Wieviel Wahrheit braucht der Mensch?
Beim 29. Philosophicum in Lech geht es um „Betreutes Denken“ und die neue Lust an der Unmündigkeit.
Martina Pfeifer Steiner · Sep 2026 · Gesellschaft

Liebgewonnene Tradition zum Auftakt des Philosophicum ist der philosophisch-literarische Vorabend, bei dem bisher immer Michael Köhlmeier Geschichten erzählte, Konrad Paul Liessmann in spielerisch-unterhaltsamer Philosophenmanier konterte, und so der Bogen über die kommenden inhaltsreichen Tage gespannt wurde. Die Messlatte war hoch, die Autorin Raphaela Edelbauer geschickt ausgewählt, und flankiert von Barbara Bleisch sowie Konrad Paul Liessmann – der Intendanz – ein Erfolg für den neuen Ansatz gewiss.

„Die echtere Wirklichkeit“ lautet der Titel des neuesten Buchs der österreichischen Schriftstellerin Raphaela Edelbauer, die für ihre philosophisch und wissenschaftlich fundierten Romane bekannt ist, hat sie doch neben dem Studium der Sprachkunst an der Angewandten auch Philosophie an der Universität Wien studiert, wo Liessmann lehrte. Da gibt es gleich ein Kompliment vom ehemaligen Professor, zur pointierten Schilderung einer Weihnachtsfeier an der philosophischen Fakultät im Buch. Ihr Werk setzt sich mit den Themen Wahrheit, Fake News, Desinformation und Radikalisierung in einer postfaktischen Welt auseinander. Die philosophische Aktivisten- und Terrorgruppe „Aletheia“ – nach der griechischen Göttin der Wahrheit – kämpft in einer Wiener WG-Kommune gegen die postmoderne Beliebigkeit, gegen alternative Fakten und Verschwörungstheorien und sie will der Gesellschaft die „eine, absolute Wahrheit“ zurückbringen.
„Die Wahrheit bedarf der Sorgfalt“, stellt Barbara Bleisch fest und fragt: „Lässt sich die Wirklichkeit steigern?“ Natürlich ist der Titel satirisch gemeint, doch Liessmann geht weiter und setzt das Attribut, mit dem die Wirklichkeit geschehen wird, in den Superlativ – am echtesten. Edelbauer wirft ein, es gäbe eine Wahrheit und viele Meinungen dazu sowie unzählige Methoden, sich ihr anzunähern. 

Verschwörungstheorien und Fake News

Im Buch würde laut Bleisch der Theorie extrem viel Gewicht verliehen und diese Extremistengruppe glaube wirklich, wenn sie den theoretischen Wahn ändere, die schreckliche Philosophie der Postmoderne ausrotten könnte, dann würden die Menschen an die Wahrheit glauben, es gäbe wieder eine Diskussion über die echtere Wirklichkeit. Damit landen wir bei den Verschwörungstheorien, denen Liessmann durchaus etwas abgewinnen kann, wenn diese im Film oder Roman vorkommen, wenn James Bond die Welt vor dem milliardenschweren, mächtigen Bösewicht rettet – „als Verschwörungstheorie angewandt auf die Wirklichkeit ist es grotesk, als ästhetische Diktion kann es unglaublich spannend sein“. Doch davon abgesehen hätte es immer wieder Verschwörungstheorien gegeben, die sich nachträglich als Wahrheit herausgestellt hätten (… mittlerweile gäbe es z. B. den Konsens, dass Corona nicht von der Fledermaus kam, sondern ein Laborunfall war), man solle besser keine überraschende oder absurde Lösung außer Acht lassen.
Und wie steht es um das die Demokratie untergrabende Potenzial von Fake News? Liessmann verweist darauf, dass wir eigentlich als platonische Höhlenbewohner (nach dem berühmten Gleichnis) den modernen Schattenbildern ausgesetzt seien, genau diesen Videos und Nachrichten, die uns eine Nichtwirklichkeit entgegenspiegeln, und diese ist tatsächlich kuratiert, mit einem Algorithmus ausgewählt, weist allerdings einen hohen Plausibilitätsgrad auf. Aber wie umgehen mit den Meldungen in den letzten Wochen, dass das eigentliche Problem die KI sei, wenn sie sich selbstständig macht und mit einer Wahrscheinlichkeit von 1:10 die Menschheit ausrotten wird, fragt Bleisch. Relativ gelassen, Liessmann: Der Weltuntergang habe immer als Propagandainstrument funktioniert, seit 2000 Jahren, aber auch hier gelte: apokalyptische „Wahrheiten“ müssen in gewissem Grad plausibel sein. Wir würden den genialen Entwicklern im Silicon Valley jedoch echte Besorgnis gar nicht zutrauen, denken eher an Gewinn und Konkurrenz … „welche Sorgen sind echt, echter … die eigenen wohl immer am echtesten“.
Doch zurück zur Überschrift dieses Abends: „Wieviel Wahrheit braucht der Mensch?“ Angesichts der Überflutungen könne man provokant fragen: Müssen wir dem etwas entgegensetzen? Liessmann bemüht Friedrich Nietzsche, der gesagt habe, der Mensch braucht nicht Wahrheit, der Mensch braucht Illusionen, nur diese erhalten uns am Leben, die Wahrheit wäre zu deprimierend. „Könnte es nicht sein, dass wir die Menschen einfach unterschätzen, dass wir sehr genau wissen, dass das, was uns da entgegen flimmert, Fake ist, dass es uns jedoch lieber ist als die Wahrheit, weil es Freude bereitet, darüber zu diskutieren, Positionen zu beziehen?“ Und er hält es mit Paul Karl Feyerabend (1924–1994) und seinem „Anything Goes“, dass es keine bindende These für wissenschaftliche Tätigkeit gäbe, keine letzten Kriterien um Wahrheit von Falschheit zu unterscheiden.
Die Pointe zum Schluss – zu den „Flat Earthern“, die glauben, die Erde sei eine Scheibe, mit der Antarktis in der Mitte: Wir würden zwar wissen, dass sich die Erde um die Sonne dreht, doch in unserem Alltag ist das in 500 Jahren nicht angekommen. „Niemand schaut in der Früh aus dem Fenster und sagt: Wieder einmal eine Erdumdrehung geschafft! – Jede und jeder sagt, die Sonne geht auf …“

www.philosophicum.com

Philosophicum – Aufzeichnungen

Remus-Impulsforum: Selber denken. Ein Konzept von gestern?
am 24.9. um 22.15 Uhr, Servus TV / Talk im Hangar-7

Philosophicum Dialoge II: Was ist zu tun?
am 27. 9. um 13:05, DLF Kultur

Philosophicum Dialoge I: Wie ist die Lage?
am 5.10. um 16:05 Uhr, Ö1

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