„brütt oder Die seufzenden Gärten“, eine Installation mit Texten von Friederike Mayröcker
Stephanie Geiger und FM Einheit übersetzen Mayröckers sprachliches Werk für das Publikum in Bild und Ton.
Manuela Cibulka ·
Sep 2024 · Theater
Im Vorarlberger Landestheater hatte gestern die von Stephanie Geiger/FM Einheit mit Texten von Friederike Mayröcker versetzte Installation in der Box Premiere. Wie immer wird die Box auch dieses Mal als Ort für Neues, Experimentelles, Gewagtes genutzt und bietet somit ausreichend Inspiration und Grund zur Diskussion für das Publikum. Eine Empfehlung für Mayröcker-Fans aber auch für solche, die einer werden möchten.
Friederike Mayröcker (* 20. Dezember 1924 in Wien; † 4. Juni 2021 ebenda), eine Sprachbesessene, die ihr Leben nicht nur mit Schreiben und Lesen füllte, sondern deren Leben das Schreiben und Lesen war, verfolgte mit ihren Texten immer wieder das Ziel, Wirklichkeit in Poesie zu verwandeln, Schreibprozesse transparent zu machen und die Leser:innen mitzunehmen durch ihr eigenes „Sprach- und Wortgestrüpp“. Das 2014 im Suhrkamp Verlag erschienene Buch „brütt ode Die seufzenden Gärten“ ist Ausgangslage der für das Landestheater entstandenen Installation und widersetzt sich, wie es auch Mayröcker immer getan hat, dem chronologischen Erzählen einer Geschichte, bietet keine Story, sondern nimmt uns mit in dieses Gestrüpp von „Allem“ und gleichsam „Nichts“.
Wenn Gefühle im Raum hängen
Ein schwarzer Raum, verhangen mit weißem Stoff aus Fadenbahnen – „hängende Schnüre, weiße Wolken, Schnee, Schleier, Haare, …“ alles im Text versteckte Worte, die assoziiert werden können – und versehen mit drei Bildschirmen an den Wänden. Anfangs verborgen unter einem „Stoffberg“ der Protagonist, der gemeinsam mit der Stimme aus dem Off zur Performance rezitierte und das Geschehen kommentiert. Maria Lisa Hubers und Nico Raschners Stimmen tragen die Zuhörenden durch die 45 Minuten, ausdrucksstark und klar. Nico Raschner, fokussiert und trotz der Nähe zum Publikum ganz bei sich, ist ebenso minimalistisch in weiß gekleidet wie der Raum ausgestattet und in seiner Rolle nicht nur Vortragender, sondern ebenso Beobachtender, Suchender und Fühlender des Gesprochenen. Somit wird die Box zum Raum diffuser „Seelenzustände“ und dem von Mayröcker in ihrem Vorwort gleichsam als Motto Vorangestellten wird Rechnung getragen: „Ich erlebe nun eine Liebesgeschichte : meine letzte muß es heißen. Die Lebensfreude, von der ich schrieb, ist ja nicht alles was passiert, es gibt auch das Erschrecken darüber wie glücklich oder unglücklich ich mit einemmale sein kann – und daß ich in einem nie gewollten Ausmaß wieder wie jung und dumm bin.“
Das Publikum ist eingeladen, auf Kissen zu sitzen oder sich im Raum zu bewegen und einzutauchen in die Projektionen, die sich auf den drei Bildschirmen jeweils nur in kleinen Details unterscheiden, zum Teil unklar bleiben, dann wieder Gegenständliches darstellen oder auch das Gesprochene symbolhaft verdeutlichen. Dazwischen finden immer wieder die von Mayröcker selbst gemalten Zeichnungen – vom ABC-Thriller bis zu den Schutzengelgeistern – Platz auf den Bildflächen und Einspielungen von Lauten, Geräuschen, Taktfolgen, Musik und Stimmen untermalen diese. Erzählt wird von Gewässern, die einen durchdringen, von einem zum Gedicht tanzenden Vögelchen, von Flora, der Flattereule ebenso wie vom Winter, von zerschmetterten Schneerosen, Bombern, Hauptwaffen und sich der Mannschaft Anschließenden – um dazwischen den Rat zur erhalten: „Verehrte Lauscher und Lauscherinnen, versuchen Sie nicht, das Geheimnis zu lüften“.
Geboten wird eine knappe Stunde, in der man das Außen vergessen und sich von Ruhe und Klarheit im Durcheinander berühren lassen kann. Eine gelungene Produktion des Teams Stephanie Geiger, verantwortlich für Konzept, Raum und Kostüm, und FM Einheit, verantwortlich für Konzept, Musik und Video, das gemeinsam mit Stephanie Gräve (Dramaturgie) und dem Darsteller auf das Motto „Weniger ist Mehr“ setzt. Lediglich am Ende hätte mit Pathos etwas gespart werden können, doch Fredericke Mayröcker selbst hätte auch das wohl gefallen, wenn sie sagt: „Ich denke es ist sein (Anm.: des Lesers) innerster Wunsch, sein innerstes Bedürfnis, verführt zu werden bei der Lektüre, hierhin- und dorthin gezogen, geführt, geleitet, gerissen, ganz hoch hinauf, ganz tief hinunter : in den Himmel der Sprache : in die Hölle der Sprache, bis er atemlos das Buch aus der Hand legt, weil er am Ende ist seiner Kräfte.“ (F. Mayröcker, taz, die tageszeitung, 14.1.99)
weitere Vorstellungen: Sa, 21. / Di, 24. / Mi, 25. / So, 29. September und Mi, 2. / Do, 3. / Sa, 5. / So, 6. Oktober 2024,17 bis 20 Uhr, Box
Die Produktion kann zu den Öffnungszeiten bei freiem Eintritt besucht werden wie eine Ausstellung. Die Installation mit Live-Performance beginnt zur vollen Stunde um 17, 18 und 19 Uhr und dauert ca. 45 Minuten. Das Publikum (aus Platzgründen max. 25 Personen) kann sich frei im Raum bewegen.
https://landestheater.org/spielplan/detail/bruett-oder-die-seufzenden-gaerten/