Zwischen Panther, Falke und Karussell
Rilke Texte und Musik von Herwig Hammerl eröffneten spannende Reflexionsräume.
Silvia Thurner · Dez 2025 · Musik

Eine musikalische Lesung im Theater Kosmos führte mit Gedichten und Texten von Rainer Maria Rilke und Musik von Herwig Hammerl in eine lyrisch-musikalisch feinsinnige Welt, die zum Hinhören, Nachhören und Weiterdenken anregte. Hubert Dragaschnig las mit seiner unaufgeregten und warmen Stimme bekannte Rilke-Gedichte wie „Erinnerung“, der „Archaische Torso Apollos“, „Der Panther“, „Weiße Chrysanthemen“, „Der Falke“ sowie „Karussell“ und ergänzte diese durch Passagen aus dem Prosawerk „Die Aufzeichnungen des Malte Laurids Brigge“. Die hervorragende Werkauswahl bot tiefe Einblicke in die symbolistische und existenzphilosophische Lyrik von Rainer Maria Rilke, dessen 150. Geburtstag 2025 gefeiert wird. Die Gedichte und Texte ergänzte der Kontrabassist Herwig Hammerl mit passender Musik. Die Kompositionen griffen unter anderem bilderreiche Analogien zu Texten oder Rhythmen auf, begleiteten oder schufen Übergänge und gewährten Raum zur Reflexion.

Hubert Dragaschnig führte die Zuhörenden in einem weiten Bogen mit unterschiedlichsten Bildern, Metaphern und Perspektiven in den dichterischen Kosmos von Rainer Maria Rilke. Jedes Gedicht öffnete neue Fenster, in denen der Dichter starke Bilder für existenzphilosophische Überlegungen entwarf. Die Gedichte streiften Themenkreise wie Erinnerung und Tod, Wahrnehmungen eines Einsamen, Empfindungen des großstädtischen Treibens, Bilder der Bedrängnis und Entfremdung. Die Rezitation von Hubert Dragaschnig lenkte die Aufmerksamkeit der konzentriert Zuhörenden neben den anregenden Inhalten immer wieder auch auf die Schönheit der Lyrik.
Die Passagen aus Rilkes tagebuchähnlichem Prosawerk „Die Aufzeichnungen des Malte Laurids Brigge“ wirkten ebenso eindrucksvoll. Darin spiegelten zahlreiche Motive und Symbole, Lebenssituationen und Beobachtungen sowie Zustandsbeschreibungen wider.

Beziehungsreiche Verbindungslinien

Die Lyrik und die Textpassagen lieferten Herwig Hammerl vielerlei Inspirationen für seine Musik. In den einzelnen Nummern zog er Verbindungslinien zu den Texten, grenzte sie gegenseitig ab, ließ sie weiterklingen oder schuf eine musikalische Grundlage für die Rezitation. Sensibel und feinsinnig angelegt, wirkten die Musikpassagen großteils impressionistisch zurückhaltend. Einige Abschnitte nahmen den tänzerischen, in sich kreisenden Duktus der Sprache auf und ließen in melodisch ineinander verflochtenen Linien den Gedanken freien Lauf. So war die Konzertlesung nie überfrachtet, sondern die Balance zwischen Text und Musik stets ausgewogen.
Immer wieder lenkten spannungsreiche Tonkonstellationen und melodische Linien die Aufmerksamkeit auf sich und versinnbildlichten einzelne Textpassagen. Besonders nach dem Gedicht „Der Panther“ wurden die Stimmen parallel und mit spannungsreichen Intervallen zueinander geführt. Aufhorchen ließ auch die aufsteigende Phrase mit den fragenden Abschlüssen nach existenziellen Reflexionen über die Zeit, den Tod und gesellschaftliche Strukturen. Besonders jene Abschnitte, in denen Rilke die Kreisläufe des Lebens und der Vergänglichkeit thematisierte, lotete Herwig Hammerl mit in sich kreisenden Motiven und spezifischen Tonfortschreitungen im Klavier aus, die fast wie Leitmotive wirkten.
Herwig Hammerl musizierte selbst am Kontrabass und konnte sich in jeder Hinsicht auf seine Musikpartnerinnen Monika Tarcsay (Violine), Bianca Riesner (Violoncello) und Isabella Pincsek (Klavier) verlassen. Sie agierten aufmerksam, mit intensiver Klanggebung und verströmten gleichzeitig viel Ruhe.

 

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