Zwischen Hypochondrie und Woke-Kultur
Ein moderner Molière im Theater am Kornmarkt im Rahmen der Bregenzer Festspiele
Dagmar und Heinz Franziska Ullmann-Bautz · Jul 2026 · Theater

Am vergangenen Freitag feierte „Der eingebildete Kranke“ von Molière in der Überschreibung von Barbara Sommer und Plinio Bachmann Premiere im Theater am Kornmarkt. Das Gastspiel des Burgtheaters Wien bei den Bregenzer Festspielen konnte dieses Jahr durch eine Sonderzahlung des Bundes anlässlich des 80-jährigen Bestehens der Festspiele stattfinden. Ursprünglich war ja geplant, die Gastspiele für zwei Jahre auszusetzen. Grund dafür waren die Sparmaßnahmen der Subventionsgeber.

Nun durfte sich das Bregenzer Publikum doch auf eine zuletzt in Wien gefeierte Produktion freuen. Regisseur Stefan Bachmann hatte das Stück 2022 in Köln inszeniert, wo es höchst intensiv, jedoch unterschiedlich diskutiert wurde. Mit seinem Wechsel als Direktor an das Wiener Burgtheater wanderte auch seine Arbeit mit nach Wien, wo sie zu einer der erfolgreichsten und auch kontrovers diskutiertesten Inszenierung wurde. Die moderne Fassung von Molières Klassiker erlebte auch in Bregenz ein teils jubelndes, teils verhalten reagierendes Publikum.

Schwerelos durch die Woke-Gesellschaft

Die Sprache der Autor:innen Sommer und Bachmann bewegt sich beinahe schwerelos durch unsere heutige oft hypersensible, gespaltene, woke, turbulente, von Social Media geprägte Gesellschaft. Gespickt mit herrlichen Sprachspielen, treffsicheren Pointen, aber auch mitunter nervenraubenden Wiederholungen erzählt das Stück von moderner Hypochondrie, von politischer Korrektheit, von sicheren Räumen, von Verschwörungstheorien – und dies, ohne Molières eigentliche Erzählung zu verdrängen.
Bachmann inszeniert die Komödie als Cross-Gender-Show samt Psychologie- und Schauspielunterricht. Das ist sauber in Szene gesetzt und kommt ohne großes Trara aus. Jede einzelne Figur behauptet dabei ihre eigenwillige, demonstrativ ausgestellte Eigenständigkeit, was streckenweise allerdings auch etwas hölzern wirkt.
Auf ein klassisches Bühnenbild wird verzichtet, während sich die Kostüme deutlich an historischen Vorbildern orientieren. Beides entworfen von Jana Findeklee und Joki Tewes.  

Die Chaiselongue als Zentrum des Leidens 

Eine Chaiselongue mitten auf der Bühne bildet das unübersehbare Zentrum des Geschehens. Hier windet sich Argan in seinem vermeintlichen Leiden und macht seine eingeweichten Eingeweide, Darmentleerungen und Verstopfungen zum alles beherrschenden Thema. Rosa Enskat spielt diesen eingebildeten Kranken eindrucksvoll. Zwischen Jammern, Klagen und medizinischer Selbstbeobachtung kreist seine Welt unablässig nur um sich selbst. Und stets an seiner Seite der Geige spielende Tod, verkörpert von Ulrike Greuter. Argans Dienerin Toinette, gespielt von Melanie Kretschmann, trägt eine übergroße Schleife auf dem Kopf und entwickelt sich im Laufe des Stückes von der gewitzt schlauen Beobachterin zur lautstarken Kämpferin für die Entrechteten. Béline, Argans zweite Ehefrau, ist hintertrieben, berechnend und bereit für die eigene Sache, sämtliche weiblichen Reize auszuspielen. Tilman Tuppy kostet diese Rolle herrlich aus und versieht sie mit einer Mischung aus körperlicher Verführungskraft und gieriger Schamlosigkeit. Argans Tochter Angélique liebt ihren Vater, besteht jedoch auf ihrem Recht auf ein selbstbestimmtes Leben. Paul Basonga spielt sie schlicht zum Knuddeln. Diese Angélique ist empfindsam, herzlich und entschlossen, sich dem Willen des Vaters nicht vollständig zu unterwerfen. Sie möchte nicht den Mann heiraten, den Argan aus medizinischem Kalkül für sie ausgesucht hat, sondern mit ihrem Geliebten Cléante zusammenleben. Lola Klamroth gestaltet diesen hyperaktiven, überkorrekten und grenzenlos durch den Raum wirbelnden jungen Mann. Das ist wunderbar nervend und entwickelt gerade aus seiner vollkommenen Überdrehtheit einen ganz eigenen Charme. 

Horrorärzte in Latex 

Sehr speziell sind die Figuren des Doktor Purgon, gespielt von Barbara Petritsch und seines Sohnes Thomas, verkörpert von Justus Balamohan Maier, mit dem sich Angélique auf Wunsch ihres Vaters vermählen soll. Ganz in Schwarz und Latex gekleidet, mit gestelzter Kaltschnäuzigkeit und kaum kaschierter Gier, wähnt man sie eher in einem Horrorspiel als in einer Komödie. Ernest Allan Hausmann spielt mit großer Ernsthaftigkeit Argans Bruder Béralde, der auf der vollkommen anderen Seite steht, einen ausgedehnten Vortrag hält, in dem sich ein ganz bestimmter Teil unserer Gesellschaft deutlich widerspiegelt. 

Viele Ideen und das fehlende Quäntchen Esprit 

Alles in allem war es ein ungewöhnlicher Theaterabend voller toller Ideen, eigenwilliger Figuren und einer spannenden, immer wieder überraschenden Sprache, die Molières Klassiker mitten in unsere aufgeregte Gegenwart versetzt. Andererseits fehlte leider über weite Strecken das gewisse Etwas – jenes entscheidende Quäntchen Esprit, das über die Bühnenrampe springt, das Publikum packt und den Abend mitreißend werden lässt.
Lag es vielleicht an den mitunter allzu routiniert agierenden Schauspieler:innen, die das Stück bereits seit Jahren im Repertoire haben? War es möglicherweise gerade diese Vertrautheit mit den Abläufen, die zeitweilig zu einer gewissen mangelnden Spielfreude führte?
Gegen Schluss kam der Abend durch mehrere regionale Bezüge dann aber doch noch etwas in Fahrt. Diese Anspielungen bereiteten sowohl dem Ensemble als auch dem Bregenzer Publikum sichtlich Freude. Und so bedankte sich schließlich ein Teil der Zuschauer:innen mit stehend jubelndem Applaus während ein anderer Teil etwas zurückhaltender blieb. „Der eingebildete Kranke“ am Theater am Kornmarkt war kein rundum mitreißender, aber zweifellos ein ungewöhnlicher, diskussionswürdiger und sprachlich spannender Theaterabend.

 

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