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10.07.2018 |  Peter Füssl

Kamasi Washington: Heaven And Earth

Knapp zweieinhalb Stunden dauert der musikalische Furor, den Kamasi Washington auf seinem neuen monumentalen Werk entfacht – sechzehn, im Schnitt neun Minuten lange Stücke auf zwei CDs oder vier LPs verteilt – und das in Zeiten, in denen viele angesagte Alben kaum vierzig Minuten dauern und die einzelnen Stücke oft auf knappe drei Minuten beschränkt sind. In seinem glänzenden, westafrikanischen Gewand, mit Bart und wild abstehenden Haaren wirkt der sanfte Hüne wie eine Mischung aus Science-Fiction-Spacetraveller und Messias – passend dazu scheint er auf dem Cover auch über das Wasser eines Sees zu wandeln. Jesus Kamasi Superstar?!

Der 37-Jährige ziert nicht nur die Titelseiten der Jazz-Magazine, was zu erwarten wäre, sondern auch jene vieler Pop-Zeitschriften. Kein Qualitätsblatt verzichtet dieser Tage im Feuilleton auf einen Artikel zum Saxophonisten aus Los Angeles, der offenbar den Jazz wieder wirklich populär und massentauglich macht. Washington bedient sich für seine epischen Kompositionen stilistisch aus der gesamten Musikgeschichte zwischen Hard-Bop und Hip-Hop und lässt sie von einem Dutzend exzellenter, bestens miteinander vertrauter und aufeinander eingeschworener Musiker umsetzen, deren Klangspektrum nach Bedarf durch ein 25-köpfiges Orchester und einen Chor erweitert wird. Das ist ungemein opulent, abwechslungsreich und vielschichtig. Washington und seine MitstreiterInnen gehen stets in die Vollen, muten den Fans neben Massentauglichem durchaus auch Free-Jazz-Exzesse oder Kitsch-Verdächtiges (sphärische Engelschöre) zu – um die zwei Extrempositionen zu nennen. Neben dem Bandleader glänzen Bassist Miles Mosley, Posaunist Ryan Porter, Trompeter Dontae Winslow, Pianist Cameron Graves, Keyboarder Brandon Coleman und die Drummer Tony Austin und Ronald Bruner Jr. mit solistischen Höhenflügen. Das mag vom Innovationsgrad her nicht immer berauschend sein, aber es reißt unweigerlich mit. Dasselbe gilt auch für den philosophischen Überbau, den Kamasi Washington zum Album mitliefert: „The world that my mind lives in, lives in my mind.“ Ersteres ist im „Earth“-Teil abgebildet, letztes im „Heaven“-Teil. Die enorme Popularität von Kamasi Washington erklärt sich sicher auch aus dem politischen Potential dieser Musik, die längst nicht nur „Black Lives Matter“ und ähnlichen Bewegungen den passenden Soundtrack liefert, sondern über alle Rassenschranken hinweg all jenen, die vom Trumpismus und ähnlich reaktionären Kleingeistereien die Nase voll haben. Er steht nicht mehr nur für eine erstarkte Black Consciousness, sondern für die Auflehnung und Selbstermächtigung einer Mehrheit gegen die Unterdrückung durch eine skrupellose Minderheit. „Our time as victims is over / we will no longer ask for justice / instead we will take our retribution“ heißt es im Opener von „Earth“, während das Finale von „Heaven“ die Zeilen „With our song one day we’ll change the world“ enthält. Naives Weltverbesserertum? Blauäugige Hippieromantik? Pseudorevolutionäres Pathos? Der menschlich eher zurückhaltende, ausgleichende und auf ein friedliches Miteinander abzielende Kamasi Washington spielt sich jedenfalls – entgegen der Cover-Inszenierung – nicht als der große Retter auf, aber seine Musik ist von einer unglaublichen Wucht und emotionalen Kraft erfüllt, was nicht zu unterschätzen ist.

(Young Turks/Beggars)

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