Zwischen Kontemplation und eruptiver Kraft
Begeisterung beim Meisterkonzert mit nordisch geprägten Kompositionen
Silvia Thurner · Dez 2025 · Musik

Das Estonian National Symphony Orchestra unter der Leitung von Olari Elts gastierte im Bregenzer Festspielhaus im Rahmen der Bregenzer Meisterkonzerte. Das exklusive Programm wurde mit dem meditativen „Cantus in memoriam Benjamin Britten“ von Arvo Pärt eröffnet. Danach versetzte die Violinistin Simone Lamsma das Publikum mit ihrer Interpretation des berühmten Violinkonzertes, op. 47 von Jean Sibelius in Jubelstimmung. Ebenso mitreißend brachten Olari Elts und die Musiker:innen Sibelius' zweite Symphonie, op. 43 zum Klingen.

Arvo Pärt steht dem kompositorischen Denken von Jean Sibelius nahe, obwohl sich beide in unterschiedlichen musikalischen Ausdrucksformen bewegen. Die Musik des estnischen Komponisten, der im September seinen 90. Geburtstag feierte, kommt stets aus der Stille. So auch dieses Werk, das von den Streichern des Estonian National Symphony Orchestra (ERSO) zelebriert wurde. Die ineinander verwobenen Motivketten rankten sich um eine zentrale, immer wieder erklingende Röhrenglocke. Mit markanten Bogenführungen phrasierten die Orchestermusiker:innen die sich allmählich verdichtenden Tonlinien. Doch durch das Vibrato der hohen Streicher wurde die kontemplative Stimmung getrübt und aus den überlagerten Tonschichtungen kristallisierte sich nur bedingt ein in sich ruhender obertonreicher Gesamtklang heraus.

Emotional und intensiv

Die aus den Niederlanden stammende Violinistin Simone Lamsma zog mit ihrer authentischen und intensiven Spielart die Zuhörenden sofort in ihren Bann. Sie schwang die Themen des Violinkonzerts, op. 47 von Jean Sibelius mit einem ausdrucksstarken und stets transparenten Klang in die Höhe, nahm sich Zeit für die musikalischen Bögen und gewährte jedem Ton seinen ihm gebührenden Raum. Die Kadenz im Eröffnungssatz gestaltete sie farbenreich und mit zahlreichen rhetorischen Gesten. Ebenso dynamisch formte Simone Lamsma das leidenschaftliche Adagio und suchte den Kontakt zu den Orchestermusiker:innen. Das Hauptthema des Finalsatzes wirkte etwas breit angelegt, entfaltete jedoch eine große Wirkung.
Das Orchester unterstützte die Solistin aufmerksam und unterstrich den erdigen Charakter der thematischen Gestalten. Im langsamen Satz trugen die Orchestermusiker:innen die Solistin emotionsgeladen. Die perkussive Einleitungsphrase der tiefen Streicher im Finalsatz wirkte zuerst etwas zu verhalten, doch führten alle gemeinsam mit einer wirkmächtigen Steigerung und gemeinsamem Atem den Satz zum Abschluss.
Für den begeisterten Applaus bedankte sich Simone Lamsma mit dem Finale aus der zweiten Sonata von Eugène Ysaÿe und brachte dabei ihre Musikalität und souveräne Spieltechnik nochmals eindrücklich zur Geltung.

Mit Energie und Transparenz

Passend zum Violinkonzert erklang die zweite Symphonie von Jean Sibelius, op. 43. Sie ist ein Mammutwerk, das die kompositorischen Grundzüge des finnischen Komponisten, fernab seiner nationalen Tondichtungen, ausdrucksvoll illustriert. Lediglich ein musikalischer Grundgedanke bildet den Kern sämtlicher Themengestalten der Symphonie.
Olari Elts ist seit fünf Jahren Chefdirigent des Estonian National Symphony Orchestra. Das gemeinsame Einverständnis zwischen dem Dirigenten und den Musiker:innen war gut nachvollziehbar. So entfaltete sich eine intensive Werkdeutung mit transparent voneinander abgegrenzten Motivblöcken sowie wirkmächtigen Steigerungen. Spannend kristallisierte das Orchester im Eröffnungssatz den thematischen Kerngedanken mit geheimnisvoll vorwärtsdrängenden Tonwiederholungen aus dem dichten Geschehen heraus und führte den musikalischen Fluss in einem energetischen Spannungsbogen von der Stille kommend und wieder zurück in diese. Eruptive Flächen modellierten die Musiker:innen in den Binnensätzen und brachten dabei auch die farbenreiche Instrumentierung sowie die harmonischen Schattierungen voll zur Geltung. Gegensätze zwischen erdigen und ätherisch lichten Passagen ergaben einen ausgeprägten Erzählduktus. An Volkslieder erinnernde Themen und feinsinnige Soli der Holzbläser wurden in Abschnitte eingebettet, die in rasenden Tempi erklangen. Wirkungsvoll gestaltete das Orchester im Finale die fugierten Einsätze. Fulminant wurden die musikalischen Linien geschichtet und zu einem hymnischen Abschluss geführt. 
Das Publikum dankte mit jubelndem Applaus für die plastische und anregende Interpretation.

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