„Speed (kills content)“ – 90 Minuten Ausnahmezustand
Das aktionstheater ensemble zeigt am Spielboden Dornbirn, was gerade brennt.
Dagmar Ullmann-Bautz · Dez 2025 · Theater

Man kennt es von Martin Gruber: Er scheut weder das Unangenehme noch die Grenzbereiche, er tastet sich dorthin vor, wo es brennt und schreckt auch vor Überschreitungen nicht zurück. Und fast immer wird daraus ein Ringen – mit Tränen, mit den eigenen Emotionen, der eigenen Aufgewühltheit. Gestern nun zeigte das aktionstheater ensemble unter seiner Leitung am Spielboden in Dornbirn die Uraufführung von „Speed (kills content)“. Wieder legt Gruber gemeinsam mit seinem Ensemble jene gesellschaftlichen Wunden frei, die man lieber verdecken möchte – und die genau deshalb so schmerzen.

Der schnelle Takt der Überforderung

„Speed“ widmet sich sehr persönlichen, sehr unmittelbaren Themen, den Nöten, dem Druck, den Sehnsüchten einzelner Menschen – und erzählt sie in einer Intensität, die das Publikum sofort mitzieht. Für 90 Minuten entsteht ein Sog, ein eigener Kosmos, der Sinne, Verstand und Herz gefangen nimmt. Das Stück zeigt Menschen, die kämpfen, ertragen, hoffen und verzweifeln – in einem rasanten Tempo, das auf der Bühne wie im echten Leben alles bestimmt. Die Spieler:innen rennen, hetzen, versuchen Schritt zu halten, um den Anschluss nicht zu verpassen und bleiben doch auf der Strecke.

Seismograph mit Herz

Gruber besitzt ein seltenes Gespür, eine Empfänglichkeit, die selbst feinste Erschütterungen wahrnimmt. Er ist ein Seismograph, der Stimmungen aufnimmt und in präzise körperliche und sprachliche Formen übersetzt – unverkennbar, eigenständig. Doch jenseits seiner künstlerischen Handschrift liegt seine größte Stärke in seiner Liebe und Menschlichkeit: in seiner Fähigkeit, Vertrauen zu geben, eine Atmosphäre, einen Raum zu schaffen, in dem sich Schauspieler:innen öffnen, wachsen, Risiken eingehen und auch eigene Grenzen überwinden.

Spiel zwischen Komik und Schmerz - Geschichten, die unter die Haut gehen

Die sechs Darsteller:innen leisten Außergewöhnliches. Sie erzählen nicht nur, sie durchleben das Gesagte – physisch, emotional, kompromisslos. Zeynep Alans Bericht über eine gestohlene Jö-Karte ist zunächst herrlich komisch, und dennoch spürt man dahinter bereits leise den Überlebenskampf. Thomas Kolles Auseinandersetzung mit moralinsaurer Besserwisserei mancher Bio-Gesundheits-Jünger – im stoischen Gegenpol von Benjamin Vanyek – lässt das Lachen gefrieren. Wie schon in früheren Arbeiten spielen Kolle und Vanyek mit erschütternder Gelassenheit die innere Zerrissenheit rund um die „Nazioma“, die ihre Enkel liebevoll umsorgt und gleichzeitig erschreckend böse agiert. Isabella Jeschke ringt eindringlich um ein selbstbestimmtes Leben – ihr verzweifelter Kampf um Wohnraum wird zur existenziellen Metapher. Kirstin Schwab zeigt ein Leben, das sich für Sicherheit statt Freude entschieden hat, sich aber heimlich in die Fantasiewelt einer Sailor Moon flüchtet. Und Tamara Stern stellt sich kraftvoll und lautstark sowohl Fremdenfeindlichkeit als auch Narzissmus entgegen.

Musik als Energiequelle

Die Musiker Andreas Dauböck, Pete Simpson und Jean Philipp Oliver Viol weben einen Soundteppich, der die Szenen nicht nur begleitet, sondern antreibt, irritiert, auflädt. Jeder Ton sitzt, jeder Rhythmus trifft genau dort, wo er wirken soll – ein unverzichtbarer, grandioser Teil dieses intensiven Theaterabends.

Sichtbares und Unsichtbares

Valerie Lutz schafft mit einer schlichten Bühnenstruktur und präzise gesetzten Kostümen klare Linien, die den Figuren Kontur verleihen. Die Videoprojektionen von Resa Lut zeichnen poetische Bilder der Unsichtbarkeit, des Verschwindens, des Verblassten – mal verstörend, mal beruhigend, immer atmosphärisch dicht.

Ein zartes Leuchten im Dunkel

Und wenn am Ende Sailor Moon ihr Zauberwort spricht, dann rückt die Verzweiflung gefährlich nah – und gleichzeitig scheint ein feiner Hoffnungsschimmer durch, für jene, die genau hinhören und hinsehen wollen.

Sag das Zauberwort und du hast die Macht
Halt den Mondstein fest und spür die Kraft
Du kannst es tun
Oh, Sailor Moon.

Das Publikum bedankte sich mit langanhaltendem, jubelndem Applaus, am Ende mit Standing Ovations!

Weitere Aufführungen: 4./5./6.12., jeweils 20 Uhr am Spielboden Dornbirn 

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