Werkraum Bregenzerwald sucht in der Vergangenheit die Zukunft Kurt Bereuter · Jän 2026 · Aktuell

Beim diesjährigen Neujahrsempfang im Werkraumhaus in Andelsbuch referierten Architekt Thomas Mennel und Hausforscher Klaus Pfeifer zum Thema der Zünfte im Bregenzerwald und welche Impulse diese für die Gegenwart liefern könnten.

Obmann Alois Berchtold konnte ein volles Haus begrüßen und berichten, dass etwa 20.000 Besucher:innen das Werkraumhaus im letzten Jahr aufsuchten, um das Handwerk im Bregenzerwald zu bestaunen, zu spüren und zu begreifen. Besonders betonte er die erfolgreiche Lehrlingsmesse „Let’s Werk“, die Hausmesse zur Rekrutierung von handwerklichem Nachwuchs, und den Schultypus der Werkraumschule gemeinsam mit den Wirtschaftsschulen Bezau. 80 Prozent der Schüler:innen, die den kaufmännischen Teil abschließen, würden anschließend in eine Lehre wechseln. Also ein überzeugendes Modell, das deshalb auch mit dem ISB Stiftungspreis Bildungsinnovation 2025 ausgezeichnet wurde. Die Jury würdigte den beispielhaften Ansatz, der Handwerk, Wirtschaft und Allgemeinbildung verbindet, regionale Wertschöpfung stärkt und jungen Menschen neue Perspektiven im ländlichen Raum eröffnet. Weiters berichtete Berchtold von der Shop-Erweiterung und seiner Neugestaltung, um den Betrieben mehr Ausstellungs- und Präsentationsfläche zu widmen.

Werkraumschule – ein Erfolgsmodell

Wenn 80 Prozent der Schulabgänger:innen der kaufmännischen Ausbildung in Bezau, die als Handelsschule mit Schnuppertagen in den Werkraumbetrieben konzipiert ist, anschließend in eine Lehre eintreten und auch die Gesellenprüfung ablegen, ist das beeindruckend. Die Schule liefert dem Handwerk jenen Nachwuchs, um den sich die Betriebe intensiv kümmern (müssen), neben der klassischen Handwerkerlehre, die immer noch, oder besser immer mehr, goldenen Boden bedeutet. Eine Ausweitung der Schüler:innenzahlen (gegenwärtig: eine Klasse mit 30 Schüler:innen) sei aufgrund der Engstelle in den Betrieben nicht möglich, was schade ist. Bekommt doch mit diesem Modell die Handelsschule eine neue Daseinsberechtigung und das Handwerk dringend nötigen, gut ausgebildeten Nachwuchs.

Handwerk+Form wird breiter

Geschäftsführer Cornel Hess konnte berichten, dass im kommenden Oktober die zehnte Ausstellung „Handwerk+Form“ stattfinden wird. Neu in diesem Jahr ist, dass es eine Kategorie „U21“ geben wird. Es sollen auch Junge, allein oder „mit einem Kumpel“, wie Hess sagt, mitmachen und dabei sein. Daneben sollen auch neue Gewerke mitmachen können, wie z. B. ein Elektriker, in dem sie mit anderen Handwerker:innen Kooperationen eingehen. Dadurch könne das Handwerk noch sichtbarer, noch bekannter werden und auch wachsen, sich noch mehr und besser entwickeln. 

Klaus Pfeifer – vom Material in der Landschaft

Der Dendrochronologe Klaus Pfeifer zählt nicht nur zu den wenigen profunden Hausforschern in unserem näheren Alpenraum, sondern auch zu den Archivarbeitern. So konnte er aus den beiden Laden der Andelsbucher und der Schwarzenberger Handwerkerzünfte Dokumente über Ausbildung, Wanderschaft und Können vorstellen. Besonders interessant: Schon in den vorigen Jahrhunderten gab es Handwerker:innen aus der Schweiz und Süddeutschland, die sich im Bregenzerwald in die Lehre begaben. Das ist auch heute nicht selten der Fall, hat doch das Bregenzerwälder Handwerk sich weit über die Region hinaus einen sehr guten Ruf zu eigen gemacht.

Zunftwesen heute für den Werkraum nutzbar machen

Noch heute gibt es in den Bregenzerwälder Gemeinden die Handwerkerzünfte, die heute oft Handwerker- und Gewerbevereine sind. Üblicherweise gibt es den Handwerkertag inklusive heiliger Messe, Begleitung durch den Musikverein und einer Sitzung mit anschließendem Ausklang beim Jassen oder Feiern. Nicht selten würden sogar ehemalige Handwerker:innen, die in Industriebetriebe ins Rheintal wechselten, für diesen Tag Urlaub nehmen, um dabei zu sein. So viel zur Bedeutung der dörflichen Handwerker- und Gewerbevereine, die aus den Zünften hervorgingen oder wiederbelebt wurden. 

