheidungen politische Rückwirkungen besaßen und wie in diesem Zusammenhang Bürger- und Presseinitiativen eine entscheidende Rolle spielten.

Wie sehr das Vorarlberger Kulturgeschehen von ideologischen Grundsätzen geprägt war, beschreibt Pichler „mit Recht“ an der Geschichte der Bregenzer Festspiele. Die Programme sind Ausdruck dafür, dass mit den bis 1983 seichten „Operettenaufführungen bewusst“ die kulturzerstörende Tätigkeit der nationalsozialistischen Vergangenheit ausgeblendet wurde und sich Vorarlbergs offizielle Kulturpolitik der Verantwortung entzog. Stattdessen flüchtete man sich in eine „selbstmitleidige Opferrolle“. (S. 141) Wenn Pichler so weit geht, dass für ihn die Festspiele „immer noch ein Nachkriegskind“ waren, dann bestätigt dies meine These, dass sich in Vorarlberg viele Vorstellungen der „westlichen Aufklärung“ erst in den 80er-Jahren durchzusetzen begannen.

Pichler bestätigt dies auch mit seinem Abschlusskapitel „Bildungsboom mit Nebengeräuschen“. Er weist mit Recht auf den soziokulturellen Paradigmenwechsel unter den sozialistischen Alleinregierungen von Bruno Kreisky hin. Nun ging es Schlag auf Schlag: Es begann 1970 mit dem ersten Rock-Festival „Flint“, es entstanden die „Randspiele“, die „Vorarlberger Kulturproduzenten“, die Jugendhausbewegung, eine kritische Mundartliteratur, dezidiert feministische Aktivitäten und eine kritische, sich von offiziösen Deutungen und Mythenbildungen distanzierende Geschichtsschreibung. „Die konservativen Gralshüter wussten durchaus, warum sie Bildung als gefährlich ansahen. Sie ahnten und fürchteten zu Recht, das aufgeklärte junge Menschen zumindest schmale Schneisen einer neuen Freiheit in die alte Ordnung bahnen werden.“ (S. 266)

Pichler gewährt mit seinen abwechslungsreichen Themen auch dem „geschichtsfernen“ Leser einen guten und spannenden Einblick in die zweihundertjährige und oft „mühsame“ Landesgeschichte – einen Blick hinter die Kulissen, gleichsam „von unten“.

Meinrad Pichler, Menschen in Bewegung. Vorarlberger Lebenswege und Zeitläufte, Hrsg. v. Markus Barnay und Werner Dreier, Bertolini Verlag, Bregenz 2017, ISBN 978 3 903023 12 3

 

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