Zarte klangliche Erinnerungsräume
Silvestrov-Gala bei den Bregenzer Meisterkonzerten begeisterte
Silvia Thurner ·
Mär 2026 · Musik
Die Bregenzer Meisterkonzerte setzten mit der Valentin Silvestrov-Gala, der Pianistin Hélène Grimaud sowie dem Kammerorchester des Symphonieorchesters des Bayerischen Rundfunk unter der Leitung von Radoslaw Szulc einen Höhepunkt der Abo-Saison. In einer unglaublich konzentrierten und intensiven Spielhaltung fesselten die Musiker:innen das Publikum. Die Zuhörenden wurden in die musikalische Welt von Erinnerungsräumen und Nachklängen geführt. Nachdem sich auch die hartnäckigsten Huster:innen zurücknahmen, stellte sich im großen Saal des Festspielhauses eine fast sakrale Atmosphäre ein, die der feinsinnigen Musik Tribut zollte und Entfaltungsspielraum gewährte.
Judith Reichart und das Kulturservice der Stadt Bregenz programmierten mutig, denn eigentlich ist der große Saal des Bregenzer Festspielhauses für eine so feinsinnige und vor allem durchgehend leise Musik nicht unbedingt prädestiniert. Doch die Silvestrov-Gala mit Hélène Grimaud am Klavier sowie dem faszinierend musizierenden Violinisten Radoslaw Szulc am Konzertmeisterpult wurde ein tiefgehendes musikalisches Erlebnis mit Seltenheitswert.
Valentin Silvestrov bezeichnet seine Werke oft als Erinnerungen, als Nachklang an vergangene Zeiten, er zelebriert den Augenblick und kleine musikalische Gesten, die ganz für sich selbst und durch die Klangfarben sowie die sich entfaltenden Obertonspektren den Raum füllen. Seine Musik erfordert eine äußerst genaue Gewichtung, denn jeder Ton und vor allem auch jede Pause hat innerhalb des Werkkosmos eine große Bedeutung.
Hélène Grimaud kennt das kompositorische Schaffen von Valentin Silvestrov sehr genau und interpretiert seine Musik aus dem inneren Wesenskern heraus. Dies war sofort spür- und hörbar, als sie am Klavier mit ihrer unvergleichlichen Anschlagskultur die Töne zum Leben erweckte. Da wurden unter anderem Silvestrovs Bagatellen I, II und III, op. 1 zum musikalischen Großereignis.
Ebenso dicht gestaltete sie die Klavierpassagen im Zusammenwirken mit dem Kammerorchester in Silvestrovs berühmten Werk „Der Bote“. Zart und einfühlsam erklangen unter anderem die Reminiszenzen an W. A. Mozart. Die Pianistin und das Kammerorchester setzten mit gemeinsamem Atem die musikalischen Rollentausche in Szene. Ruhe und Konzentration breiteten sich im Saal aus, sodass sich die sensibel ineinander und übereinander geschichteten melodischen Linien mit feiner Klanggebung entfalteten. Den Höhepunkt bildete der erste Abschnitt der „Zwei Dialoge“, mit den wie aus anderen Sphären hereinklingenden Reminiszenzen an Franz Schuberts Kupelwieser-Walzer.
Herausragender Konzertmeister
Wesentlichen Anteil an den Werkdeutungen hatte der Violinist Radoslaw Szulc. Er dirigierte das Orchester, unter anderem auch Silvestrovs Hymne für Streichorchester, mit etwas großer Geste. Aber als Konzertmeister spielte er mit allergrößter Ausdruckskraft, die die Zuhörenden in ihren Bann zog. Er vermittelte als Bindeglied zwischen Hélène Grimauds Klavierpart und dem Kammerorchester mit höchster Konzentration. So entwickelten sich wunderbar durchsichtige und filigrane Klangräume, die die Stille in jeder Passage mit bedachten und so die Musik als zeitliches Kontinuum voll zur Wirkung brachten.
Auf die Musiker:innen des Kammerorchesters des Symphonieorchesters des Bayerischen Rundfunks konnten sich der Konzertmeister und die Pianistin voll verlassen. In einem gut ausbalancierten Gesamtklang agierten alle als Klangorganismus mit einer ausgezeichneten Pianokultur.
In Dmitri Schostakowitschs Präludium und Scherzo, op. 11, kristallisierte das Kammerorchester die gebündelten Gewichtungen und die motorisch vorwärtsdrängenden Energien heraus, die sie immer wieder klangsinnlich zerfließen ließen.
Passend ergänzten zwei Werke von Arvo Pärt das Programm. Das berühmte „Fratres“ sowie „Spiegel im Spiegel“ musizierten Radoslaw Szulc und Hélène Grimaud im Duo mit vielen Reflexionen in den Klangraum hinein. Auch hier begeisterte die dicht aufeinander bezogene Kommunikation des Violinisten mit der Pianistin.
Eine Bereicherung war die an die Bühnenrückwand projizierte Fotografie „Horizont“ (2026) von Carmen Pfanner. Sie bot eine passende visuelle Assoziation zu den weiten Klangräumen der Musiker:innen.