Wenn Schafe von der großen Welt träumen
Sonus Brass feierte mit einem starken Musiktheatererlebnis bei den Jungen Festspielen die Kraft der Fantasie.
Silvia Thurner · Jun 2026 · Musik

Die spannungsvolle Erwartung der vielen kleinen und großen Besucher:innen im voll besetzten Seefoyer des Bregenzer Festspielhauses war vor der Vorstellung des Musiktheaterstückes „MähTropolis“ von Stefan Dünser und Markus Kupferblum intensiv spürbar. Angekündigt war ein Familienkonzert, bei dem drei Schafe und ein Hund mitsamt seinem Herrchen die Hauptrollen spielen. Ein vielseitiges und hochkarätiges Musikprogramm mit Werken von Horovitz, Copland, Schostakowitsch, Kabalevsky, Prätorius, Debussy, Pixner, Pollack und Bernstein war dabei in eine humorvolle und geistreiche Geschichte eingebettet. Das Sonus Brass Ensemble mit Stefan Dünser, Attila Krako, Zoltán Holb, Jan Ströhle und Harald Schele zog mit seiner virtuosen Spielart und einer amüsanten Schauspielkunst die Zuhörenden sofort in seinen Bann. Der beste Gradmesser waren die Kinder, die von der ersten bis zur letzten Minute mucksmäuschenstill und gebannt in die Geschichte eintauchten.

Die Musiktheaterproduktionen des Sonus Brass Ensembles, wie die „Blecharbeiter“ oder „Die Verblecherbande“ und andere sind legendär und im deutschsprachigen Raum höchst erfolgreich. Nun legte Stefan Dünser, Mastermind des Blechbläserquintetts, noch einmal nach. In Zusammenarbeit mit dem Regisseur Markus Kupferblum, der Ausstatterin Nina Ball, der Choreografin Pascale-Sabine Chevroton und dem Lichtdesigner Matthias Zuggal entstand eine weitere Produktion, die die fröhliche, zugleich aber auch geistreiche Geschichte wunderbar musikalisch in Szene setzt. 

Neugier als Antrieb

Mit großem darstellerischem Talent verkörperten Stefan Dünser, Attila Krako und Zoltán Holb die drei Schafe Fred, Albert und John. Sie wurden vom umtriebigen Hütehund Craig (Jan Ströhle) in Schach gehalten. Craig wiederum war seinem Herrn (Harald Schele), dem Bauern, devot ergeben und erhielt für seine Arbeit eine feine Anzahl an Leckerlis. Eines der Schafe war abenteuerlustig und wollte wissen, was sich wohl hinter dem Zaun befindet. Es motivierte die beiden anderen, und gemeinsam machten sie sich auf den Weg in die Stadt. Amüsant stellten die Musiker rein pantomimisch und mit nuancierten Tierlauten dar, wie die Schafe mit den allgegenwärtigen Smartphones in Kontakt kamen und sie bei einem Einkauf im Supermarkt verlockende Vielfalt der Konsumwelt entdeckten. Den Höhepunkt bildete ein Friseurbesuch, bei dem sich die drei modisch auffrisieren ließen und sich mit ihren neuen Frisuren sehr viel attraktiver fühlten. Der Bauer und sein Hund waren den Ausreißern stets auf den Fersen. Erst allmählich begegneten sie sich alle Beteiligten „auf Augenhöhe“ und bemerkten die Qualitäten des Miteinanders und die Vorzüge des Landlebens, in das sie schließlich zurückkehrten.
Die Geschichte wurde auf einem bewundernswert hohen Niveau erzählt, denn die Musiker spielten nicht nur ihre Rollen hervorragend und mit einer mitreißenden Mimik und Gestik, sie machten ihre Kommunikation, Konflikte und Emotionen vor allem durch die dargebotenen Kompositionen erfahrbar.

Musikalische Themenführungen

So stellten sie mittels musikalischer Themenführungen den Widerstand und die Selbstbehauptung eines Schafes, das den Hund in seine Schranken wies, plastisch dar. Kürzere Phrasen wurden choreografisch und mittels Körpersprache kommunikativ zueinander in Beziehung gestellt. Beeindruckend wirkte auch jene Passage, in der ein durchgehender Ostinatobass die Monotonie des Stadtlebens verdeutlichte.
Die Werkauswahl war hervorragend auf den Handlungsverlauf abgestimmt und kristallisierte unterschiedliche Gefühlsregungen heraus. Die meisten Stücke, wie Joseph Horovitz' „Soubrette Song“ oder „Trick-Cyclists“ aus der Music Hall Suite, „How Down“ von Aaron Copland, der „Komödiantische Galopp“ von Dimitri Kabalevsky, „Golliwog’s Cake Walk“ von Claude Debussy entfalteten sich tänzerisch und in flotten Rhythmen, die den Handlungsverlauf wirkungsvoll vorantrieben. Demgegenüber entfalteten ruhig verweilende Passagen, wie der „Diplomlandler“ von Herbert Pixner oder der „Walzer aus dem Divertimento“ von Leonard Bernstein, eine große Intensität.
In einer Schlüsselszene stellte das Blechbläserquintett eine mitreißende Collage aus bekannten Filmmusiken in den Raum, die einen zusätzlichen Drive ergab und die Fantasie beflügelte.

Prägnante Bilder, Pantomime und Tierlaute

Das geistreiche Bühnenbild, das aus drei drehbaren Elementen auf der einen Seite eine Landschaft und auf der anderen Seite eine Stadtsilhouette zeigte, ermöglichte unkomplizierte und wirkungsvolle Szenenwechsel, die vom Lichtkonzept hervorragend unterstützt wurden.
Auch von den Tierlauten und der Pantomime, die die Musiker sehr gut studiert hatten, profitierte „MähTropolis“. In unterschiedlichsten Tonlagen und Ausdrucksformen kommunizierten die drei Schafe blökend miteinander. Wenige, aber prägnante Laute und Schnüffelgeräusche charakterisierten den Hund, nie einfältig oder lediglich des Effektes willen.

Ein bedeutendes Genre

„MähTropolis“ ist eine Koproduktion des Sonus Brass Ensembles, der Philharmonie Luxembourg, der Tonhalle-Gesellschaft Zürich, des Konzerthauses Wien und der Bregenzer Festspiele. Das Musiktheater hat bereits zahlreiche Kinder und Familien begeistert, und so wurde auch die Vorstellung im Rahmen der jungen Festspiele in Bregenz stürmisch gefeiert.
Musiktheaterproduktionen für Familien, die musikalische Inhalte auf derart unkonventionelle Weise und mit starken Bildern vermitteln, sind rar. Umso erfreulicher, dass das Sonus Brass Ensemble dieses Genre so unverwechselbar und künstlerisch überzeugend ausfüllt.

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