Benutzerspezifische Werkzeuge

Direkt zum Inhalt | Direkt zur Navigation

23.09.2018 |  Karlheinz Pichler

Überwachung, Kontrolle, Isolation – Heidrun Sandbichler thematisiert in der Bludenzer Galerie allerArt brisante Schlüsselbegriffe

Im Rahmen der in der Bludenzer Galerie allerArt aktuell laufenden Ausstellung nimmt sich die 1970 in Innsbruck geborene und heute in Rom lebende und arbeitende Künstlerin Heidrun Sandbichler eines in gleichem Masse aktuellen wie brisanten Themas an. Es geht um Überwachung und Kontrolle, realisiert anhand eines strengen, reduzierten und beklemmenden Installationskonzepts.

Inhaltlicher Ausgangspunkt der Installation „Eine Arbeit zur allgemeinen Theorie der Dressur“ bildet das Buch „Überwachen und Strafen: Die Geburt des Gefängnisses“ des französischen Strukturalisten Michel Foucault. In diesem Werk beschäftigt sich der Philosoph mit der Entwicklung der modernen Strafsysteme im Europa des frühen 18. Jahrhunderts. Letztlich geht es, dank Foucaults subjektkritischer Perspektive, um die Konstituierung des Subjekts „Gefangener“ mittels Macht- und Wahrheitsregimen. Zentral wurde in der Rezeption dabei die Feststellung, dass es sich bei den Überwachungspraktiken nicht um aus der Gesellschaft ausgelagerte Prozesse handelt, sondern dass diese sich auch in den neu entstehenden Fabriken, Schulen und anderen Institutionen nachweisen lassen. Die Überwachungs- und Kontrollsysteme wurden im Laufe der Zeit immer mehr verfeinert. Wohin das führen kann, beschrieb etwa George Orwell in „1984“. Die darin dargelegten Ideen zur allgegenwärtigen Überwachung sind heute längst keine Utopie mehr.

Das Innen und Außen

Sandbichlers Installation für Bludenz besteht im Wesentlichen aus zwei Teilen: einem Außen und einem Innen. So befindet sich gleich neben der Eingangstür direkt an der Wand in einer schlichten Vitrine ein silbrig-grauer Gipsabguss eines Gefängnisfensters. Dieses soll den Besucher gleichsam darauf hinweisen, dass er nun von einer Außenwelt in eine Innenwelt wechselt. In der „Innenwelt“, entlang der Mittelachse des Ausstellungsraumes, hat die Künstlerin drei Zellen aus Eisenstäben seriell angeordnet. Der Ausstellungsbesucher kann diese Zellen aber nicht physisch betreten, sondern nur rein gedanklich. Sandbichler hat die Zellen aber solcherart aufgestellt, dass sie sich zu drehen scheinen, sobald sich der Besucher bewegt. Steht der Betrachter still, stehen auch die Zellen still. Das ganze beruht auf einem rein optischen Wahrnehmungseffekt, der dadurch entsteht, dass die Zellen, die höhenmäßig auf die Körpermaße des Menschen (170 Zentimeter) abgestimmt sind, jeweils über einen Außen- und einen Innenring verfügen, die sich bei einer Bewegung mit den anderen Zellen visuell überlappen und scheinbar in Schwung versetzt werden.

Im Konzept Sandbichlers, das im Anhang beigelegt ist, heißt es zu dieser Zellen-Installation: „Willkommen im Kontrollhaus. Sie betreten eine Architektur, die ein Verlassen der Zellen nicht vorsieht. Ein Ort der radikalen Isolation und Überwachung. Es ist ein analytischer Raum – ein Modell oder Ausschnitt unserer Denksysteme und ihrer Taktik. Die Zellen scheinen leer zu sein. Eine Täuschung. Der Mensch ist nicht befreit. Sein Körper ist lediglich gläsern. 'Die Seele: Effekt und Instrument einer politischen Anatomie. Die Seele: Gefängnis des Körpers.' Und so beginnen die Strukturen aus Eisen zu rotieren – eine Maschinerie.“

