Wenn der Geist die Maschine küsst
Ein Abend über KI, Hegel und die Zukunft der Arbeit in der Schaffarei
Dagmar Ullmann-Bautz ·
Feb 2026 · Theater,Gespräch
In der Feldkircher Schaffarei feierte Daniela Eggers Stück „Move fast and break things“ Premiere. Ein kurzes, aber intensives Kammerspiel über die Disruption der Arbeitswelt, das technologische Euphorie mit hegelscher Philosophie kurzschließt.
Seit ihrer Eröffnung 2021 hat sich die Schaffarei hinter der Vorarlberger Arbeiterkammer als Ort der aktiven, lebendigen und kreativen Auseinandersetzung mit der Arbeitskultur von gestern, heute und morgen etabliert. Ein Ort, den man nicht nur besucht, sondern an dem man teilnimmt.
Ein Resonanzraum für das Wesentliche
„Reflektieren, vordenken, vermitteln und genießen“ sind die Schlagworte, unter die das engagierte Team seine Formate stellt. Und tatsächlich ist die Schaffarei ein Treffpunkt für interessante und interessierte Menschen: für alle, die über Erfolge und Misserfolge im eigenen Arbeitsleben sprechen möchten, über Zukunftsträume, über Brüche und Übergänge – oder ganz einfach über das, was im Alltag oft keinen Platz hat: den Austausch.
Das Programm ist vielfältig: Formate wie „Mittagessen mit meinem Traumjob“, „Museum des Wandels“, „ArbeitsLebensGeschichten“ oder „Mut-/Wutausbruch“ erzählen Geschichten, greifen Themen auf, eröffnen Gespräche. Und rund um die dreißig Veranstaltungen pro Jahr setzt ein zweitägiges Festival einen bewussten Gegenakzent: miteinander feiern – nicht als Pause vom Inhalt, sondern als Teil davon.
Theater und Diskussion
Mit „Mut-/Wutausbruch“ ist den Verantwortlichen etwas Besonderes gelungen. Ein Stück- und Inszenierungsauftrag geht an Vorarlberger Künstler:innen – und an drei aufeinanderfolgenden Abenden erlebt das Publikum zuerst ein etwa halbstündiges Theaterstück, danach ein moderiertes Gespräch mit Fachleuten. Theater als Auftakt, Diskussion als Resonanzraum: beides gleich ernst genommen.
Gestern nun, im zauberhaften Kellergewölbe der Schaffarei, feierte „Move fast and break things“ Premiere: ein Theater- und Gesprächsabend über künstliche Intelligenz. Text und Regie stammen von Daniela Egger, gespielt wurde von David Kopp. Zum fünften Mal nimmt Egger im Rahmen dieses Formats ein gesellschaftliches Thema in den Blick – und wieder gelingt ihr ein Text, der berührt, mitreißt, zum Denken reizt und dabei auch noch Humor hat.
Der Algorithmus als ungebetener Nachfolger
Eingeleitet wird der Abend durch eine kurze, überraschend zugängliche Zuspitzung von Hegels Herr-Knecht-Dialektik: Anerkennung, Abhängigkeit, Arbeit – und die Möglichkeit, dass gerade in der „Knechtschaft“ ein Freiheitsbegriff heranwächst. Von dort aus entfaltet sich die Geschichte von Max: aus der eigenen Firma ausgebootet, nicht von einem Konkurrenten, sondern von seinem eigenen digitalen Stellvertreter. Der Avatar, den er gefüttert, aufgebaut, ins Zentrum des Unternehmens eingeführt hat, entscheidet nun ohne ihn. Max bleibt das Gesicht nach außen, während im Inneren „Rationalität“ gegen „Emotion“ ausgespielt wird – und Verantwortung als Störfaktor erscheint.
Faszination und Unbehagen
Daneben steht Nick: jung, begeistert, getrieben von Fortschrittslust. Er lobt die Entwicklungen unserer Zeit, feiert Effizienz, Symbiose, Chancengleichheit durch technische Assistenz – und stolpert doch in Irritationen hinein, die er zunächst wegatmet. Gerade diese Figur kippt den Abend nicht in eine eindeutige Warnparabel. Sie hält die Ambivalenz offen: Faszination und Unbehagen, Tempo und Kosten, Zugewinn und Verlust.
In einer zentralen Filmsequenz lässt Egger Hegel (ebenfalls David Kopp) direkt mit der KI debattieren. Hier zeigt sich die ganze Brillanz der Reflexion der Autorin: Die KI fragt, ob sie der „moderne Knecht“ sei – dienend, aber lernend. Die Antwort, die das Stück gibt, ist so visionär wie beunruhigend: Das Ende ist kein Sieg einer Seite, sondern die „Aufhebung der Grenze zwischen beiden“. Der Geist erhebt sich durch die Technik zu sich selbst. Diese Versöhnung im Erkennen ist der eigentliche Wendepunkt des Stücks.
Spiel mit Präzision und Nachhall
Die Inszenierung ist knapp, konzentriert, und sie vertraut dem Spiel. Kopp bewegt sich sicher, nimmt das Publikum mühelos mit, arbeitet mit präzisem Timing und einem ausgeprägten Minenspiel. Wenn man sich etwas wünschen möchte, dann an einzelnen Stellen noch mehr Mut zu den leisen Tönen – weil gerade dort die Verstörung am längsten nachhallt.
„Move fast and break things“ ist mehr als ein Theaterstück über Technik; es ist eine Reflexion über das, was uns als Menschen ausmacht, wenn die Maschine beginnt, nicht nur unsere Arbeit, sondern auch unser Wesen zu spiegeln. Das Publikum dankte mit jubelndem Applaus.
Ausgewiesene Expert:innen und rege Publikumsteilnahme
Der Abend fand seine Fortsetzung in einer von Brigitta Soraperra moderierten Diskussion über Chancen und Gefahren von KI, über Verantwortung und Vorbereitung. Mit Dr. Sabrina Schneider (Forschende und Lehrende, FH Dornbirn), Dr. Sebastian Ganger (Datenanalyst bei illwerke vkw) sowie Dominic Götz (Abteilung Interessenspolitik für Grundlagenarbeit in der AK) saßen Expert:innen auf dem Podium, die den Bogen von der Forschung bis zur interessenpolitischen Praxis spannten.
Bemerkenswert war auch die Atmosphäre im Publikum: Der hohe Frauenanteil bei diesem doch techniklastig besetzten Thema und die rege Beteiligung, die sich auch noch nach dem offiziellen Ende in kleinen Gesprächskreisen fortsetzte, unterstreichen den Erfolg des Konzepts.
Fazit: Ein großartiger Abend, der nicht beruhigt, sondern wach macht. Die Schaffarei beweist einmal mehr, dass sie der Ort ist, an dem die wichtigen Fragen unserer Zeit einen Platz zum Atmen finden. Man darf sich bereits auf den nächsten „Mut-/Wutausbruch“ freuen.
Weitere Termine:
6. und 7. Februar sind bereits ausgebucht
Infos und weitere Veranstaltungen unter www.schaffarei.at