Thomas Mennel – aus der Geschichte lernen

Referent Thomas Mennel betonte die Bedeutung der historischen Hausforschung für die Zukunft, denn es gelte von den Vorfahren zu lernen und das Wissen in die Zukunft weiterzuführen. Im Sinne des Themas des Abends – das Zunftwesen – erläuterte er die Bedeutung der Wanderung der Handwerker:innen in ihrer Ausbildung nach draußen, um mit neuen Kenntnissen wieder zurückzukehren, was dann nicht nur den Stilpluralismus im Handwerk ausmachte, sondern auch neue Techniken und neue Anwendungen mit sich brachte. Die Schriftstücke der Handwerkerzünfte wurden in sogenannten Laden, also kleinen Truhen, aufbewahrt und blieben so erhalten. Verwahrt wurden diese Laden beim Zunftmeister und es gab immer zwei Schlüssel, um sie zu öffnen. Was bei den Versammlungen bei offener Lade besprochen wurde, wurde dann auch verschriftlicht und in der Lade verwahrt.

Die Zu(ku)nft als Hoffnung?

Thomas Mennel beschäftigte sich anhand einer Folie mit der Frage, ob Zünfte auch für die Zukunft des Handwerks und des Werkraumes eine Bedeutung haben könnten. Während historisch die Zünfte für die Ausbildungsinhalte, die Organisation der Gemeinschaftsarbeit oder die „Freisprechung“ nach abgeschlossener Lehre und Wanderjahren bis zu den Löhnen zuständig waren, sind diese Inhalte heute in die Wirtschaftskammer und die Sozialpartnerschaft bzw. in das öffentliche Bildungswesen integriert worden. Was heute dem Zunftwesen – oder ähnlichen Vereinigungen wie dem Werkraum – überbliebe, wären vor allem die Öffentlichkeitsarbeit für das Handwerk, besondere Lehr- und Lerninhalte gemeinsam zu organisieren und zu vermitteln, den Fachaustausch zu pflegen und einen Fachgruppen-Zusammenschluss zu fördern. Attraktive Entlohnungsmodelle und überkollektivvertragliche Entlohnungen ergänzten diese Maßnahmen.    

Permanente Förderungen notwendig

Mit dem Werkraumhaus in Andelsbuch hat sich der Werkraumverein nicht nur einen Ausstellungs-, einen Präsentations- und Veranstaltungsraum geschaffen, sondern auch ein Haus, das belebt und bespielt werden muss. Das kostet bekanntlich Geld, das verdient werden muss, aus Zuwendungen von Mitgliedern, aktuell sind es etwa 95 Mitgliedsbetriebe, oder der Öffentlichkeit stammt – für 2026 hat das Land Vorarlberg das Werkraumhaus mit 160.000 Euro Jahresförderung bedacht. Weitere Zahlen seien nicht für die Öffentlichkeit bestimmt, auch der Beitrag der Gemeinden des Bregenzerwaldes über die Regio Bregenzerwald wollte nicht genannt werden.

„Ein Haus für das ganze Bregenzerwälder Handwerk“

Der Werkraum will ein „Haus für das gesamte Bregenzerwälder Handwerk“ sein, und dazu fehlen noch viele, viele Handwerker:innen, die bisher nicht im Werkraum Mitglied sind. Aktuell ist höchstens ein Viertel der Wälder Handwerksbetriebe integriert. Die (noch) Fehlenden zu motivieren, ist ein Knochenjob. Es über die örtlichen Zünfte zu versuchen, verlangt viel Fingerspitzengefühl. Denn einerseits sind die lokalen Zünfte gut in der dörflichen Gemeinschaft organisiert und haben ihre Funktionäre und Fahnenträger, andererseits sind sie als Wälderzünfte Teil des Bregenzerwälder Handwerks und könnten den Werkraum für sich nutzen. Ob sie alle Platz unter dem gemeinsamen Dach haben, ob die funktionierenden dörflichen Zunftstrukturen das aushalten, wird sich zeigen. Wie Cornel Hess in seinen Abschlussworten betonte, sei auch im Werkraum das Ehrenamt unverzichtbar. Ehrenamt verlangt Verantwortungsbewusstsein und/oder Begeisterung. Bei Obmann Alois Berchtold und Geschäftsführer Cornel Hess ist diese Flamme der Begeisterung spürbar, ob sie einen Großteil des Bregenzerwälder Handwerks erreicht, kann die nächste Ausstellung „Handwerk+Form“ aufzeigen, durch die Zahl der (Neu-)Einreicher:innen und durch die Qualität in den Einreichungen. Für den Bregenzerwald ist das Handwerk von größter Bedeutung, ob es der Werkraum für das Bregenzerwälder Handwerk auch ist, kann im Oktober unter Beweis gestellt werden. 

 

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