Vom Panopticon zum Panoptismus

Foucault war noch in den 1970er und 1980er Jahren einer der meistzitierten Philosophen. In den letzten Jahren hat man seine Ideen und Gedanken immer mehr aus dem Blickfeld verloren. Sandbichler bedauert dies, da gerade die Abhandlung des französischen Strukturalisten über „Überwachen und Strafen“ eine brisante Aktualität wiedererlangt habe. Seine Schriften lieferten viele Antworten auf die Fragen von heute, betont die Künstlerin. Vor allem auch seine Auseinandersetzung mit dem „Panoptismus“. Foucault hat den Begriff des „Panoptismus“ (vom griechischen panoptes - „das alles Sehende“) eingeführt, um die zunehmenden Überwachungs- und Kontrollmechanismen und daraus resultierende soziale Konformität des Indviduums in der Entwicklung der westlichen Gesellschaft seit dem 18. Jahrhundert zu beschreiben. (vgl. Wikipedia) Wobei der Begriff angelehnt ist an den architektonischen Entwurf eines perfekten Gefängnisses, des „Panopticons“, von Jeremy Bentham: Als Rundbau konstruiert, mit den Zellen entlang der Außenmauer, mit Sichtfenstern allerdings nur nach innen auf den runden Hof, in dessen Mitte sich ein Wachturm befindet, sollte Benthams Panopticon die perfekte Überwachung der Häftlinge mit geringstmöglichem Personalaufwand ermöglichen.

Auf diese Architektur spielt auch Heidrun Sandbichler an. Der Betrachter wird mit Betreten des Ausstellungsraumes Teil der Installation und gleichsam zum Überwacher. Er hat vollen Blick auf die Zellen, die sich mit ihm mitdrehen. In letzter Konsequenz wird Sandbichlers „Arbeit zur allgemeinen Theorie der Dressur“ zu einem lebenden Bild, zu einem „Tableau vivant unserer Disziplinargesellschaft“ (Sandbichler), in dem der Betrachterschaft eine zentrale Rolle zukommt, der sie sich nicht entziehen kann.
Sandbichler: „Der französische Philosoph Michel Foucault untersucht die Macht und ihre Produktion des Wirklichen und stellt fest: das Individuum und seine Erkenntnisse sind Ergebnisse dieser Produktion. Eine desillusionierende Gesellschaftsanalyse.“

Die Tiroler Künstlerin, die 2011 mit „Locus Solus“ im Lauteracher Rohnerhaus schon einmal mit einer großen Einzelschau im Ländle präsent war, und mit ihren poetischen wie politisch-philosophisch untermauerten Werke national sowie international bekannt geworden ist, hat neben dem Eingangstor zur Ausstellung eine Tafel angebracht, die ein striktes Fotografierverbot über die Ausstellung verhängt. Ein weiterer thematischer Bezug zur Installation: Die Künstlerin will alles Material zur Ausstellung, das nach außen dringt, unter Kontrolle halten. Sie wird selbst auch zur rigorosen Überwacherin.

Heidrun Sandbichler, Eine Arbeit zur allgemeinen Theorie der Dressur
bis 27.10.2018
Mi-So u. Ftg. 15-18 Uhr
Galerie allerArt, Raiffeisenplatz 1, A-6700 Bludenz
http://allerart-bludenz.at

Heidrun Sandbichler, Eine Arbeit zur allgemeinen Theorie der Dressur (Ausstellungsansicht, Foto: Miro Kuzmanovic)

Heidrun Sandbichler, Eine Arbeit zur allgemeinen Theorie der Dressur (Ausstellungsansicht, Foto: Miro Kuzmanovic)

Heidrun Sandbichler, Eine Arbeit zur allgemeinen Theorie der Dressur (Ausstellungsansicht, Foto: Miro Kuzmanovic)

Heidrun Sandbichler, Eine Arbeit zur allgemeinen Theorie der Dressur (Ausstellungsansicht, Foto: Miro Kuzmanovic)

Heidrun Sandbichler, Eine Arbeit zur allgemeinen Theorie der Dressur (Ausstellungsansicht, Foto: Miro Kuzmanovic)

Heidrun Sandbichler, Eine Arbeit zur allgemeinen Theorie der Dressur (Ausstellungsansicht, Foto: Miro Kuzmanovic)

Artikelaktionen
Newsletter
Erhalten Sie die neuesten Kritiken per E-Mail
(Required)
Bilder
  • Heidrun Sandbichler, Eine Arbeit zur allgemeinen Theorie der Dressur (Ausstellungsansicht, Foto: Miro Kuzmanovic) Heidrun Sandbichler, Eine Arbeit zur allgemeinen Theorie der Dressur (Ausstellungsansicht, Foto: Miro Kuzmanovic)
  • Heidrun Sandbichler, Eine Arbeit zur allgemeinen Theorie der Dressur (Ausstellungsansicht, Foto: Miro Kuzmanovic) Heidrun Sandbichler, Eine Arbeit zur allgemeinen Theorie der Dressur (Ausstellungsansicht, Foto: Miro Kuzmanovic)
  • Heidrun Sandbichler, Eine Arbeit zur allgemeinen Theorie der Dressur (Ausstellungsansicht, Foto: Miro Kuzmanovic) Heidrun Sandbichler, Eine Arbeit zur allgemeinen Theorie der Dressur (Ausstellungsansicht, Foto: Miro Kuzmanovic)